Suche
hier klicken, um den Ort für die Startseite festzulegen
Berlin
17
MO 13° / 25°
DI 14° / 21°
Kommentare

Montag, 31. Juli 2006

Tragödie wirft Fragen auf: Tote Zivilisten als Waffe

von Ulrich W. Sahm

Eine Explosion neben einem Rohbau verwandelte die ganze Ausrichtung des namenlosen Libanonkrieges, den israelischen Militärs zynisch "Operation Richtungswechsel" bezeichnet. Die israelischen Piloten wussten wohl nicht, dass sich da Flüchtlinge in den unfertigen Keller des Hauses gerettet hatten, um vor israelischen Bomben sicher zu sein. Mindestens 54 Menschen starben, die meisten davon Kinder. Angesichts der rund 800 bis tausend Toten im Libanon und mehr als 50 Toten in Israel, entspricht das dem grausigen Tagesdurchschnitt bei diesem 19-tägigen Krieg. Doch so viele tote Zivilisten auf einen Schlag und Live-Bilder von jeder unter den Trümmern hervorgezogenen Kinderleiche in allen arabischen Fernsehsendern verfehlen nicht ihre Wirkung. Die Welt ist zu Recht empört und Israel kann nur da nur ein verwirrtes Bedauern stammeln. Wie schon 1996 wird das Dorf Kana wegen getöteter Zivilisten zum Symbol eines Richtungswechsels.

Die Tragödie von Kana wirft aber auch Fragen auf. Für die Hisbollah ist der Tod so vieler Libanesen ein Sieg, für die Israelis jedoch eine schwere politische Niederlage. Denn bei diesem asymmetrischen Krieg geht es nicht um klassischen Landgewinn oder um die Anzahl abgeschossener feindlicher Flugzeuge. Das Hauptziel beider Seiten ist es, dem Ansehen des Gegners größtmöglichen Schaden beizufügen.

Damit es im Südlibanon nicht wieder zu solch einer menschlichen Katastrophe kommen kann, hat Israel auf amerikanischen Druck hin einer begrenzten Feuerpause zugestimmt. Doch die Regierung in Beirut fordert die Dorfbewohner im Süden nicht auf zu fliehen, sondern standzuhalten. Vor laufenden Kameras werden von den Israelis abgeworfene Flugblätter mit der Aufforderung zum Verlassen des Kriegsgebiets verächtlich zerrissen. Was soll dieser unverantwortliche Wahnsinn? Ist der libanesischen Regierung oder auch der Hisbollah das Leben der eigenen Kinder und Frauen wirklich so gleichgültig? Die Zivilbevölkerung zu schützen und in Sicherheit zu bringen, sollte doch eigentlich das höchste Gebot einer jeden Regierung oder auch Konfliktpartei sein.

Die Hisbollah ist eine typische Guerilla, verwoben mit der Bevölkerung, weshalb "Kollateralschäden" durch Israel nur schwer zu vermeiden sind. Doch es entsteht fast der Eindruck, dass Libanon nicht an einer Flucht der Menschen interessiert ist, um sich hinter der Bevölkerung verstecken zu können. Umgekehrt bedeuten bis zu 150 tägliche Raketen der Hisbollah auf Haifa, Nazareth, Tiberias und Saffed vorsätzliche Angriffe auf Zivilisten. Hisbollahchef Scheich Nasrallah macht keinen Hehl aus der Absicht, sogar Tel Aviv treffen zu wollen.

Es entsteht der Eindruck, als sei vorsätzliches Töten von Zivilisten durch Selbstmordattentäter oder durch Raketen auf israelische Städte weniger empörend und verurteilenswert als ein offenkundiges Versehen israelischer Piloten. Denn weltweit, sogar in Tel Aviv und Jerusalem, wurde gegen das "Massaker von Kana" demonstriert. Warum ist eigentlich eine Demonstration in Beirut gegen den willkürlichen Beschuss von Haifa, Nazareth und Tiberias durch die Hisbollah unvorstellbar?

Artikel versenden

Tragödie wirft Fragen auf: Tote Zivilisten als Waffe

Empfänger
Ihre Informationen
Persönliche Mitteilung

Die Daten werden nur zum Versenden der Nachricht benutzt und nicht gespeichert.