Archiv

"Umwelt-Hitler" gegen "blondes Gift"London wählt den Mayor

21.04.2008, 13:44 Uhr

Ein linker Umweltfanatiker, ein Blondschopf ohne nennenswerte politische Erfahrung und ein schwuler Polizist: Wenn es darum geht, wer künftig in London das Sagen haben soll, haben Bürger der Metropole am 1. Mai eine besonders schillernde Auswahl.

Ein linker Umweltfanatiker, ein Blondschopf ohne nennenswerte politische Erfahrung und ein schwuler Polizist: Wenn es darum geht, wer eine der wichtigsten Metropolen der Welt künftig regieren soll, haben die Londoner am 1. Mai eine besonders schillernde Auswahl. Während es für die Bürger vor allem um die Erhöhung oder Nicht-Erhöhung der Citymaut geht, liefern sich die Hauptkandidaten - der amtierende Bürgermeister Ken Livingstone und sein konservativer Gegner Boris Johnson - ein bizarres Kopf-an-Kopf Rennen. Dass Kommunalwahlen in ganz England und Wales anstehen und diese als erster großer Test für Premierminister Gordon Brown gelten, ging in dem Getöse lange Zeit unter.

Erst sah es so aus, als könne der für seine extrem linken Ansichten berühmte Livingstone von der Labour-Partei locker eine dritte Amtszeit einstreichen. Er hatte die "Verstopfungsgebühr" eingeführt und den Verkehr in der Innenstadt zumindest ein wenig beruhigt. Er investierte in das Busnetz, verbesserte das Ticketsystem der U-Bahn und holte die Olympischen Spiele 2012 nach London. Dass er Verbindungen zum umstrittenen Präsidenten Venezuelas, Hugo Chvez, pflegt, und einst einen jüdischen Journalisten mit einem KZ-Aufseher verglich, wurde ihm großmütig verziehen.

"Roter Ken" bei Madonna abgeschrieben

Doch das Verkehrssystem steht nach acht Jahren Livingstone vor dem Kollaps, und die Umweltbesessenheit des 62-Jährigen geht vielen auf den Keks: Medien nannten Livingstone bereits "Umwelt-Hitler". Für Ärger sorgte zuletzt sein Vorschlag, die Innenstadtmaut für hochmotorisierte Autos auf umgerechnet 31 Euro pro Tag zu erhöhen. Auch die Kriminalität auf Londons Straßen - vor allem unter Jugendlichen - und der Vorwurf der Vetternwirtschaft haben Livingstones Stuhl erstmals ins Wanken gebracht. Selbst Pop-Ikone und Wahl-Londonerin Madonna schaltete sich ein und verkündete, sie würde dem "Roten Ken" niemals ihre Stimme geben.

Und so liegen Livingstone und sein blonder Herausforderer Johnson von den konservativen Tories in den meisten Umfragen nahezu gleichauf. Der 43-jährige Johnson sammelte vor allem mit dem Versprechen Bonuspunkte, die Erweiterung der Mautzone im Westen wieder rückgängig zu machen.

Doch auch "The Blonde Bombshell" (Das blonde Gift), wie Johnson zuweilen genannt wird, hat seine Kritiker. Dem früheren Herausgeber des Magazins "Spectator" wird vor allem seine fehlende Erfahrung in der Politik angekreidet. "Den "Spectator" zu führen, war ein relativ einfacher Job - die schwerste Entscheidung war, wo man mit seinen Kollegen zu Mittag isst", höhnte Livingstone. Dass Johnson gestand, mit 19 gekokst zu haben, das Pulver jedoch für Puderzucker gehalten hatte, hob seine Seriosität nicht unbedingt. In einer Umfrage sagten zuletzt 40 Prozent, sie hielten Johnson für nicht ernsthaft genug, um London und seine 7,4 Millionen Einwohner zu regieren.

Vielen erscheint im Kampf "Ken gegen Boris" Brian Paddick von den Liberaldemokraten als der perfekte Bürgermeister.

Der 49-Jährige ist attraktiv und versteht als ehemals hochrangiger Polizist bei Scotland Yard etwas von Kriminalität. Dass er offen zu seiner Homosexualität steht, schadet ihm in einer Stadt wie London kaum. Doch neben den großen Parteien Labour und den Tories können die Liberalen nicht mit der gleichen Anhängerschaft aufwarten.

Auch wenn im Londoner Wahlkampf die Personen im Vordergrund stehen - letztlich wird ein Sieg oder eine Niederlage des jeweiligen Kandidaten direkt auf die Partei zurückgeführt. Eine Niederlage Livingstones wäre daher vor allem für Premierminister Brown, der derzeit selbst innerhalb der eigenen Partei in der Kritik steht, ein Debakel und könnte gar seinen Verbleib an der Regierungsspitze gefährden, schreiben Medien. Für den Fall des Sturzes hatte die Zeitung "Times" aber schon eine Lösung parat: Neuer Premier des Vereinten Königreichs könnte dann ja Livingstone werden.

Von Annette Reuther, dpa