Dienstag, 10. Juni 2008
Kritik am CO2-Kompromiss: "SUVs sind wie Petticoats"
Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel haben sich auf einen Kompromiss zu den CO2-Grenzwerten für Autohersteller geeinigt. Die deutsche Autoindustrie feiert das als Erfolg. "Die Einigung ist eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Vorschlag der EU-Kommission, auch wenn sie noch keine Ideallösung darstellt", sagt Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Der VCD hingegen sieht noch reichlich Verhandlungsbedarf und einen weiten Weg für die deutschen Autobauer. Gerd Lottsiepen, verkehrspolitischer Sprecher des VCD, im n-tv.de-Interview.
n-tv.de: Was halten Sie von dem gestern getroffenen Kompromiss zwischen Frankreich und Deutschland bezüglich der CO2-Grenzwerte für Autohersteller?
Gerd Lottsiepen: Wir kritisieren diesen Kompromiss scharf. Das ist unserer Meinung nach ein Verrat an der europäischen Klimaschutzpolitik. Die deutsche Autoindustrie hat scheinbar einen Sieg errungen, muss aber aufpassen, dass sie jetzt im Gefühl des sicheren Sieges nicht darauf verzichtet schnell kleinere, energieeffiziente Fahrzeuge zu bauen. Die Konkurrenz aus Asien und Frankreich tut dies längst.
War der Kompromiss denn ein Sieg für die deutsche Autoindustrie?
Die deutsche Autoindustrie hat das erreicht, was sie erreichen wollte. Nur, die Einigung gestern bleibt noch sehr unkonkret. Das Langfristziel, 95 bis 110 Gramm CO2-Emission, ist eine solch breite Spanne, dass da noch eine Menge Verhandlungen notwendig sein werden. Das wird man in den nächsten Monaten sehen müssen, wieweit da die Freundschaft wirklich reicht.
Erwarten Sie denn Zustimmung zu dem Kompromiss aus den südeuropäischen Ländern? Frankreich, Italien und ein stückweit auch Spanien bauen ja kleinere, CO2-ärmere Autos.
Man muss differenzieren, welche Autoindustrie in den einzelnen Ländern das Sagen hat. In Spanien ist beispielsweise der Volkswagen-Konzern sehr stark. Das konnte man auch an den Verhandlungen des Ministerrates sehr gut beobachten. Überall da, wo die deutsche Autoindustrie Fabriken hat, haben sich diese Länder sehr nahe an der deutsche Position geäußert. Die deutsche Autoindustrie hat da heftig lobbyiert in den letzten Monaten. Wir wissen, dass Länder die keine große Autoindustrie haben, die aus dem Ausland bestimmt wird, den Klimaschutz deutlich wichtiger nehmen und dem ursprünglichen Vorschlag der Kommission weitgehend folgen. Die Niederländer zum Beispiel sind ein Land, das die Ziele sogar eher noch höher hängen würde. Im Übrigen wird es auch bei den Europaabgeordneten schal aufstoßen, wenn Deutschland und Frankreich jetzt so tun, als ob sie diese Einigung erzielt hätten. Um zu einem Ergebnis zu kommen ist aber ein gemeinsamer Beschluss des Europa-Parlaments und des Ministerrates notwendig. Da ist aber noch unklar, die Mehrheiten aussehen.
Die 120-Gramm-Grenze ist ja bereits ein Kompromiss, der erst stufenweise in Kraft treten soll. Schaut man sich aber die Autos aus deutscher Produktion an, so ist selbst dieser Wert mit den jetzigen Modellen kaum zu erreichen. Was ist falsch gelaufen bei der Modellpolitik der deutschen Autobauer?
Die europäischen Autobauer, darunter vor allem die deutschen Hersteller, haben ja eine Selbstverpflichtung abgegeben, bis zum Jahr 2008 auf einen Durchschnittswert von 140 Gramm zu kommen. Wenn sie das geschafft hätten, würde es die jetzige Regelung gar nicht geben und die 120 Gramm für 2012 wären überhaupt nicht ambitioniert. Die Autoindustrie hat ihre Versprechen bewusst gebrochen. Sie haben ihre eigene Zusage nicht ernst genommen. In Deutschland wurde im Zeitraum der Selbstverpflichtung das Drei-Liter-Auto vom Markt genommen.
Volkswagen hatte ein solches Modell, Audi auch.
Genau, nebenbei mit dem Erfolg, dass der Audi A2 mit drei Litern Verbrauch unglaubliche Werte auf dem Gebrauchtwagenmarkt erzielt. Heute kann man klar sagen: Das war eine Fehlentscheidung. Gleichzeitig wurde mit den SUVs ein neues Fahrzeugkonzept etabliert. Das wurde beworben und damit wurde massiv Geld verdient. Unglaublich riesige, geländegängige Fahrzeuge mit dem Komfort einer Luxus-Limousine. Autos, die in Deutschland eigentlich niemand braucht.
Nun ist sicher richtig, dass die Autohersteller solche Autos bauen und bewerben. Dennoch zeigen die Verkaufszahlen auch klar, dass es bei den Kunden auch eine Nachfrage nach solchen Autos gibt. Wie könnte man denn einen Bewusstseinswandel herbeiführen?
Ich denke, man wird in zehn oder zwanzig Jahren über Moden wie die SUVs schmunzeln. So wie man heute über den Petticoat schmunzelt. Zunehmend fragen sogar Kinder ihre Eltern, ob sie noch richtig ticken, wenn sie sich solche Autos kaufen. SUVs werden auch gekauft, weil man nach landläufiger Meinung damit besonders sicher fährt. Auch das ist oft ein Trugschluss. Für diese Fahrzeuge gab es massiv Werbung, die dem Verbraucher falsche Attribute dieser Autos vermittelt hat.
Wie sieht denn ihr Fahrplan aus die CO2-Emissionen der europäischen Autos in einen vernünftigen Rahmen zu bringen? Welche Vorschläge haben sie?
Unsere Vorschläge gingen ursprünglich über die Empfehlungen der EU-Kommission hinaus. Man muss aber sehen, dass die Pläne der Kommission das darstellen, was derzeit politisch machbar ist. Das heißt 120 Gramm ab 2012 für den Durchschnitt aller Fahrzeuge. Die EU sieht vor, dass ab 2012 Strafen fällig sind, die von Jahr zu Jahr höher werden. Da würden wir uns wünschen, dass dieses Strafen höher ausfallen. Wir wollen nicht, dass die EU ihren Haushalt saniert und mehr Einnahmen erzielt. Vielmehr soll es ein echter Anreiz für die Hersteller sein unter den Grenzwerten zu bleiben. Wir würden uns aber zu Sicherheit noch ein Hintertürchen wünschen. Sollten die Hersteller lieber Strafen zahlen statt CO2-ärmere Autos zu bauen, dann sollten die Werte, bei denen ab 2012 Strafen fällig sind, ab 2015 zulassungsrelevant werden. Dann dürften Fahrzeuge mit zu hohen Emissionen nicht mehr zugelassen werden.
Ganz blasphemisch gefragt: Können solche Maßnahmen unser Klima überhaupt retten? Oder ist das nur Spielerei angesichts explodierender Zulassungszahlen für PKWs in den Schwellenländern China und Indien?
Es ist eine von vielen Maßnahmen um den Treibhauseffekt zu stoppen. Aber gerade bezüglich Ländern wie China und Indien: Das was hier entwickelt und verkauft wird hat großen Einfluss auf den Weltmarkt. Letztendlich haben die europäischen Hersteller nur dann Chancen auf dem Weltmarkt, wenn sie mit energieeffizienten Fahrzeugen kommen. Das was hier in Europa passiert ist beispielgebend.
Mit Gerd Lottsiepen sprach Markus Mechnich.