Übler Scherz am TelefonPakistan am Rande des Kriegs
Das Verhältnis zu Indien war angespannt, als bei Pakistans Präsidenten das Telefon klingelte. Es war angeblich Indiens Außenminister, der Pakistan mit einem Militärschlag drohte.
Die Stimmung zwischen Indien und Pakistan war wegen der Terrorserie von Bombay bereits angespannt, als beim pakistanischen Präsidenten Asif Ali Zardari am Freitag vor eineinhalb Wochen das Telefon klingelte. Der Anrufer stellte sich als indischer Außenminister Pranab Mukherjee vor - und er drohte Zardari mit einem Militärschlag, sollten die in Pakistan vermuteten Drahtzieher der Terrorangriffe von Bombay nicht sofort zur Rechenschaft gezogen werden. Niemand weiß, wer der Anrufer war. Klar ist nur: Mukherjee war es nicht. Der üble Scherz brachte die verfeindeten Atommächte an den Rand eines Krieges.
Die Zeitung "Dawn" berichtete am Samstag, die pakistanische Regierung habe Indien die "Kriegstrommel" rühren hören. Islamabad reagierte nach dem Anruf hektisch. Die pakistanische Luftwaffe wurde in Alarmbereitschaft versetzt. Kampfjets stiegen mit scharfer Munition über der Hauptstadt auf. Am Samstag drohte die pakistanische Armee damit, 100.000 Soldaten vom Anti-Terror-Kampf an der afghanischen Grenze abzuziehen und ins Grenzgebiet zu Indien zu verlegen - was möglicherweise fatale Folgen für die ohnehin angespannte Sicherheitslage am Hindukusch gehabt hätte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war auch Washington zutiefst beunruhigt.
US-Präsident George W. Bush entsandte Außenministerin Condoleezza Rice nach Neu Delhi und Islamabad, um den eskalierenden Konflikt zu entschärfen. Die pakistanische Regierung hatte Rice laut "Dawn" bereits kurz nach der angeblichen indischen Drohung am Freitag vorvergangener Woche über die "gefährliche Lage" informiert. Erst als Rice mitten in der Nacht den indischen Außenminister Mukherjee kontaktierte und dieser bestritt, der Anrufer gewesen zu sein, begann sich die Lage langsam wieder zu beruhigen, berichtete "Dawn". Es habe jedoch noch mehrere Stunden intensiver internationaler Bemühungen bedurft, um die Situation endgültig zu bereinigen.
Kein Durchkommen zu Rice
Nach den Enthüllungen von "Dawn" fragten sich am Wochenende fassungslose Beobachter in Indien und Pakistan, wie der Präsidentenpalast in Islamabad dem falschen Anrufer so leicht auf den Leim gehen konnte. "Was wäre passiert, wenn Zardari sich auf der Basis des Anrufes entschieden hätte, einen vorbeugenden Nuklearangriff auf Indien anzuordnen?", zitierte die indische Zeitung "The Hindu" am Sonntag einen Diplomaten. Nach "Dawn"-Informationen gab es im Büro des Präsidenten keinerlei Versuche, die Identität des Anrufers zu überprüfen. Derselbe Mann habe wohl auch probiert, Rice anzurufen, hieß es. Er sei aber nach der üblichen Überprüfung gar nicht erst durchgestellt worden.
Die pakistanische Regierung teilte am Samstag mit, die Anrufer-Erkennung habe angezeigt, dass ein Apparat mit einer registrierten Nummer aus dem Außenministerium in Neu Delhi benutzt worden sei - was Indien bestreitet. "Ich kann diese Serie an Ereignissen nur auf jene in Pakistan zurückführen, die von der Tatsache eines Angriffes auf Indien durch Elemente in Pakistan von pakistanischem Territorium aus ablenken wollen", sagte Mukherjee am Sonntag. "Es ist allerdings beunruhigend, dass ein Nachbarstaat auch nur erwägt, auf der Basis eines solchen falschen Anrufs zu handeln."
Auch aus Pakistan kam Kritik am amateurhaften Vorgehen im Präsidentenpalast mitten in einer schweren Krise. "Das ist eine absolut verantwortungslose Haltung, die sehr gefährlich sein kann, wenn man einen Nuklearstaat anführt", sagte der frühere Minister und Vertraute von Ex-Militärmachthaber Pervez Musharraf, Ahmed Raza Kasuri. "Jemand muss schwer bestraft werden für diesen Sicherheitsmangel, und wenn es der Präsident selber ist." Die Zeitung "Dawn" kommentierte: "Uns fehlen die Worte zu beschreiben, was eine Komödie der Fehler wäre, hinge nicht das Schicksal von 1,3 Milliarden Indern und Pakistanern davon ab, wie die Beamten mit der Verantwortung für das Spitzenamt umgehen."
Nadeem Sarwar, dpa