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Strauss-Kahn ist frei"Lehrstück behält massive Sprengkraft"

01.07.2011, 21:35 Uhr

Strauss-Kahn ist aus seinem Hausarrest entlassen worden. Das Gericht zweifelt die Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers an. Die spektakuläre Wende wirft kein gutes Licht auf das US-Rechtssystem. Und egal wie der Fall ausgeht: Die Sex-Affäre wird Strauss-Kahn immer anhaften.

Der Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn ist gegen Auflagen aus seinem strengen Hausarrest entlassen worden. Eineinhalb Monate nach seiner Festnahme in den USA zweifelt das Gericht die Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers an. Die spektakuläre Wende wirft kein gutes Licht auf das US-Rechtssystem und die Arbeitsweise der Ermittler. Und egal wie der Fall ausgehen wird: Es ist mehr als fragwürdig, ob sich Strauss-Kahn politisch rehabilitieren kann, denn die Schatten der Sex-Affäre werden ihn immer verfolgen.

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Strauss-Kahn verlässt das Gericht zusammen mit seiner Frau als freier Mann. (Foto: AP)

"Der Fall Strauss-Kahn entwickelt sich zur Riesenblamage für die forschen New Yorker Inquisitoren - und zum exemplarischen Beispiel für den gnadenlosen Umgang amerikanischer Justiz- und Sicherheitsbehörden mit der hierzulande aus guten Gründen hochgehaltenen Unschuldsvermutung", kommentiert der Münchner Merkur. "Der Chef des Internationalen Währungsfonds unrasiert, mit gefesselten Händen, eskortiert von Polizisten auf dem Weg zum Haftrichter: Diese bereitwillig präsentierten Bilder erfüllten perfekt den Tatbestand der Vorverurteilung."

Auch die Rhein-Neckar-Zeitung aus Heidelberg kritisiert das Verhalten der New Yorker Ermittler: "Ohne vorher gründlich recherchiert zu haben, prangerten sie einen Mann öffentlich an, zerstörten seine Karriere. Im Verhältnis zu diesem moralinsauren 'Justizirrtum' verhält sich der Fall Kachelmann wie geradezu ein Paradebeispiel an gelebter Rechtsstaatlichkeit."

Die Allgemeine Zeitung nimmt das amerikanische Rechtssystem ins Visier, das "nicht selten obskur" anmute, was nach Meinung des Blattes aus Mainz mit der Geschichte der USA zu tun haben könnte, "jener Zeit, als Pferdediebe gehängt wurden. Und dass 'Gottes eigenes Land' straffällig gewordene Kinder mit erwachsenen Schwerstkriminellen zusammensperrte, das ist noch gar nicht so lange her. Satirisch überspitzt könnte man formulieren, dass das US-Strafrecht wirkt wie eine Melange aus John Wayne, Dirty Harry und Mickey Mouse. Auf Grundlage dieses Rechts wurde der Tatverdächtige Dominique Strauss-Kahn nach seiner Verhaftung behandelt, wie es nach europäischen Standards selbst dann nicht vorstellbar gewesen wäre, wenn er Mord und sexuellen Missbrauch an Kindern zugegeben hätte."

Dass sich die Ermittler in New York grobe Schnitzer erlaubt haben, steht für die Nürnberger Zeitung außer Frage, aber "darf Strauss-Kahn deshalb auf ein Comeback als Präsidentschaftskandidat in Frankreich hoffen? Die Antwort: Nein. Mag sein, dass in manchen Kreisen eine Sex-Affäre den Ruf eines Mannes als Draufgänger und Galan fördert. In einem hohen politischen Amt ist solch ein Mann fehl am Platz. Wer sich solche Blößen gibt, muss die Konsequenzen ziehen. Sonst könnte sich Karl-Theodor zu Guttenberg demnächst als Justizminister bewerben."

Von Anfang an war der Fall Strauss-Kahn ein Medienspektakel, so die Augsburger Allgemeine, denn "Macht, Politik, Sex, Drama: Alles, was eine gute Geschichte ausmacht, schien da zusammenzukommen." Jetzt aber sei die anfänglich "gute Story" kompliziert geworden: "War Strauss-Kahn doch kein Sexualtäter auf der Flucht, als er in offenbarer Eile das Hotel Richtung Flughafen verließ? Ist das Zimmermädchen eine Schwindlerin, die aus einvernehmlichem Sex mit einem Prominenten Kapital schlagen wollte? Wem soll man glauben? In Frankreich mag man über ein Comeback des einstigen Hoffnungsträgers der Sozialisten spekulieren. Doch selbst wenn die Anklage gegen ihn jetzt zusammenbricht, dürfte Strauss-Kahn den Schatten der Sofitel-Affäre nicht mehr loswerden."

Kurz vor der Sex-Affäre hatte der damalige Präsidentschaftskandidat der Sozialisten in Frankreich, Strauss-Kahn, gemutmaßt, dass man ihm eine Falle stellen werde. "Als Schwachpunkt", so die Frankfurter Allgemeine Zeitung, habe er selbst "seine Neigung zu Frauen" genannt. "Die Wende in New York wird deshalb Spekulationen über eine Verschwörung gegen den aussichtsreichsten Herausforderer Präsident Sarkozys wieder Auftrieb geben. Darauf gibt es zwar bisher keine Hinweise; aber die abgehörten Telefon-Äußerungen der Hotelangestellten über finanzielle Vorteile aus der Affäre liefern genug Nährboden für neue Verdächtigungen."

"Das Lehrstück behält massive Sprengkraft", meint der Tagesspiegel aus Berlin. "Ganz gleich, ob Strauss-Kahn nun ohne Fußfessel in Manhattans Restaurants dinieren kann, ganz gleich, ob seine Causa mit Freispruch endet, mit Vergleich oder Verurteilung - wie er sind viele seinesgleichen gewarnt. Im Spannungsfeld zwischen dem Narzissmus der Macht und der erfahrenen Ohnmacht des Mächtigen werden viele Weichen neu gestellt, Grenzen neu definiert und erhält Integrität neues Gewicht. Die negative Seite narzisstischer Macht gerät in entlarvendes Licht."

Quelle: zusammengestellt von Katja Sembritzki