Tod eines ZweijährigenViele Fragen offen
Einige Kerzen und Blumen erinnern vor der Tür des Mehrfamilienhauses im trostlosen Bremer Stadtteil Gröpelingen an das Schicksal des kleinen Kevin.
Einige Kerzen und Blumen erinnern vor der Tür des Mehrfamilienhauses im trostlosen Bremer Stadtteil Gröpelingen an das Schicksal des kleinen Kevin. Wo sich mehrstöckige, graue Mietsbaracken trist aneinander reihen, lässt sich der Leidensweg des zweieinhalb Jahre alten Kindes in den vergangenen Wochen und Monaten nur erahnen.
Als Beamte am Dienstag mit Gewalt in die Wohnung des Vaters eindringen, um den Jungen mitzunehmen, machen sie die grausige Entdeckung. Auf einen Fingerzeig des drogensüchtigen 41-Jährigen finden sie die Leiche des Kindes im Kühlschrank. Seither schweigt der Mann und sitzt wegen des Verdachts des Totschlags und der Misshandlung von Schutzbefohlenen in Untersuchungshaft.
Nachdem bekannt wird, dass Kevin unter der Vormundschaft des Jugendamtes stand, aber monatelang nicht gesehen wurde und gegen den Vater schon wegen des Todes von Kevins Mutter ermittelt wird, kommt es am Mittwoch zum politischen Paukenschlag. Die ohnehin wegen einer Klinikaffäre angeschlagene Sozialsenatorin Karin Röpke (SPD) erklärt ihren Rücktritt und übernimmt die politische Verantwortung.
Sie habe Anfang des Jahres von dem Fall erfahren. "Daraufhin wurde auf mein Betreiben hin diesem Fall besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Dennoch ist es nicht gelungen, den Tod des Jungen zu verhindern."
"Dieser Schritt ist nach meiner Überzeugung richtig und unvermeidlich", kommentiert Bremens Regierungschef Jens Böhrnsen (SPD) den Schritt der Senatorin. "Kinder müssen sich darauf verlassen können, dass der Staat sie schützt."
Im Fall Kevin hat der Staat offenbar versagt. Nach dem Tod seiner Mutter 2005 wohnt der kleine Kevin nach wie vor bei seinem drogenkranken Vater, der an einem Methadonprogramm teilnimmt. Gerichtsterminen und Aufforderungen des Jugendamtes kommt der Mann nicht nach, letztlich hat das Kind seit Juli niemand mehr von der Jugendbehörde gesehen.
"Ich bin fassungslos, dass erst heute, viel zu spät, versucht wurde, das Kind aus der väterlichen Wohnung zu holen", sagte der grüne Bürgerschaftsabgeordnete Jens Crueger. Die Entscheidung dafür fiel nach Angaben des Jugendamt-Leiters Jürgen Hartwig bereits am 18. September. Das Familiengericht entschied dann am 2. Oktober, dem Vater die Obhut für das Kind zu entziehen. Noch ist unklar, ob das Kind zu diesem Zeitpunkt noch gelebt hat.
In Bremen gebe es die Linie, Kinder eher bei ihren drogenabhängigen Eltern zu lassen, bestätigt die Leiterin des Bremer Kinderschutzzentrums, Petra Stern. "Ich sehe die derzeitige Praxis mit großer Skepsis. Wenn die Eltern nicht entgiftet und clean sind, sollten die Kinder nicht bei ihnen leben."
Das Schicksal von Kevin steht in einer Reihe tödlicher Fälle: Die Eltern des sechsjährigen Dennis aus dem brandenburgischen Cottbus wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, nachdem sie den Jungen verhungern ließen und die Leiche in der Tiefkühltruhe versteckten. Im Jahr 2005 erstickte die sieben Jahre alte Jessica in Hamburg. Ihre Eltern hatten sie vernachlässigt und eingesperrt. In Stendal stehen derzeit die Eltern des zweijährigen Benjamin wegen Totschlags vor Gericht. Das Kind soll verhungert sein.
(Oliver Pietschmann, dpa)