Neuseelands schräge VögelVorsicht, Keas!
Bei unachtsamen Neuseeland-Touristen hinterlässt der Kea, ein rabengroßer olivfarbener Bergpapagei, manchmal unliebsame Erinnerungen.
In den Bergregionen der Südinsel Neuseelands treiben kleine Kobolde ihr Unwesen. Bei unachtsamen Touristen hinterlässt der wegen seines Schreis so genannte Kea, ein rabengroßer olivfarbener Bergpapagei, unliebsame Erinnerungen.
Die Vögel picken nämlich mit besonderer Vorliebe die Gummidichtungen von Rückspiegeln und Autoscheiben heraus. "Manche Besucher finden die Keas gar nicht lustig", berichtet der Ranger Alan Whittaker aus seinen Erfahrungen. Er wacht im staatlichen Auftrag über die Natur am Fox-Gletscher. Auf dem Parkplatz lässt sich beobachten, was er meint. Geschickt macht sich einer der Vögel mit gekrümmtem Schnabel über den Rückspiegel an einem geparkten Auto her. "Wenn wir ihn nicht verjagen, liegt die Spiegelscheibe bald neben dem Vorderrad auf dem Boden", sagt Whittaker und verscheucht das Tier - für kurze Zeit.
Die Keas treiben auf den Parkplätzen nahe des Fox-Gletschers und des 25 Kilometer entfernten Franz-Joseph-Gletschers ihr Unwesen. Der trägt den Namen des Kaisers der Habsburgermonarchie, weil der österreichische Forscher Julius Haarst ihn 1865 entdeckte und so benannte. Die Vögel scheinen keine Scheu zu haben. "Sie wissen, dass man ihnen nichts tut und nichts tun darf, denn sie stehen unter Naturschutz", sagt Whittakers Kollege Tony Imeson. Ornithologen kennen die Vögel unter dem Namen "Nestor nobilis". In freier Natur leben sie nur an der Westküste der neuseeländischen Südinsel.
Auf den Picknickplätzen für Autofahrer finden sich die Papageien in regelrechten Banden ein. Sie klettern in die Abfalleimer, marschieren suchend unter den Bänken umher oder lassen sich auf den Dächern der abgestellten Fahrzeuge nieder. "Das Füttern der Vögel ist ausdrücklich untersagt", erklärt Imeson. "Da die Keas aber so charmant betteln können, fällt meist etwas für sie ab." Wehe, man verlässt den Platz auch nur für einen Moment. Schon sind die gefiederten Spitzbuben zur Stelle und holen sich ihre Leckerbissen. Selbst verschlossene Rucksäcke sind vor Plünderungen nicht sicher.
Stewart Waverley, ein Mechaniker aus der neuseeländischen Hafenstadt Auckland, steht nach einer Gletscherwanderung mit seiner Frau vor seinem Wohnwagen und flucht fürchterlich. Eine Seitenscheibe liegt auf dem Boden. "Diese verdammten Biester", schreit er. Die Übeltäter verfolgen aus sicherer Entfernung den Wutausbruch. Dabei hat Waverley noch Glück gehabt. "Manche Vögel haben es auf die Dichtungen der Windschutzscheiben abgesehen", sagt Whittaker.
Anscheinend sagt man den Keas also nicht zu Unrecht eine besondere Lust am Zerstören nach. Jahrzehnte hindurch wurden sie deshalb von Schafzüchtern erbittert verfolgt. Die aus Europa stammenden Farmer betrachteten die Gebirgspapageien als Feinde ihrer Herden. Sie sollen Schafe angegriffen und deren Fleisch gefressen haben.
Nach dem Urteil von Ornithologen sind Keas aber keine Raubvögel. "Es kann vorkommen, dass verendeten Schafen den Keas als Speisekammer dienen", will Imeson jedoch nicht ausschließen. "Oder Tiere vereinzelt einem Schaf direkt auf den Pelz rückten, ihm die Wolle auszupften und dann mit Fleischstücke aus dem Rücken rissen." Die Naturschützer Neuseelands wollen die munteren Keas vor dem Aussterben bewahren. Sie nehmen die Streiche der gefiederten Kobolde in Kauf.