ZwischenrufNachdenken über Emsdetten
Das Gewaltpotential auf deutschen Schulhöfen macht Angst. Was wird aus den Kindern, die schon im Säuglingsalter zum Prekariat gehören?
Von Manfred Bleskin
Die Methode wird bei bestimmten deutschen Politikern immer beliebter: Statt ein Übel bei der Wurzel zu packen, schnippeln sie am Wildwuchs herum, lehnen sich zurück und sind bass erstaunt, wenn das Böse nachwächst.
Fallbeispiel: die fortdauernden Rufe nach einer Verschärfung der Gesetze gegen Gewaltvideos und -spiele nach der Bluttat von Emsdetten.
Wenn Bayerns Innenminister Günther Beckstein nun fordert, die Überwachung des Internet durch die Polizei zu verstärken, ist der Ansatz richtig. Die Verbreitung digitalisierter Brutalität muss überwacht und bestraft werden. Internetprovider verdienen sich eine goldene Nase und heucheln, wenn sie sagen, sie könnten die Verbreitung entsprechender Websites oder Datenströme technisch nicht unterbinden. Das geht, auch wenn es aufwendig ist.
Die Forderung von Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach, das Waffengesetz zu überprüfen, zielt ins Schwarze. Der Schuss geht aber daneben. Warum dürfen Pistolen und Gewehre überhaupt verkauft werden, von Jagdwaffen einmal abgesehen?
Wenn auch Vertrauen gut und Kontrolle besser ist, Verbot am besten scheint, immer umfassendere Verbote und Überwachung beschädigen die Demokratie und beschwören Orwells "1984".
Auch wenn man die Selbst- und Menschenverachtung eines Sebastian B. und seines Internet-"Fanclubs", der sich gleich nach der Bluttat gebildet hat, auf die Einflüsse aus dem Netz begrenzt, kratzt man an der Oberfläche. Darunter verbirgt sich eine Vielfalt von Problemen, die unter bestimmter sozialpsychologischer Voraussetzung in Mord und Totschlag enden.
Es ist noch gar nicht so lange her, da beschäftigten sich Jugendliche im Alter von Sebastian B., der vielleicht nur deshalb nicht zum Mörder wurde, weil er nicht richtig zielen konnte, unbeschwert mit dem, was man so in diesen Jahren zu tun pflegte. Spaß und dummes Zeug, ohne sich groß Sorgen um die Zukunft zu machen. Heute werden Heranwachsende gedrängt, beizeiten fürs Alter vorzusorgen. Da wird behauptet, die Alten machten sich mit ihrer Rente einen Bunten, während die Jungen dafür arbeiten müssten. Das gipfelt dann in der Forderung, alten Menschen Hüftgelenkoperationen zu verweigern.
Hoffnungslosigkeit macht sich breit, wenn man per PISA-Studie gesagt bekommt, dass man nach zwölf oder 13 Jahren Schule immer noch zu dumm ist. Perspektivlosigkeit greift um sich, wenn es trotz Lehrstellenpakt nicht genügend Lehrstellen gibt. Neid wird zu Hass, wenn die eigenen Turnschuhe Billigprodukte aus Fernost sind und die der anderen von Nobelfirmen stammen. Hass kann zu Gewalt werden, wenn man sich benachteiligt fühlt – und wird. Es wird von Chancengleichheit gesprochen, aber gibt es Chancengerechtigkeit? Benedikt XVI. hat vor einer wachsenden Taubheit gegenüber Gott gewarnt. Wer von jenen, die berichten, Sebastian B. wäre ein störrischer Einzelgänger gewesen, hat sich je darum bemüht ihn einzubeziehen? Vielleicht ist die Taubheit gegenüber den Problemen seines Nächsten eine Form von Gottlosigkeit. Das gilt auch für Eltern, die ihre Kinder sich selbst überlassen.
Nicht jeder Frust endet dort, wo Sebastian B. endete. Doch das Gewaltpotential auf deutschen Schulhöfen, wo Neonazis vielfach unbehelligt ihre Hass-CDs verteilen, macht Angst. Was wird aus den Kindern, die schon im Säuglingsalter zum Prekariat gehören?
Der Aktionismus, der nach dem Schrecken an der Emsdettener Geschwister-Scholl-Schule entwickelt wird, erinnert fatal an die Situation nach dem Amoklauf des Robert Steinhäuser am Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Das ist gut viereinhalb Jahre her. Geändert hat sich wenig. Schulen mit humanistischen Namen zu schmücken ist gut. Human zu handeln ist besser.