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Montag, 07. August 2006

Im Tempo der Dinosaurier: Olmert bei der Armeeführung

Von Ulrich W. Sahm

Erst nachdem Premierminister Ehud Olmert die Kommandozentrale Nord und das Zielgebiet der Katjuscharaketen im Norden Israels verlassen hat, durften Reporter berichten, was da bei dem Treffen hinter verschlossenen Türen besprochen wurde. Es liegt auf der Hand, dass den Journalisten gezielt gesteckt worden ist, was an die Öffentlichkeit in Israel, Libanon, Washington und New York gelangen sollte.

Erstmals seit Ausbruch des Krieges forderte die Armeeführung von den Politikern grünes Licht, um den stockenden Vormarsch bis zum Fluss Litani auszuweiten. Die Militärs wollen sich nicht mehr mit der alten Sicherheitszone begnügen, die Israel im Mai 2000 verlassen hat. "Das Vorrücken zum Litani wird im Tempo der Dinosaurier geschehen", sagte bildhaft ein Militärreporter. Er meint die D9-Planierraupen. "Die sollen die Straßen öffnen und dafür sorgen, dass keine Riesenbomben eingegraben liegen. Denn gegen versteckte Ölfässer mit 500 Kilo Sprengstoff nützt selbst die beste Panzerung der Merkava- IV-Panzer nichts." Zudem verfüge die Hisbollah über große Mengen modernster Panzerfäuste, die den Israelis schon einige Verluste gebracht hätten.

Nach dem Konzept sollen große Militärverbände Stellung am Litani beziehen und erst danach die übersprungenen oder umgangenen Stellungen der Hisbollah im Süden - zwischen Litani und Grenze - "säubern". Die Armee gehe jetzt "aggressiver" vor als bisher, sagte ein Reporter. Eine erste Folge mag die Bombardierung von Häusern im Dorf Hula sein, wo Dutzende Zivilisten unter ihren eingestürzten Häusern verschüttet wurden. Sie konnten allerdings gerettet werden. Schon verhängte Israel Ausgangssperre über dem ganzen Südlibanon. "Die Bevölkerung ist aufgerufen, in ihren Wohnungen zu bleiben und sich nicht mehr im Freien zu bewegen. Selbst streunende Esel sind ihres Lebens nicht mehr sicher", sagte der Arabienreporter eines israelischen TV-Kanals. Das gelte umso mehr für jegliches Fahrzeug. Dahinter stecke das Konzept, den im Südlibanon verbliebenen "paar hundert Hisbollahkämpfern" jeglichen Nachschub abzuschneiden. Auch nach einer vollständigen Säuberung des ganzen Gebiets bis zum Litani, so warnen Militärexperten die Israelis, werde das den Beschuss Israels mit Katjuscharaketen nicht völlig beenden. Denn die Hisbollah verfüge auch nördlich des Litani über tausende Raketen, die weiterhin Israel treffen könnten. Aber der Beschuss mit Mörsern und Katjuschas geringer Reichweite werde unterbunden.

Andere Reporter "erklärten" die derzeitige Taktik der Armee. In Israels Bevölkerung wurde schon gefragt, wieso es weiterhin gefallene und verletzte israelische Soldaten in Ortschaften gebe, die schon vor drei Wochen Schlagzeilen gemacht haben. Zum Beispiel die Kleinstadt Bint Dschbeil, die auch als "Befehlszentrale der Hisbollah im Süden" galt. Mehrfach hatte die Militärführung erklärt, Bint Dschbeil "erobert" und von Bunkern gesäubert zu haben. Doch stellt sich heraus, dass die Hisbollah-Kämpfer im unübersichtlichen Gelände, in vorbereiteten Unterständen oder Höhlen aushalten und mit perfekter Guerillatechnik die unvorbereiteten israelischen Truppen überraschen. Israelische Spezialeinheiten würden nun selber auch Hinterhalte legen, etwa in zerbombten und verlassenen Häusern. Angeblich fügen sich beide Seiten bei dieser Methode Verluste bei.

Die Empfehlungen der Armee, nach dem Treffen mit Olmert herausgesickert, bedürfen noch einer Bestätigung des Kabinetts und können deshalb nicht als Regierungsbeschlüsse angesehen werden. Analytiker halten das für eine Möglichkeit, politischen Druck auszuüben. Israel will keine Änderungen zu seinen Ungunsten in dem französisch-amerikanischen Waffenstillstandsvorschlag, wie er dem Sicherheitsrat vorgelegt wurde. Libanon hat den Vorschlag abgelehnt, da er keinen sofortigen israelischen Rückzug aus Libanon vorsehe. Präsident George W. Bush drängt neuerdings auf eine "eilige Waffenruhe", sagt aber auch, dass im Südlibanon kein "Vakuum" entstehen dürfe, in das erneut die Hisbollah bis zur israelischen Grenze nachrücken könnte. Mit der unmissverständlichen Androhung eines massiven Vorrückens treibe Israel die Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates zur Eile an. Libanon (mitsamt der Hisbollah) sollen überzeugt werden, den Vorschlag umgehend anzunehmen, wenn sie nicht weiter an Land verlieren wollten – auch im wörtlichen Sinne.


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