Satt ja, menschliche Zuwendung nein.
Donnerstag, 31. Mai 2007
Pflege in der Krise: "Zuwendung ist kaum möglich"
Pflegekräfte: große Verantwortung, wenige Rechte.
Pflegekraft zu sein, das bedeutet hohe Verantwortung, Dauerstress und schlechte Bezahlung. Im Gespräch mit n-tv.de schildert Marita Mauritz vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK), was sich ändern muss. Sie ist seit 40 Jahren Krankenschwester. Und sie sagt auch, was sie vom Vorstoß von Familienministerin von der Leyen hält, die Pflege grundsätzlich neu zu strukturieren.
n-tv.de: Frau Mauritz, wundgelegene alte Menschen, Bewohner, die verdursten oder gefesselt sind: Sind das schreckliche Einzelfälle oder ist das schon Standard in Pflegeheimen?
Mauritz: Das sind Ausnahmefälle, die wir aber sehr sorgfältig korrigieren und genau beobachten müssen. Es ist ganz wichtig, dass solche Dinge in die Öffentlichkeit kommen und geschaut wird, was in einem solchen Heim für Verhältnisse herrschen. Wir haben in der letzten Zeit einige solcher Berichte gehört und gelesen. Und das, was dort beschrieben ist, gehört unverzüglich abgestellt.
Wie kann man sich den Arbeitstag einer Altenpflegerin vorstellen?
Es ist eine Mischung aus sehr guten Kontakten zu alten Menschen, die froh sind, dass Pflegekräfte sich um sie kümmern und sie im täglichen Leben unterstützen. Die Arbeit ist aber von der Aufgabenfülle her so viel geworden, dass die menschliche Zuwendung zu den alten Menschen kaum noch möglich ist. Wir haben eine sehr hohe Zunahme von Intensivpflege-Bedürftigen und eine Zunahme von Demenz-Kranken. Es fehlen diejenigen, die leichter pflegebedürftig sind. Und es gibt für die Pflegekräfte keine Zeitfenster, in denen sie zwischendurch entspannen können.
Familienministerin von der Leyen fordert ein grundsätzliches Überdenken der Pflege und ihrer Strukturen. Was steht denn Ihrer Ansicht nach ganz oben auf der Liste?
Die Personalbesetzung in den Einrichtungen muss nach einem neuen Konzept geschehen. Dort, wo viele pflegeintensive Patienten sind, muss es eine ausreichende Personaldecke und eine ausreichende Qualifikation geben. In Bereichen mit weniger pflegeintensiven Patienten, zum Beispiel in der Tages- und Kurzzeitpflege, kann weniger qualifiziertes Personal eingesetzt werden. Die Träger versuchen oft, mit geringfügig qualifizierten Mitarbeitern zu arbeiten – das muss geändert werden. Das heißt nicht, dass wir grundsätzlich immer mehr Mitarbeiter brauchen, aber es heißt, dass wir genau hinsehen müssen, wo wir welche Leute einsetzen.
Es gibt immer wieder Berichte über Gewalt in Heimen. Wie frustriert sind eigentlich Pflegekräfte, dass so was immer wieder passiert?
Es gibt da sehr aussagefähige Studien. Es ist so, dass viele aus dem Beruf aussteigen würden, wenn es andere Arbeitsplätze geben würde. Wir haben einen sehr hohen Krankenstand, viel höher als in anderen Berufen. Die Arbeitsbedingungen, das bestätigt auch die Berufsgenossenschaft, machen krank. Es gibt sehr hohe Stressfaktoren, die keinen Ausgleich finden. Von Frust kann man dennoch nicht immer reden. Ich höre immer wieder, dass die Kollegen sehr gerne in dem Beruf arbeiten und ihn bewusst gewählt haben – sich aber massiv bessere Bedingungen wünschen. Kurz zur Gewalt in der Pflege: Das ist mehrschichtig zu sehen. Es gibt Gewalt gegenüber Pflegebedürftigen, aber auch Gewalt gegen die Pflegenden und Gewalt unter den Pflegebedürftigen selbst. Das Thema ist sehr tabuisiert, allerdings fängt man langsam an, darüber zu sprechen. Ein sehr wichtiger Prozess. Sehen Sie: Pflege ist öffentlich kein Thema, da will sich keiner gerne mit auseinandersetzen. Wir erleben es, dass Politiker Salongespräche über Pflege führen, sich aber mit den grundsätzlichen Problemen nicht auseinandersetzen. Frau von der Leyen sagte, dass Demenzkranke keine reine Pflege brauchen – das macht deutlich, dass sie von Pflege im Grunde keine Kenntnisse hat.
Sie meinen also, von der Leyen denkt nur in der Kategorie Waschlappen und Windeln?
Ja. Es gibt verschiedene Demenz-Formen in verschiedenen Stadien. Die Patienten sind sehr unterschiedlich anzugehen, man kann nicht nur sagen, die Menschen müssen beschäftigt werden. Demenzerkrankte machen nicht-ausgebildeten Pflegenden regelrecht Angst, weil sie nicht wissen, wie sie mit ihnen umgehen sollen. Dafür braucht man eine zusätzliche Qualifikation, da muss man Kenntnisse vermittelt bekommen, um damit umzugehen. Mit solchen Patienten kann man nicht spielen oder nur spazieren gehen, man muss auf die jeweilige Demenz eingehen können.
Ambulante Pflegedienste sind wie Pilze aus dem Boden geschossen. Wie hoch schätzen Sie die pflegerische Qualität in dem Bereich ein? Und werden ambulante Dienste ausreichend kontrolliert?
Es wird kaum ein Bereich des Gesundheitswesens so stark kontrolliert wie die ambulante Pflege. Das geht bei der Zulassung los, für die eine bestimmte Zahl an qualifiziertem Personal vorhanden sein muss. Ich betreue rund 200 ambulante Pflegedienste – und ich erlebe die Kollegen als sehr kreativ. Sie sind Gäste in den Häusern der Patienten, nicht der Hausherr in einer Einrichtung. Man muss oft versuchen, mit den bescheidenen und eingeschränkten Verhältnissen klar zu kommen. Wer in der ambulanten Pflege arbeitet, der muss häufig improvisieren können.
Oft gibt es Klagen über die Medizinischen Dienste der Krankenkassen, die die Pflegestufe der Patienten festlegen. Wie schätzen Sie die Arbeit der so genannten MDKs ein?
Die Qualität ist regional sehr unterschiedlich. Ich höre, dass es zum Teil eine gute Zusammenarbeit zwischen den Pflegediensten und den Medizinischen Diensten gibt, dass die Pflegedienste bei den Einstufungen dabei sind und ihre Beobachtungen einbringen können. Ich erlebe aber auch, dass bewusst versucht wird, die Pflegedienste bei der Begutachtung außen vor zu lassen. Und das ist verwerflich. Wenn man mit einem verwirrten Menschen kurzfristig zusammen ist, erleben wir immer wieder, dass dieser voller Stolz berichtet, noch alles zu können. Aber dem ist eben nicht so. Es ist ja ein Teil der Verwirrtheit, eine veränderte Wahrnehmung auch von sich selbst zu haben.
Ambulante Dienste arbeiten nach einem sehr strengen Leistungskatalog – und rechnen danach auch mit den Kassen ab. Wie realistisch ist der eigentlich?
Sehr unrealistisch. Er deckt den tatsächlichen Bedarf nicht ab – zum Beispiel bei Demenzkranken. Auch die Einkategorisierung der Patienten in die drei Pflegestufen ist ein defizitäres System.
Man hat ja den Eindruck, dass Pflegekräfte sich mit ihrer schwierigen Situation arrangiert und auch ein bisschen abgefunden haben. Warum gibt es nicht lautere Warnrufe aus Ihren Reihen? Oder werden diese einfach nicht gehört?
Wir haben in Deutschland das Problem, dass sich nur rund zehn Prozent der beruflich Pflegenden organisiert haben. In anderen europäischen Ländern gibt es einen Organisationsgrad von nahezu 100 Prozent. Dort steckt also eine ganz andere politische Kraft dahinter. Wir fordern seit Jahren ein Selbstverwaltungs-Organ für die Pflege. Aber wir nehmen an, dass es in Deutschland nicht gewollt ist, dass sich die Pflege selbst vertreten kann.
Also auch ein politisches Kleinhalten?
Ja. Wir werden politisch klein gehalten, obwohl wir die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen sind und über ein hohes fachliches Wissen verfügen, Patienten und Angehörige bestens unterstützen können.
Zum Abschluss eine persönliche Frage. Haben Sie selbst Angst, in Deutschland zum Pflegefall zu werden?
Ich habe nach 40 Jahren im Beruf natürlich den Vorteil des Wissens um Bedingungen. Mit diesem Wissen ist es mir möglich, mich für den Fall des Falles zu organisieren. Ich sehe es nicht als Bedrohung, in ein Altenpflegeheim zu kommen. Ich denke immer: alles zu seiner Zeit. Wenn jemand in einem bestimmten Stadium ist, kann ein Pflegeheim genau das Richtige sein – und es gibt sehr gute Altenpflegeheime. Ich möchte aber natürlich auch - solange es geht - in meiner häuslichen Umgebung gepflegt werden.
(Die Fragen stellte Jochen Müter)