Politik
Montag, 03. Dezember 2007

Energieeffizienz in Japan: Spitzenreiter machen's vor

Kaum betritt Frau Tanaka das Haus, greift sie nach der Fernbedienung auf dem Regal und schaltet die Stereoanlage an. Musik bedeutet Entspannung, die Anlage ist immer auf Stand-by. Frau Tanaka lebt in Deutschland. Hier verpuffen in privaten Haushalten jährlich rund 2,2 Milliarden Euro für betriebsbereite Geräte. Computer wenden hier 70 Prozent ihres Stromverbrauchs allein dafür auf, jederzeit betriebsbereit an ein Netzteil angeschlossen zu sein.

Gleichzeitig verortet Bundeskanzlerin Angela Merkel das Thema Klimaschutz ganz oben auf der politischen Agenda. Es gilt, die Treibhausgasemission zu reduzieren. Weil der Ausstoß von Kohlendioxid in direktem Zusammenhang mit dem Energieverbrauch steht, setzt die Regierung nicht nur verstärkt auf erneuerbare Energiequellen, sondern versucht auch, den Energieverbrauch insgesamt herunterzufahren.

Effizienzsteigerung bedeute nicht, modernere, CO2-ärmere Kraftwerke zu bauen, "sondern zu erreichen, dass gar keins gebaut werden muss", erklärt der Parlamentarische Staatssekretär Michael Müller auf einer Konferenz zu Ressourceneffizienz in Berlin. Die Regierung will die Effizienz der produzierten Energie bis 2020 verdoppeln. Kampagnen und Initiativen sollen eine effizientere Energienutzung in privaten Haushalten und Betrieben fördern. Doch es ist nicht leicht, Menschen zu überzeugen, liebgewordene Routinen dem Umweltschutz zu opfern.

Vorbild in Fernost

Dabei könnte Deutschland von Frau Tanakas Heimatland lernen. In Japan verbrauchen CD-Anlagen inzwischen 71 Prozent weniger Strom als noch im Jahr 2000, ohne dass Musikfreunde umdenken oder energiebewusster leben mussten. Diesen Weg zum Erfolg wies das sogenannte Top-Runner-Programm, ein politisches Instrument und Anreizprogramm, das seit 1998 "Spitzenreiter"-Technologien und energiesparende Produkte zum Standard macht.

Das Bundesumweltministerium bezeichnet den japanischen Ansatz als "eindrucksvollstes Beispiel" für eine "smart regulation", weil es Innovation und Entwicklung fördert, die Dynamik des Marktes aufgreift, Wettbewerb zulässt und darüber hinaus tatsächlich Ressourcen einspart. Der deutsche Umweltpolitiker Michael Müller sieht hier eine Chance für Deutschland: "Wenn wir überall die marktbesten Geräte hätten, könnten wir allein in der Bundesrepublik sieben Großkraftwerke einsparen."

So erstürmt man Gipfel

Das japanische Top-Runner-Programm fördert die Energieeffizienz beim Gerätegebrauch, indem es die schlimmsten Stromschlucker ins Visier nimmt und sanktioniert. Während 1999 erst zehn Produktgruppen berücksichtigt wurden, umfasst das Programm inzwischen 21 Sparten, vom Auto über Kühl- und Gefrierschränke, Kopierer, Wasserkocher und Computer, bis hin zum elektrischen Toilettensitz. Für jede Gruppe wurde für den Energieverbrauch ein Standardwert festgelegt, der sich an den effizientesten Geräten der Branche orientiert. So setzen die Vorreiter eine realistische und nachweislich erreichbare Messlatte in ihrem Marktsegment und dienen anderen als Anreiz, ein vergleichbares oder gar höheres energetisches Einsparpotential zu erreichen. Das Top-Runner-Programm steckt für jede brancheninterne Aufholjagd einen klar definierten Zeitrahmen, der zwischen drei und zwölf Jahren liegen kann.

Ist der Startschuss erst gefallen, müssen die Unternehmen nicht nur den Energieverbrauch ihrer Produkte zurückfahren, sondern den Überwachungsbehörden auch entsprechende Daten zur Verfügung stellen. Die Regulierung räumt den Unternehmen jedoch strategische Spielräume ein: Es ist einem Hersteller freigestellt, ob er einen ineffizienten Fernsehapparat vom Markt nimmt oder nicht, solange er auch hocheffiziente TV-Geräte produziert und seine angebotene Produktpalette somit im Durchschnitt den Standard erfüllt.

Die Effizienzziele sind flexibel und können auch früher als geplant höhergeschraubt werden, falls eine Warengruppe schon vorzeitig den Standard erreicht. Wer gut vorarbeitet und seine Produktpalette unter den Spitzenreitern platziert, muss also in der nächsten Angleichungsrunde weniger in Forschung und Entwicklung investieren.

Wirksam im Sinne des Kyoto-Protokolls

Das Programm reagiert also dynamisch und profitiert vom Wettbewerb der Gerätehersteller um Marktanteile und den besten Ruf. So wurde beispielsweise am Markt für Fernsehgeräte im Zieljahr 2003 die erwartete Einsparung weit übertroffen: Statt 16 Prozent wurden 26 Prozent an Einsparpotential erreicht. Noch mehr beeindruckten die Videorekorderhersteller: Ihr Angebot übertraf das erwartete Einsparpotenzial von 59 Prozent sogar um 15 Prozentpunkte. Mit Hilfe des Top-Runner-Programms ist Japan seinen Kyoto-Zielen bereits erheblich nähergekommen: 16 bis 25 Prozent des für 2010 gesteckten Emissionsreduktionsziels können so abgedeckt werden.

Sanktionen mussten in der fast zehnjährigen Geschichte des Programms noch nicht verhängt werden. Vorgesehen ist jedoch, dass ein abtrünniger Hersteller im Ernstfall zunächst eine Empfehlung von der Regierung erhält, die ihn zu verstärkten Anstrengungen mahnt. Tritt das Unternehmen dann noch immer nicht in Aktion, wird die Empfehlung öffentlich gemacht und das Unternehmen bloßgestellt. Erst für den Fall, dass auch dieses sogenannte "name and shame"-Verfahren keine Wirkung zeigt, sind handfeste Verkaufs- und Importbeschränkungen vorgesehen.

Sorglospaket für Verbraucher dank Regulierung

Frau Tanakas Landsleute können wohl einigermaßen unbeschwert und unbehelligt von Sorgen um ihren Stromverbrauch zur Stereoanlagenmusik im Takt wippen. Wäre ein Top-Runner-Programm nicht auch für Deutschland und auf EU-Ebene eine gute Sache? In der Tat wird der Ansatz schon seit Jahren diskutiert. Doch die EU scheint vor dem erforderlichen Regulierungsaufwand ebenso zurückzuschrecken wie die Unternehmen vor der Aussicht, regelmäßig Daten erheben zu müssen und diese Behörden offenzulegen. Sowohl politischer Führungswille als auch die Mitarbeit der Produkthersteller, sind aber unerlässlich für die erfolgreiche Implementierung des schillernden japanischen Ansatzes.

Schwachstellen im Programm

Wie jedes Instrument weist jedoch auch das Top-Runner-Prinzip Schwächen auf. So lohnt es sich beispielsweise nicht, das Programm für Produktgruppen einzuführen, die ohnehin schon wenig Energie verschlingen. Außerdem zielt es nur auf die Energie, die bei der Gerätenutzung anfällt. Der Energieverbrauch bei Herstellung und Entsorgung wird nicht berücksichtigt. Das wird besonders dann zum Problem, wenn energieeffizientere Geräte mit größerem Energieaufwand produziert werden, ihre Nutzungsdauer aber gering ausfällt.

Zuletzt ist nicht gewährleistet, dass sich die Käufer auch wirklich für die Top-Runner-Angebote am Markt entscheiden, wenn Stromschlucker günstiger zu haben sind. Die möglichen Ersparnisse bei der Stromrechnung ziehen Konsumenten viel zu selten in Erwägung. So lässt sich die effektive Energieersparnis nur schwer messen.

Handeln und gleichzeitig umdenken

In den Grauzonen der Einsparpotenziale und in der Diskussion um geeignete Regulierungsinstrumente können sich Politiker und Hersteller unendlich im Kreise drehen, während Frau Tanaka und Millionen andere Haushalte weiterhin im Stand-by-Betrieb verharren. Energieeffiziente Geräte müssen nun einmal erst auf den Markt kommen, um Käufer zu überzeugen.

Mit dem Top-Runner-Prinzip werden energieintensive Geräte langsam aber sicher aus dem Angebot verdrängt. Gezielte Verbraucherinformation kann daran anknüpfen und noch schneller erreichen, dass sich Käufer nicht für Produkte mit durchschnittlichem Energieverbrauch entscheiden, sondern für das Gerät mit der besten Energiebilanz. Dann würden Frau Tanaka und der Otto Normalverbraucher für die energieeffizienteste Anlage, den Kühlschrank mit A+++-Zertifikat und das Hybridauto auch gerne etwas mehr bezahlen, weil sie wüssten, dass sie nachhaltig im Sinne der Umwelt investieren und gleichzeitig ihre privaten Energiekosten dauerhaft senken.

Quelle: n-tv.de