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Russlands Militär in AufruhrRadikalreform für Streitkräfte

18.12.2008, 16:16 Uhr

Russlands Militär ist in Aufruhr. Die Streitkräfte des Riesenreichs erleben derzeit eine Radikalreform, wie es sie zuletzt vor rund 150 Jahren gab.

Russlands Militär ist in Aufruhr. Die Streitkräfte des Riesenreichs erleben derzeit eine Radikalreform, wie es sie zuletzt vor rund 150 Jahren gab. "Wir brauchen kompakte und schlagkräftige mobile Einheiten, die selbstständig agieren können", erklärt Generalstabschef Nikolai Makarow das Reformziel. Im Kern geht es darum, die Zahl der Soldaten auf eine Million zu begrenzen, Befehlsketten zu verkürzen und die Kampfausrüstung zu modernisieren. Bis 2012 soll allein die Zahl der Offiziere auf 160.000 halbiert werden. Die Pläne sorgen für Unruhe in der Truppe.

"Viele in den Streitkräften fühlen sich verunsichert. Es fehlt an einer klaren ideologischen Linie", klagt der Vorsitzende des Ausschusses für Verteidigung und Sicherheit im Föderationsrat, Viktor Oserow. Es sei zum Beispiel offen, woher in Zeiten der Finanzkrise das Geld für die soziale Absicherung der gekündigten Militärs sowie für die gesamte Finanzierung der umstrittenen Reform kommen soll. Die Regierung unter Wladimir Putin betonte wiederholt, dass Langgediente bei ihrer Entlassung eine Wohnung vom Staat erhalten sollen.

Militär am Boden

Kritiker wie der Militärexperte Pawel Felgenhauer meinen, die Reformpläne, die auch eine Auslagerung von Dienstleistungen wie etwa der ärztlichen Versorgung vorsehen, seien unausgegoren. Hinter vorgehaltener Hand beklagen viele Uniformierte, Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow habe als Zivilist keine Ahnung vom Militär einer Weltmacht. Angesichts der Personalkürzungen werfen sie ihm vor, vor der NATO und der Supermacht der USA zu kapitulieren. Nicht zuletzt sehen sie in den Reformplänen auch ein Eingeständnis von Schwäche. So fürchten sie, im Zusammenhang mit Russlands Widerstand gegen die US-Raketenabwehrpläne in Mitteleuropa Abschreckungspotenzial einzubüßen.

Dabei ist auch dem Westen trotz Moskaus Muskelspielen seit langem klar, dass das russische Militär mit seiner maroden Kampftechnik aus Sowjetzeiten und einem dahin rostenden Atomwaffenarsenal am Boden liegt. Die Entsendung der Kriegsmarine auf die Weltmeere und zu Übungen in der Karibik sowie die Patrouillen von Langstreckenbombern nimmt außerhalb Russlands kaum jemand ernst. Makarow betont, dass Russland kein neues Wettrüsten wolle und zur Zusammenarbeit mit der NATO bereit sei. Allerdings sieht Moskau nach den regionalen Kriegen im Kaukasus - zuletzt gegen Georgien und vor einigen Jahren in Tschetschenien - dringend Handlungsbedarf. Nur ein Fünftel der Einheiten sei für spontane Kampfeinsätze bereit, kritisierte Makarow.

Militärtechnik aus dem Ausland

Ziel sei es, mit solider Ausbildung und neuer Technik "effektive Kampfverbände" zu bilden, die auf Bedrohungen wie Regionalkonflikte und Terrorismus reagieren, sagt Makarow. Felgenhauer aber bezweifelt, dass die russische Rüstungsindustrie in der Lage ist, ihre Waffensysteme aus eigener Kraft zu erneuern. Immer wieder kommt es zu Verzögerungen bei der Entwicklung von neuen Raketen, Atom-U-Booten und beim Satellitensystem GLONASS. Das auf seine Waffen bisher so stolze Russland plant laut der Zeitung "Kommersant", erstmals seit 1940 selbst wieder Militärtechnik im Ausland einzukaufen. Konkret gehe es dabei zunächst um Spionageflugzeuge aus Israel.

Die Kampfmoral in Russlands Militär droht weiter zu sinken. Reformkritiker warnen davor, Traditionen ruhmreicher Verbände, die stolz auf ihre Ehrentitel sind, durch neue Kommandostrukturen aufs Spiel zu setzen. Serdjukows Reform sei der Abschied von dem noch aus Sowjetzeiten stammenden Konzept einer Massenmobilmachung im Ernstfall, kommentierte die russische Wochenzeitschrift "The New Times". Die Änderungen seien vor allem auch eine Reaktion auf den andauernden Bevölkerungsschwund und die begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes.

Quelle: Ulf Mauder, dpa