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"Perle" mit KratzernTemplins Ruf beschädigt

20.08.2008, 07:57 Uhr

"Die Perle der Uckermark", die Stadt Templin, leidet unter einem großen Imageproblem. Gewaltexzesse rechtsgesinnter Bürger machen die Heimatstadt Angela Merkels zu einer tickenden Zeitbombe.

Die Meldungen im Sommerloch hatte sich Templins Bürgermeister anders vorgestellt. Die brandenburgische Stadt sollte doch als schmucke "Perle der Uckermark" von Medien und Touristen wahrgenommen werden, sagt Ulrich Schoeneich. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist hier aufgewachsen, ihre Eltern wohnen noch heute dort, und Hollywoodstar Rupert Everett will angeblich eine Ferienvilla kaufen. Doch nach zwei brutalen Gewalttaten Rechtsextremer ist Templins Ruf plötzlich arg lädiert.

In einem Fall wurde das Opfer getötet, im anderen schwer verletzt. "Die Brutalität der Taten ist unfassbar", sagt der Sozialarbeiter Frank Wolter im Obdachlosenwohnheim "Rettungsinsel". Dort saßen am Abend des 21. Juli auch einer der Täter und sein Opfer zusammen. "Beide waren seit Wochen Saufkumpane." Als der Heimleiter sie schließlich wegen Trunkenheit hinauswarf, gingen sie in eine ehemalige Werkstatt. Dort kam ein dritter Mann hinzu, und dann schlugen die beiden 18 und 21 Jahre alten Rechtsextremen ihr 55-jähriges Opfer zusammen. Der Mann starb mit mehreren Schädelbrüchen. Seine Peiniger versuchten vergeblich, ihn anzuzünden.

"Das war aber keine Nazi-Tat, die waren einfach völlig bescheuert und betrunken", sagt Wolter. Dass Templin nun als Neonazi-Hochburg gelte, könne er nicht verstehen. Tatsächlich spielt rechtes Gedankengut in der Uckermark zumindest auf dem Papier kaum eine Rolle. Die Kameradschaft "Märkischer Heimatschutz" sei Ende 2006 aufgelöst worden, sagt der Anti-Rechts-Experte Jürgen Lorenz vom "Mobilen Beratungsteam" in Angermünde. Bei Wahlen erhielten NPD und DVU kaum Stimmen.

Hohe Gewaltbereitschaft

Dennoch warnt Lorenz eindringlich: "Die rechte Gewalt ist in Templin nicht organisiert, aber die Gewaltbereitschaft ist sehr groß." Einige Einwohner seien "tickende Zeitbomben". Eine von ihnen zündete am 12. August: Da schubste ein 19-Jähriger einen vorbeifahrenden Radfahrer mit Hip-Hop-Kleidung zu Boden. Anschließend trat er dem 16-Jährigen ins Gesicht, so dass der Kiefer brach. Auf der Polizeiwache gab er später an, "ausgetickt" zu sein.

Nach den beiden Gewalttaten kam es zwischen Potsdamer Innenministerium und Stadtverwaltung zu gegenseitigen Vorwürfen von Untätigkeit beziehungsweise mangelnder Kommunikation. Auch Sozialvereine kritisierten Bürgermeister Schoeneich. Der lasse "ein Problembewusstsein vermissen", sagt Johanna Kretschmann vom Verein "Opferperspektive", der während der vergangenen zwölf Monate zehn rechte Gewalttaten zählte. "Damit nähert sich die Kleinstadt Templin den Zahlen von Städten wie Cottbus oder Potsdam."

Tourismus leidet

Der 57-jährige parteilose Rathaus-Chef lässt den Vorwurf der Untätigkeit nicht gelten. Er habe von dem Problem gewusst, wenn auch nicht von dessen Ausmaß. Die Stadt unterhalte zwei Sozialvereine mit viereinhalb Stellen. "Mehr können wir einfach nicht zahlen", meint der ehemalige Sozialdemokrat, der "vor vier, fünf Jahren" aus der SPD austrat und noch bis 2010 als Bürgermeister gewählt ist.

Dass die 17.500-Einwohner-Stadt nun als Rechten-Hochburg in den Medien sei, sei "ein großes Imageproblem". Das schade dem Tourismus, der bei 300.000 Übernachtungen 2007 enorm wichtig sei.

Dann erzählt Schoeneich von seiner schwangeren Tochter. Die sei mit einem Schwarzen aus Nicaragua liiert. "Mein Enkel wird dunkelhäutig sein", sagt er. "Ich bin ganz sicher, dass er ohne Gefahr durch Templin gehen wird."

Wolf von Dewitz, dpa