Freitag, 13. November 2009
Sigmar Gabriel: Sozialdemokrat mit starkem Ego
Was auf ihn zukommt, weiß der neue Vormann. Er übernehme die Partei in einem "katastrophalen Zustand", schrieb Sigmar Gabriel kürzlich an SPD-Ortsvereinsvorsitzende. Dass er sich auch Herkulesaufgaben zutraut, hat der mit viel Selbstbewusstsein ausgestattete designierte SPD-Parteichef schon öfter für sich in Anspruch genommen. Leider hätten dies die eigenen Reihen nie richtig bemerkt, bedauerte der jetzt 50-Jährige mitunter.
Kaum ein anderer Sozialdemokrat stieg so rasch auf und fiel so schnell wie Gabriel. Mit 40 Jahren war er Deutschlands jüngster Länder-Regierungschef in Hannover, drei Jahre später jagten ihn die Wähler schon wieder aus dem Amt. In Berlin brachte es der körperlich gewichtige Niedersachse zunächst nur zum bespöttelten SPD-Pop- Beauftragten. Nicht nur einmal holte er sich eine Abfuhr bei dem Versuch, in die engere SPD-Spitze vorzudringen. Dem politischen Naturtalent eilte lange der Ruf des unsicheren Kantonisten und politischen Irrlichts voraus. Wiederholt legte sich der gelernte Lehrer auch mit seinem alten Förderer Gerhard Schröder offen an.
Bester Redner der SPD
Eher überraschend kam 2005 die Berufung zum Bundesumweltminister. In diese Aufgabe kniete er sich mit ungewohnter Disziplin hinein. Im Wahlkampf brachte sich Gabriel mit einer geschickt lancierten Anti- Atomkraft-Kampagne wieder für höhere SPD-Aufgaben in Erinnerung. Er gilt als der beste Redner der SPD. Seine messerscharfen Attacken und der schlagfertige Witz sind beim politischen Gegner gefürchtet.
Gabriel, der 1977 in die SPD eintrat, wurde am 12. September 1959 in Goslar geboren. Nach der Scheidung der Eltern wuchs er bei seiner Mutter, einer Krankenschwester, auf. Vor dem Sprung in die Politik war er kurz als Berufsschullehrer tätig. Seiner Heimat ist Gabriel, der mit einer Zahnärztin aus Magdeburg liiert ist und eine Tochter aus einer früheren Beziehung hat, weiter eng verbunden. Sein Lebenstraum sei es ohnehin, irgendwann in Goslar Oberbürgermeister zu werden, verriet er jüngst bei der Feier zu seinem 50. Geburtstag.
Mäßige Ergebnisse bei Vorstandswahlen
Gabriel gehört seit zehn Jahren zu den führenden Köpfen der SPD. Bei seinen Wahlen in Spitzengremien der Sozialdemokraten musste er aber immer wieder deutliche Dämpfer hinnehmen. Im Dezember 1999 wurde er erstmals als Beisitzer in den erweiterten Parteivorstand gewählt. Gabriel hatte allerdings erst im zweiten Wahlgang mit 403 Stimmen Erfolg. In der ersten Runde war er noch mit 228 Stimmen gescheitert, 260 wären notwendig gewesen.
Bei der nächsten Wahl im November 2001 reichten ihm 292 Stimmen im ersten Wahlgang für einen Sitz in diesem SPD-Führungsgremien. Gut ein Dutzend Parteifreunde brachte es allerdings auf bessere Ergebnisse. Zum Vergleich: Regine Hildebrandt überzeugte sogar 416 Delegierte. Auch beim Bundesparteitag im November 2003 hatte Gabriel gleich in der ersten Runde Erfolg und erreichte 295 Stimmen (Vergleich: Matthias Platzeck bekam 369). Bei den Vorstandswahlen im November 2005 scheiterte Gabriel dagegen im ersten Wahlgang und verzichtete daraufhin auf eine weitere Kandidatur.
Beim Parteitag im Oktober 2007 wurde Gabriel bereits im ersten Wahlgang zu einem der 39 Beisitzer des Parteivorstandes gewählt - mit einem erneut eher bescheidenen Ergebnis von 299 Stimmen (Andrea Ypsilanti und Barbara Ludwig brachten es jeweils auf 444). Wenige Tage später erlebte Gabriel einen herben Rückschlag bei dem Versuch, in den engeren Führungskreis der Partei aufzusteigen. Bei der Wahl zum SPD-Präsidium bekam er nur 16 Stimmen und fiel durch - als einziger von elf Bewerbern.
Auch Gabriels Nominierung als Parteichef im SPD-Vorstand Anfang Oktober fiel nur durchschnittlich aus. Er erhielt 77,7 Prozent Zustimmung, was er anschließend als "ehrlich" bezeichnete.
dpa