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Dossier

Dienstag, 24. Oktober 2006

20-jähriges Bestehen: Sterben im Hospiz

Der Mann ist abgemagert. Sein Gesicht ist vom Tod gezeichnet. "Meine letzten Tage sind gezählt", sagt er. Dem 70-Jährigen fallen die Augen zu, er ist schwach.

Kaum etwas erinnert an den stattlichen 93-Kilo-Mann, der noch im März voller Elan seine Tochter in Südafrika besucht hat. Diagnose: Darmkrebs. Es begann der kurze harte Kampf gegen den Tod. Nach der sechsten Chemotherapie die Erkenntnis: Der Kampf ist verloren. Jetzt ist er im "Haus Hörn", im Aachener Hospiz. "Früher sagte man ja Sterbehaus", sagt seine Frau. Sie weint.

Das "Haus Hörn" wird in diesen Tagen 20 Jahre alt und war das bundesweit erste stationäre Hospiz in Deutschland. Unmittelbar neben dem Haus, in dem es auch ein Altenheim gibt, befindet sich ein Kindergarten. "Damals, als das Hospiz gegründet wurde, gab es große Widerstände. Die Leute haben gesagt: Da fährt dann jeden Tag ein Totenwagen vorbei", erinnert die Pflegedienstleiterin Jeannette Curth an die Anfänge.

Tod -das war vor 20 Jahren noch ein Tabu. "Das Tabu Sterben, Tod und Trauer ist in den letzten Jahren aufgebrochen worden", sagt der Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz, Benno Bolze. Als erstes Hospiz in Deutschland habe das "Haus Hörn" Pionierarbeit geleistet. Bundesweit gibt es 130 Hospize. In den letzten Jahren hat sich das Netzwerk von ehrenamtlichen Helfern und speziell ausgebildeten Ärzten für die ambulante Hilfe stark verzweigt.

"Ambulant geht vor stationär, denn der Mensch möchte bis an sein Lebensende zu Hause sein", sagt Bolze. Das stationäre Hospiz ist die letzte Station, wenn keine Therapie mehr hilft, die Pflege zu Hause nicht mehr geht und wenn der Tod greifbar nahe ist. In diesen Häusern haben die Bedürfnisse der sterbenskranken Menschen absoluten Vorrang. Bei der medizinischen Behandlung geht es um die Linderung von Leiden.

Auch die Frau des todkranken Krebspatienten hätte ihren Mann lieber weiter zu Hause gepflegt. Er wollte es nicht. "Wir liefen in eine Katastrophe", sagt er: Pflege rund um die Uhr. Knochenbrüche, als sich Metastasen an den Knochen bildeten. Die ständige Angst. "Gut sind die Ruhe und der Frieden in diesem Haus", macht er die gleiche Erfahrung wie viele andere auch, die vorher in der Betriebsamkeit von Krankenhäusern nicht zur Ruhe kamen.

"Haus Hörn" startete vor 20 Jahren mit 53 Plätzen. Es kamen Menschen mit den verschiedensten unheilbaren Krankheiten, die teilweise noch mehrere Jahre lebten. Heute gibt es 17 Plätze. Die Gäste -wie sie hier genannt werden -haben fast alle Krebs. 70 Prozent sterben nach zwei Wochen. Die Menschen müssen "austherapiert" sein, und mit dem Tod muss "in wenigen Wochen" gerechnet werden, damit die Kassen den Aufenthalt bezahlen, sagt Manfred Vieweg, der Leiter des Wohn-und Pflegezentrums, zu dem "Haus Hörn" gehört.

Initiator des ersten deutschen Hospizes war der Aachener Priester Paul Türks. "Er wollte verhindern, dass man in einer Umgebung sterben sollte, in der man unter keinen Umständen leben möchte", sagt Vieweg. Wenn es früher zu Hause nicht mehr ging, seien die Menschen ins Krankenhaus gekommen. Das hat sich zwar grundlegend verändert. Aber weil die Menschen älter werden, werden auch die Pflegenden älter und können die Belastungen nicht mehr so lange tragen.

Der 70-jährige Krebspatient hat sich in den letzten Tagen von seiner Familie verabschiedet. Seine Frau nimmt seine Hand. "Wenn ich sehe, dass er sich wohl fühlt, bin ich zufrieden", sagt sie. Trotzdem hat sie Angst. Durch die Metastasen drohen weitere Knochenbrüche und die Querschnittslähmung. "Ich hoffe, das bleibt uns erspart."

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