Archiv

Der Sport am Abgrund?Ein "Wett-Tsunami" droht

20.11.2009, 22:01 Uhr

Kriminelle Energien gibt es überall - auch im Sport. Doch mit seinem Zugriff bestrafe das organisierte Verbrechen diesen auch für seine Auslieferung an den Kapitalismus.

Kriminelle Energien gibt es überall - auch im Sport. Doch mit seinem Zugriff bestrafe das organisierte Verbrechen diesen auch für seine Auslieferung an den Kapitalismus.

DEU-Fussball-Wetten-Ermittlungen-OSN109-jpg8271420729797015338
Der Fall Hoyzer war keine Ausnahme. Dem Fußball droht ein Wettskandal von nicht erwartetem Ausmaß. (Foto: AP)

"Das Spiel ist aus. Der Sport beziehungsweise der Geldsport, um gegenüber den Freizeitsportlern sogleich eine Differenzierung vorzunehmen, war chancenlos gegen seine Profanierung", bedauert die Berliner Zeitung. "Mit seinem Zugriff bestraft das organisierte Verbrechen den Sport für seine Auslieferung an den Kapitalismus, durch den sich die Heldenverehrung des Athleten ins Perverse gesteigert hat, durch den sich der Sport an den Rand eines tiefen Abgrunds hat führen lassen." Vorbei sei das Staunen, vorbei die uneingeschränkte "Begeisterung für außerordentliches Talent". Das Blatt verwundert nur noch das Ausmaß der Problematik.

"Hatten wir nicht gedacht, der deutsche Fußball sei sauber?", fragt sich die Frankfurter Rundschau und nimmt das Abhaken des Themas nach der Verurteilung Hoyzers ins Visier: "Mit der Verurteilung des bestechlichen Schiedsrichters (...) war eine Art Reinigungsritual vollzogen, der Schuldige weggesperrt und das Problem besiegt worden." Mit Hoyzer habe "das Böse im Sport, diese scheinbar einmalige und einzigartige Ausnahme" hinter Gittern gesessen, "und damit war unsere Welt wieder in Ordnung". "Doch nun bricht ein Bestechungsskandal gigantischen Ausmaßes über uns herein. Wir haben gedacht, ein elektronisches Wettradar und eine drakonische Strafe gegen den Betrüger Hoyzer könnten Schiebereien verhindern. Sie können es nicht. Daher glaube keiner, wir seien besser als die anderen."

Die Kieler Nachrichten sprechen von einem "drohenden Wett-Tsunami". Die Reaktion aus dem Bundesinnenministerium, es sei sehr unschön, "was da als Verdacht in der Welt sei", hält das Blatt für eine zu nette Beschreibung. Doch der Skandal "ist keine Naturkatastrophe, die völlig überraschend über Europas Fußballfelder brandet". Vielmehr stecke gezielte kriminelle Energie von global operierenden Wettanbietern dahinter, "gegen die das noch am Donnerstag vom Deutschen Fußball-Bund gepriesene Frühwarnsystem der Europäischen Fußball-Union keine Chance hat". Zuviele Wettbüros hätten sich dem Kontrollsystem nicht angeschlossen. Warum, begreife man nun.

"Kriminelle Machenschaften gibt es überall in der Gesellschaft, dagegen gibt es die Mittel des Rechtsstaates." Die Neue Westfälische aus Bielefeld sieht nun die Fußballgemeinde in der Pflicht, "den betrügerischen Banden die rote Karte zu zeigen". Denn der Fußballfan müsse wissen, "dass es bei den Entscheidungen über Sieg und Niederlage im Stadion mit rechten Dingen zugeht".

Quelle: Zusammengestellt von Nadin Härtwig