"Es gibt nur einen Präsidenten"Obama fehlt bei G20-Gipfel
In wenigen Wochen wird Barack Obama das mächtigste Land der Welt führen. Auf dem Weltfinanzgipfel ist er deshalb noch nicht dabei. Beobachter meinen, das sei strategisch richtig so. Aber seien die Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen.
Wenn die Staats- und Regierungschef der führenden Industriestaaten in Washington über die Weltfinanzkrise beraten, ist ausgerechnet der Mann nicht dabei, der künftig das mächtigste Land der Welt führen wird. Statt mit dem neu gewählten US-Präsidenten Barack Obama an einem Tisch zu sitzen, müssen die Mitglieder der G20 mit Noch-Präsident George W. Bush vorlieb nehmen. "Die Welt wartet auf Barack Obama", meint die "New York Times" lakonisch, doch die Gipfelteilnehmer "müssen weiterhin warten". Schlechtes Omen für das Spitzentreffen?
Schon jetzt urteilen Beobachter, wegen der Abwesenheit Obamas müssten die Ergebnisse des Gipfels mit großer Vorsicht genossen werden. Bush, der noch bis zum 20. Januar im Amt ist, sei längst zur "lame duck", zur lahmen Ente geworden, der die Zukunft nicht mehr gestalten kann. Obama wiederum sei klug genug, dem Treffen fern zu bleiben - nicht zuletzt will er den Eindruck vermeiden, er sei für die Misere auf den Finanzmärkten mitverantwortlich. Die Katastrophe, die inzwischen Milliarden an Werten vernichtet hat, hat ihren Ursprung in den USA: Das Zocken der Finanzbranche mit ungesicherten Hauskrediten endete im Zusammenbruch von Banken rund um den Globus.
Peinliche Missverständnisse
Obamas Abwesenheit hat bereits zu peinlichen Missverständnissen geführt. So verlautete etwa vor einigen Tagen in Moskau, der russische Präsident Dmitri Medwedew wolle gerne seinen künftigen Kollegen treffen. Doch der künftige Mann im Weißen Haus kommt vorsorglich erst gar nicht nach Washington, sondern bleibt zu Hause in Chicago.
Tatsächlich hat Obama selbst signalisiert, dass er von einer Präsenz beim Gipfel nichts hält. "Es gibt stets nur einen Präsidenten", sagte er bereits vergangene Woche. Es müsse klar sichtbar sein, wer die Verantwortung trage. "Meine Präsidentschaft beginnt am 20. Januar." Mitarbeiter im Obama-Lager betonten, wäre ihr Chefs am Verhandlungstisch, würde dies die ganze Sache nur erschweren. "Was wäre etwa, wenn die gegenwärtige Regierung einen Vorschlag macht, mit dem er (Obama) nicht einverstanden ist?", sagte ein Parlamentarier.
Schwieriger mit Obama
"Zwar mögen einige sagen, es sei misslich, dass er nicht dabei ist", meinte Robert Gibbs, ein Berater Obamas. "Aber es wäre sehr viel schwieriger, wenn er dabei wäre." Immerhin hat der neue Mann ein erfahrenes Politiker-Duo als Vertreter geschickt. Ex-Außenministerin Madeleine Albright und der ehemalige republikanische Kongressabgeordnete Jim Leach sollen zu "inoffiziellen Treffen" mit den Delegationen der G20-Mitglieder zusammenkommen, verlautete aus Obamas Büro. Auch das Weiße Haus signalisierte, im Sinne einer reibungslosen Machtübernahme alles zu tun, um den Nachfolger auf dem Laufenden zu halten.
Ohnehin, meinen US-Zeitungen, habe Obama seine Meinungsbildung in Sachen Krisenbekämpfung noch nicht abgeschlossen. Zwar betont er, der Kampf gegen die Krise habe Vorrang, und fordert ein umfassendes Konjunkturprogramm, um der lahmenden US-Wirtschaft auf die Beine zu helfen. Doch was das "Kleingedruckte" angeht sowie die komplizierten, finanztechnischen Details von Kontrollen für den Finanzsektor, bleibt der Neue noch bewusst vage. Schließlich hat Obama noch nicht einmal einen Finanzminister ernannt.
Und überhaupt: Beim Gipfel in Washington geht es zunächst einmal darum, eine grundsätzliche Verständigung zu erreichen und einen Reformprozess der internationalen Finanzkontrolle in Gang zu setzen. Zur Ausarbeitung konkreter Schritte, so lautet der bisherige Fahrplan, sind dann mehrere Monate vorgesehen. Vermutlich sollten konkreten Handlungsanweisungen im März aufgestellt werden - dann ist auch der 44. Präsident der USA in Amt und Würden.
Peer Meinert, dpa