Ramelows Verzicht"Verschreckt Freund und Feind"
Einerseits sei Ramelows Kotau ein "geschickter Schachzug" in Bezug auf die Diskussionen zur Regierungsbildung. Andererseits hätte er sich damit aber auch selbst entlarvt.
Für seinen Alleingang wurde Bodo Ramelow von der Parteispitze der Linke heftig kritisiert. Der Spitzenkandidat in Thüringen zeige, "dass der Strippenzieher auch kriechen kann, wenn er die Macht wittert", so die Presse. Doch manche heißen es ihm auch zu Gute, weil er eine weitere "grundsätzliche Debatte über Rot-Rot" entfacht hätte.
"Bodo Ramelow traut sich was", konstatiert die Leipziger Volkszeitung. Kurz vor der Bundestagswahl am 27. September "verschreckt er Freund und Feind mit seiner unglaublichen Bescheidenheit". Die übliche Parteien-Arithmetik erkläre seine Ehrerbietung nicht. Bislang hätte der altbewährte Kanon gegolten: Koch sei der, der die meisten Stimmen hat. Kellner seien dann alle anderen. In Thüringen werde jetzt eine "Bratwurst-Koalition" zubereitet, so das Blatt aus Sachsen weiter. "Die SPD bestimmt als dünnes Würstchen den Regierungsgeschmack, die Grünen geben ihren Senf dazu und die mächtige Linke umklammert als Brötchen das Ganze." In Zeiten des Wahlkampfs würden solche Ausrutscher nur bedingt helfen. (…)
Die Mitteldeutsche Zeitung bezeichnet Ramelows Aussagen als einen "Schachzug", mit dem er die Tür für die "Regierungsbildung in Thüringen geschickt geöffnet" hätte. Insbesondere den Sozialdemokraten gefalle das gar nicht. Eine neue, "sehr grundsätzliche Debatte über Rot-Rot" dürfte nun entfacht sein. Niemand könne jetzt noch behaupten, "der Linken sei eine Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten keine Herzenssache". Denn immerhin sei die Linke gewillt, "dafür das Amt des Ministerpräsidenten herzugeben". Fazit: "Die Art und Weise, wie die Linke die SPD vor sich her treibt, ist inzwischen nicht nur für den Landesverband beschämend."
Einen sehr viel kritischeren Blick auf Bodo Ramelow wirft die Braunschweiger Zeitung. "Denn Ramelow sollte wissen, dass die SPD nur dann mitzieht, wenn sie selbst die stärkste Fraktion einer solchen Koalition stellt." Diesen Punkt würde der Chef der Linke in Thüringen nicht sehen. "Insofern ist sein Angebot entlarvend: Es offenbart, dass der Strippenzieher auch kriechen kann, wenn er die Macht wittert."
Einst hätte der Wahlgewinner Ramelow seinen Machtanspruch verteidigt, erinnert die Märkische Allgemeine. Nun könne man sich über seine neuen Töne nur wundern. Mit seinen Aussagen verfolge er das Ziel, dass es der SPD unmöglich werden solle, nicht in das Dreierbündnis mit der Linke und den Grünen einzusteigen. Die Umsetzung dessen sei allerdings unvorstellbar, meint das Blatt. Dennoch hätte Ramelow eines mit "seinem Alleingang" erreicht: "Die SPD muss sich jetzt endlich entscheiden. Vorher allerdings sollte sie noch einmal über ihr Verhältnis zu den Linken nachdenken, mit denen sie in Thüringen viele Inhalte teilt. Entweder ist es eine demokratische Partei, die in den Ländern regierungsfähig ist - dann kann sie auch den Ministerpräsidenten stellen. Andernfalls darf man eben nicht mit ihr koalieren. Die taktischen Spielchen dienen nur der Wählerverwirrung."
Laut der Westdeutschen Zeitung hätte sich Ramelow "von den Altvorderen brutal emanzipiert und damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Rot-Rot-Grün in Thüringen (und damit langfristig auch im Bund) wird wahrscheinlicher und eine Zukunft von Lafontaine und Gysi weit über die Bundestagswahl hinaus unwahrscheinlicher."
Zusammengestellt von Julia Kreutziger