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US-Wahlnotizen INach der Wahl ist vor der Wahl

16.01.2008, 15:17 Uhr

Das Schöne an der Kandidatenauslese des Jahres 2008 ist, dass sich selbst die so genannten Experten kaum mehr aus der Deckung wagen. Ein Tränchen hier, ein Fehltritt da, und schon stimmt keine Prognose mehr.

Das Schöne an der Kandidatenauslese des Jahres 2008 ist, dass sich selbst die so genannten Experten kaum mehr aus der Deckung wagen. Ein Tränchen hier, ein Fehltritt da, und schon stimmt keine Prognose mehr. Die bisherigen Ergebnisse haben auf jeden Fall eines gezeigt: Die Wahlen bleiben unberechenbar.

Nach dem Heimerfolg Mitt Romneys in Michigan besitzen die Republikaner eine kuriose Ausgangslage: Nach drei verschiedenen Wahlen gibt es drei verschiedene Sieger. Das heißt aber auch, dass sich niemand abzusetzen und das Parteivolk wirklich zu begeistern vermochte. Auf Seiten der Demokraten haben die Wähler ebenfalls einen gewissen Sinn für Gerechtigkeit entwickelt. Hillary Clinton und Barack Obama haben beide je einen Sieg auf dem Konto. Selbst der sogenannte Super Tuesday am 5. Februar, wenn in insgesamt 24 Bundesstaaten abgestimmt wird, muss keine Entscheidung bringen. Die könnte vertagt werden – theoretisch bis zu den Wahlparteitagen Ende August, Anfang September, wenn die Kandidaten offiziell nominiert werden.

Der Showdown sollte aber zumindest dazu beitragen, das unübersichtliche Kandidatenfeld etwas auszudünnen. Bei den Republikanern spricht noch ein Quintett von echten Chancen: Mike Huckabee nach seinem Sieg in Iowa, John McCain als Konsequenz seines Comebacks von New Hampshire, und nun Mitt Romney mit dem frischen Wind aus Michigan. Doch auch Fred Thompson, der auf einen Sieg in South Carolina hofft, und Rudy Giuliani, der von Anfang an ganz auf Florida setzte, geben sich noch nicht geschlagen. Kompliziert ist die Lage auch bei den Demokraten: Hillary Clinton und Barack Obama, die den Spitzenplatz unter sich ausmachen dürften, müssen noch ein Weilchen mit John Edwards leben, dessen Empfehlung am Ende den Ausschlag geben könnte.

Zwischen "jeder Stimme" und den "big points"

Bis dahin hält der Terminkalender etliche Etappen parat. Nevada (19.1.), South Carolina (26.1.) und Florida (29.1.) bei den Demokraten; ebenfalls South Carolina (19.1.) und Florida (29.1.) bei den Republikanern. Trotz dieser Wahlkampfdichte: Bis zum 5. Februar werden erst 4 Prozent der Delegiertenstimmen vergeben sein; um weitere 52 Prozent geht es am Super Tuesday bei den Demokraten, um 41 Prozent bei den Republikanern. Die Demokraten lassen an diesem einen Tag in 22 Bundesstaaten abstimmen, die Republikaner in 21. Darunter befinden sich Schwergewichte wie Kalifornien, New York, Illinois, New Jersey, Massachusetts und Georgia.

Hillary Clinton setzt ganz auf ihren Ostküstenbonus. Wohnhaft in New York, hofft sie auf einen Sieg auf heimatlicher Scholle sowie in den benachbarten Staaten New Jersey, Connecticut, Massachusetts und Delaware. Außerdem werden ihr gute Chancen in Arkansas eingeräumt, wo ihr Mann Bill seine Karriere als Gouverneur einst gestartet hatte. Kalifornien gilt ebenfalls als Clinton-freundlich: Der größte Staat der USA hat einen überproportionalen Anteil an Latinos; und die sehen in Barack Obama, so die landläufige Meinung, in erster Linie den Vertreter einer konkurrierenden Minderheit. Und nur in zweiter einen wählbaren Kandidaten.

Obama selbst, wohnhaft in Chicago, setzt auf seinen Heimvorteil in Illinois und auf die Stimmen im schwarzen Süden des Landes: Tennessee, Alabama, Georgia. Außerdem unterhält er, ebenso wie Hillary, in nahezu allen Staaten Wahlkampfbüros. Anders als bei den Republikanern werden die Delegiertenstimmen der Demokraten nach der prozentualen Stimmenverteilung vergeben. Es kommt also auf jede Stimme an, sofern man die 15 Prozent-Hürde nimmt. Sowohl für Hillary als auch für Obama sollte die in jedem Falle zu knacken sein. Nur John Edwards droht in mehreren Staaten genau daran zu scheitern. Seine Kampagne – längst Gegenstand der Latenighttalker. Edwards rede von "den zwei Amerikas" – doch leider wählen ihn beide nicht, feixt Jay Leno.

Bei den Republikanern fallen dem Sieger eines Staates automatisch alle Stimmen zu. Das erleichtert für gewöhnlich die Kandidatenfindung; doch in diesem Jahr ist selbst darauf kein Verlass. McCain gilt als zu liberal, Romney als Opportunist (außerdem ist er Mormone, was vielen als noch suspekter erscheint), Huckabee als substanz- und Thompson als lustlos. Giuliani schließlich könnte Opfer seiner eigenen Strategie werden: Er ignoriert die frühen Vorwahlen und will erst am 29. Januar in Florida antreten. Bis dahin nimmt ihn kaum jemand wahr und vor allem ernst.

"Change"

Demokraten und Repubklikanern gemein ist das große Thema "Wechsel". Ein Jahr vor dem Ende seiner zweiten und letzten Amtsperiode ist der amtierende Präsident dermaßen unpopulär, dass inzwischen alle eine Veränderung versprechen. Obamas Vorteil ist, dass er das Wahlkampfthema zuerst besetzt hat - und schon wegen der Hautfarbe und des Alters (46) den Wandel nicht großartig erklären muss, sondern ihn regelrecht personifiziert. Dafür verlor er den Exklusivanspruch auf diesen Wahlkampfschlager und muss nun Substanz nachliefern.

Hillary Clinton läuft dem Zeitgeist hinterher und verkörpert, mit ihrem Ehemann Bill und dessen Ex-Außenministerin Madeleine Albright an ihrer Seite, das Politik-Establishment der 90er Jahre. Immerhin spricht ihr niemand Qualifikation und Erfahrung ab. Das notwendige Quentchen Emotion hat sie kurz vor Wahlkampfschluss in New Hampshire nachgereicht: Der kurzzeitige Verlust ihrer Fassung bei einer harmlosen Teeparty hat ihr nicht nur Sympathien, sondern offenbar auch Stimmen eingebracht. "Hillary heult sich ins Weiße Haus", hieß es anschließend nur halb im Scherz.

Auf jeden Fall hat sie, ähnlich wie Obama, den notwendigen Apparat und die Ressourcen, um auch nach dem 5. Februar weiterzumachen. Und zwar unabhängig vom Ergebnis. Bei den Republikanern ist Mitt Romney in der Lage, sich beliebig aus eigener Kasse zu bedienen und das Ende seiner Kandidatur selbst zu bestimmen.

Finanziell noch unabhängiger ist ein ganz anderer, den die etablierten Kandidaten auch künftig lieber abseits sehen: Michael Bloomberg. Der Bürgermeister von New York, einstmals Demokrat, dann Republikaner und seit dem Sommer des vergangenen Jahres parteilos, lässt derzeit seine Wahlchancen eruieren. Als unabhängiger Kandidat könnte er sich das Vorwahltheater sparen und müsste nur genügend Unterschriften sammeln, um in allen 50 Staaten auf den Wahlzettel zu kommen. Die Kosten für eine erfolgversprechende unabhängige Kandidatur werden auf mindestens eine Milliarde Dollar taxiert. Für Bloomberg ist das kein Problem: Das Vermögen des Mannes wird auf mindestens elf Milliarden Dollar geschätzt.

Erklärendes, Analysierendes, Kurioses, Überraschendes, Faszinierendes und Humorvolles: Christian Wilp, n-tv Washington-Korrespondent, beobachtet für n-tv.de den US-Wahlkampf 2008.