Bischöfin fährt betrunken Auto"Wasser predigen und Wein saufen"
Mit erhobenem Zeigefinger hat sie sich zur moralischen Instanz aufgeschwungen. Jetzt ist Käßmann betrunken Auto gefahren. Was sind die Konsequenzen? Die Presse ist uneins.
Sie hat gesellschaftliche Missstände angeprangert und kontrovers in die Afghanistan-Politik eingegriffen. Jetzt hat sich die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, einen gravierenden Fehler erlaubt: Sie ist betrunken Auto gefahren. Soll sie deswegen zurückzutreten? Die Zeitungs-Kommentatoren sind sich in dieser Frage nicht einig.
Für die Rhein-Neckar-Zeitung hat die Bischöfin ihre Glaubwürdigkeit verloren: "Das übersteht die mit viel Vorschusslorbeer auf den Weg gebrachte EDK-Vorsitzende Käßmann wohl nicht. Man mag es bedauern. Aber man kann ihre Alkoholfahrt schlecht in den Dunstkreis einer Verschwörungstheorie rücken: 1,54 Promille sind 1,54 Promille, egal, ob sie mit ihrem Predigermut zuvor einigen Politikern auf die Füße gestiegen ist. Der obersten Kirchenrepräsentantin zieht ein solches Fehlverhalten den Boden der Glaubwürdigkeit unter den Füßen weg. Wie will sie, die Mutter von vier Töchtern, und nur als Beispiel, die wachsenden Alkoholexzesse junger Menschen noch thematisieren?"
Für die Leipziger Volkszeitung hat eine moralische Instanz versagt: "Nach ihrem weinseligen Fastenbrechen mit anschließender Spritztour durch Hannover braucht die oft brillante Rednerin nun selbst Zuspruch. Es ist ja nicht so, dass eine EKD-Ratsvorsitzende vor Verfehlungen qua Amt geschützt ist. Doch gerade ihre unnachgiebige Streitlust für mehr Gerechtigkeit, ihr stets erhobener Zeigefinger bei gesellschaftlichen Missständen haben aus Margot Käßmann eine moralische Instanz gemacht. Dass der Sturz von einem solch hohen Sockel nicht geräuschlos verläuft, liegt in der Natur der Sache. Auch wenn die Häme, die nun zumeist hinter vorgehaltener Hand laut wird, eine billige Retourkutsche ihrer Kritiker ist: Wer bei anderen hohe Maßstäbe anlegt, muss sich auch selbst daran messen lassen."
"Geht es die Öffentlichkeit überhaupt etwas an, wenn die oberste Repräsentantin der Evangelischen Kirche in Deutschland betrunken bei Rot über eine Kreuzung fährt?" fragt die Emder Zeitung und bejaht "ohne Umschweife". Zwar ist es nicht nur das "viel zitierte öffentliche Interesse", das für Prominente in einer solchen Situation greift, sondern "darüber hinaus die von der Institution Kirche gesetzten moralischen Maßstäbe, die den Fehltritt der Bischöfin Käßmann zu einem Fall von öffentlicher Relevanz machen. Für die Gegner der kämpferischen Kirchenfrau ist diese Alkoholfahrt wie Wasser auf die Mühlen. Käßmanns Haltung zur Afghanistan-Politik bot manchen Kritikern ebenso Stoff wie ihre schon länger zurückliegende Ehescheidung. Das alles hat sie gemeistert. Jetzt jedoch hat sie sich an einem sehr wunden Punkt angreifbar gemacht. Die Frage steht im Raum, ob eine Kirchenchefin, die betrunken Auto fährt, noch tragbar ist."
Auch wenn es bitter ist, die Bischöfin sollte zurücktreten, findet die Frankfurter Rundschau: "Vorbilder werden zu Recht nicht nur an ihren Worten, sondern auch an ihren Taten gemessen. Margot Käßmann selbst wird abwägen müssen, ob sie derart angeschlagen noch die moralische Autorität hat, die sie braucht, um ihr Amt auszufüllen. Gerade die Fans der Frau werden schweren Herzens sagen: Sie muss Konsequenzen ziehen, auch wenn die EKD keinen auch nur annähernd gleichwertigen Ersatz aufzubieten hat. Träte sie zurück, wäre das der letzte Ausweis ihrer Qualifikation als gesellschaftliches Gewissen."
Die Stuttgarter Zeitung hingegen möchte Käßmann auch weiterhin an der Spitze der EKD sehen: "Sie muss nun mit der Häme der Kritiker leben. Die werfen ihr genüsslich vor, Wasser zu predigen und Wein zu saufen. Solche wohlfeilen und selbstgerechten Vorhaltungen sind zwar erwartbar, für die Zukunft der Theologin aber hoffentlich nicht entscheidend. Wichtiger ist, dass es bei einem einmaligen Fehler bleibt und Käßmann durch glaubwürdiges Auftreten Vertrauen zurückgewinnt. Den Anfang hat sie mit ihrem Reuebekenntnis gemacht."