Agentenaustausch im Eiltempo"Schwamm drüber"
Es wird immer noch spioniert. Für das politische Tauwetter ist die "Spionagekomödie" allenfalls ein lästiges Hindernis. "Man lächelt beim Lügen, Konflikte sind unerwünscht."
Der Agentenaustausch ist vollzogen. Die in New York verurteilten russischen Spione sind nach Russland abgeschoben worden. Im Gegenzug lässt Moskau vier wegen Spionage verurteilte Häftlinge ausreisen.
Es wird also immer noch spioniert. Das erstaunt die Presse nicht. Doch für das politische Tauwetter zwischen Russland und den USA ist die "Spionagekomödie" nicht mehr als ein lästiges Hindernis. Die politische Botschaft hinter dem Blitzaustausch ist das eigentlich Besondere an dieser Affäre.
Der Neue Tag fasst die Verwunderung angesichts der Affäre knapp zusammen: "Der Rest der Welt reibt sich unterdessen ungläubig die Augen. Schließlich führten beide Länder eine Spionagekomödie aus längst vergangenen Zeiten auf." Für das Blatt aus Weiden erinnert das "eher an Hollywood-Werke denn an die blutigen Agentenkriege der beiden Supermächte im Kalten Krieg".
"Zehn gegen vier auf den ersten Blick hat Moskau beim spektakulärsten Agentenaustausch seit dem Ende des Kalten Krieges das bessere Geschäft gemacht." Für den Mannheimer Morgen steckt jedoch mehr dahinter: "Weit wichtiger als diese Art Aufrechnung ist die politische Botschaft, die hinter diesem Blitzhandel steht. Weder Moskau noch Washington hatten ein Interesse daran, dass sich die Agentenposse zu einer dauerhaften Belastung der gegenseitigen Beziehungen entwickelt. Dass beide Präsidenten den spektakulären Agentenaustausch im Eiltempo abgesegnet hatten zeigt indes, dass die Drähte zwischen Moskau und Washington inzwischen auch in Spannungszeiten funktionieren. Das ist allemal ein Fortschritt, aber kein Ende der Hinterhältigkeiten."
Die Rostocker Ostsee-Zeitung glaubt, dass die Affäre nicht mehr ist, als ein "lästiges Hindernis". "Weder Moskau noch Washington wollen das politische Tauwetter durch zähe Gerichtsverhandlungen und peinliche Enthüllungen gefährden. Beide haben Großes vor. Sie wollen gemeinsam ihr teures Nuklearwaffen-Arsenal abrüsten und bei Terrorbekämpfung, Energiesicherheit und Klimaschutz den Gleichschritt proben. Washington drängt in Afghanistan und Nahost, beim Korea- und Iran-Konflikt auf russische Schützenhilfe. Moskau wiederum ist auf Amerikas Goodwill beim Streit um Nato-Osterweiterung und Raketenschild angewiesen." Das Fazit der Zeitung: "Schwamm drüber."
Die Neue Osnabrücker Zeitung ist überzeugt: "Der Kalte Krieg ist längst noch nicht völlig vorbei. Noch immer bespitzeln sich Moskau und Washington mit Hilfe eines ausgedehnten Agentennetzes. Das zeigt auch der jüngste Fall aus den USA. Es ist nicht wahrscheinlich, dass die beiden Supermächte ihren Spionage-Apparat verkleinert haben. Im Gegenteil: Die Agenten bedienen sich sogar noch raffinierterer Formen der Nachrichtenübermittlung." Eines habe sich jedoch grundlegend geändert: "Vor dem Fall des Eisernen Vorhangs diente jeder enttarnte Spion der Gegenseite als Beweis für die feindlichen Absichten des Gegners. Fast jeder Enttarnung folgte ein Schauprozess und war der politischen Klasse willkommener Anlass, die vermeintliche Überlegenheit des eigenen Systems zu propagieren."
"Das beruhigende an dem amerikanisch-russischen Übereinkommen ist die Tatsache, dass beide Präsidenten andere Probleme für wichtiger halten", schreibt die Braunschweiger Zeitung. "Barack Obama und Dmitri Medwedew bilden ein Duo, das die Wahrung des Einflusses ihrer Mächte zum jeweiligen Programm gemacht hat, wohl wissend, dass die Konkurrenz mit China, Indien oder Brasilien stetig an Bedeutung gewinnt. In dieses Szenario passt keine Agenten-Klamotte. Heute ist man sich einig: Es wird spioniert, das soll aber kein Hinderungsgrund für bessere Beziehungen sein. Man lächelt beim Lügen, Konflikte sind unerwünscht."