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Das Leben ist sinnlosGebt mir die WM zurück!

16.07.2010, 14:06 Uhr
imageVolker Probst
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Keine WM? Das ist doch zum Verkriechen! (Foto: picture alliance / dpa)

Die WM ist vorbei und wir fragen uns: Wie sollen wir jetzt weiterleben? Entzugserscheinungen machen sich breit. n-tv.de begibt sich mit Ihnen in die Therapie.

Ich bin auf Entzug. Wenn ich mich von außen betrachte, sehe ich, wie ich nervös auf meinen Fingernägeln herum kaue, unkontrolliert zucke oder hektisch um mich blicke. Ich habe Schweißausbrüche und fühle mich innerlich leer. Schon vor etwa 14 Tagen fing dieses Gefühl an. Dann wurde es immer schlimmer und seit ein paar Tagen ist es unerträglich. Das Leben ist sinnlos. Ich brauche meine Dosis und weiß nicht, wie ich sie bekommen soll.

Schon wenn ich zur Arbeit fahre, merke ich, dass mir etwas fehlt. Es ist noch gar nicht lange her, da hatte ich regelmäßig bunte Flashs. Ich sah Schwarz, ich sah Rot, ich sah Gold und manchmal, ja manchmal, wenn mir der Duft von Pizza oder Paella in die Nase zu steigen schien, auch Grün oder Gelb. Überall machte es den Eindruck zu flackern. Und irgendwie gab es mir ein warmes, zufriedenes Gefühl. Mir fehlen meine Flashs.

Zu viele Stimmen

Bei der Arbeit fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren. Ich surfe ziellos auf Internetseiten und lese irgendetwas über eine rot-grüne Koalition, Öl im Meer oder kaputte Klimaanlagen. Ich glaube, draußen ist es heiß. Neben mir steht ein Fernseher. Es ist noch gar nicht lange her, da zogen mich seine Bilder in den Bann. Ja, seine rasengrünen und ballrunden Pixel wirkten geradezu euphorisierend auf mich. Sie putschten mich auf. Jetzt sprechen Menschen in grauen Anzügen und weißen Blusen aus dem Gerät zu mir. Sie sagen irgendetwas über kaputte Klimaanlagen, eine rot-grüne Koalition oder Öl im Meer. Ich glaube, sie sind betroffen. Sie geben mir nichts. Ich sehne mich nach meinen Pushs.

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Die schwarz-rot-goldenen Flashs werden weniger. (Foto: picture alliance / dpa)

Wenn ich abends nach Hause gehe, quälen mich Stimmen in meinem Kopf. Ich sehe Menschen in Kneipen sitzen. Sie reden. Und reden. Und reden. Sie reden irgendetwas über Öl im Meer, kaputte Klimaanlagen oder eine rot-grüne Koalition. Ich glaube, wir leben in einer Demokratie. Es ist noch gar nicht lange her, da schwiegen die Menschen. Sie hielten inne. Nur zu meditativen Gesängen erhoben sie die Stimmen. Sie sangen "Schland o Schland" und "Sha-la-la-la-la". Ich vermisse diese Momente der Trance.

Bin ich tot?

In meiner Wohnung weiß ich nichts mit mir anzufangen. Ich starre an die Decke. Regungslos verstreichen die Stunden. Bin ich vielleicht schon tot? Nein, ich schwitze, und ich glaube, das tun Tote nicht. Verdammt, eine Klimaanlage wäre gut. Es ist noch gar nicht lange her, da tobte hier das wilde Leben. Auf der weißen Wand, in die sich nun meine Blicke bohren, schuf der Projektor ein Abenteuerland namens "Waka Waka". Wir lachten und wir feierten. Wir fieberten und wir tranken. Bis zur Besinnungslosigkeit. Gebt mir meinen Rausch zurück!

Bei dem Gedanken daran bekomme ich Durst. Langsam schäle ich mich aus der Couch und sehe mich um. Auf dem Boden reihen sich die Bierflaschen aneinander. Manche von ihnen liegen. Vor ihnen sind kleine Pfützchen. O.k., ich habe Durst, aber soweit triebgesteuert bin ich dann doch nicht.

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Damals in Waka Waka. (Foto: picture alliance / dpa)

Auf dem Fernseher steht ein Aschenbecher, ein anderer auf dem Regal. Zigarettenstummel quellen aus ihnen hervor. Rund herum liegt Asche. Muss wohl jemand unterwegs verloren haben. Vom Balkon winkt der Grill zu mir herüber. Die dicke, schwarze, angetrocknete Fettschicht auf dem Rost sehe ich bis hierher.

Stillleben mit Wurst

Die vor Schmodder triefenden Teller sehe ich hingegen erst, als mich der Durst in die Küche treibt. Aber: Juchhe! Sie stehen immerhin schon mal in der Küche. Zwischen den Tellern liegen siffige Messer und Gabeln, Grillsaucen mit oder ohne Deckel, aufgerissene Steak-Verpackungen und irgendwelcher Müll, der sich nicht so genau definieren lässt. Gebrauchte Kaffeepads, Überreste von Krautsalat, Brotkrümel und eine angebissene Wurst bilden auf dem Tisch ein imposantes Stillleben. Wäre der Mülleimer nicht bis obenhin voll, ich würde wahrscheinlich alles einfach mit ausgestrecktem Arm hineinwischen. Kurzum: Ich glaube, ich muss mal aufräumen.

Aber vorher gehe ich mich anziehen! Dummerweise versperrt ein Berg schmutziger Wäsche den Zugang zu meinem Kleiderschrank. Ich schiebe ihn beiseite, lediglich um festzustellen, dass sich im Schrank leider nur noch eine höchst unbefriedigende Auswahl an tauglichen Klamotten befindet. Waschen müsste ich auch mal. Ich krame in dem Haufen mit der Dreckswäsche und ziehe schließlich meine Lieblingsjeans hervor. Der flüchtige Geruchstest offenbart eine interessante Mischung aus Bier, Rauch und Ketchup. Nun gut, sie muss es jetzt aber mal tun.

Der Knopf ging schon mal leichter zu, denke ich mir, als ich die Hose überstreife. Ich blicke in den Spiegel. Ich glaube, ich habe in den vergangenen Wochen zugelegt. Ich sollte mal wieder Sport treiben.

Entdeckungsreise durch die Wohnung

Der Durst treibt mich aber erst einmal zurück in die Küche. Ich öffne den Kühlschrank und muss feststellen, dass sein Innenleben dem meines Kleiderschranks sehr ähnelt. Um meinen Durst zu löschen, habe ich die Wahl zwischen Soja-Sauce, Zitronensaftkonzentrat und dem Wasser, in dem die Gewürzgurken schwimmen. Ich könnte vielleicht auch die Zwiebel auslutschen, die sich im Fach der Seitentür gerade anschickt, eine Palme zu werden. Alles klar, ich muss einkaufen.

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Willst Du auch ein Antidepressivum? (Foto: picture alliance / dpa)

Verdammt, wo war noch mal mein Geldbeutel? Ich mache mich mit möglichst geschmeidigen Bewegungen auf Entdeckungsreise, um nicht allzu viel von dem Staub in der Wohnung aufzuwirbeln. Die Suche kostet mich eine geschlagene halbe Stunde. Gefühlt ist es die Suche nach dem Heiligen Gral. Meinen Schreibtisch inspiziere ich dabei bestimmt fünf Mal. Doch, warum auch immer, erst beim sechsten Mal finde ich die Börse genau hier. Sie liegt unter dem Stapel Briefe und Rechnungen, die ich seit dem 11. Juni nicht mehr geöffnet habe.

Eigentlich hätte ich es mir denken können: In dem Portemonnaie sieht es genauso öde aus wie in Kühl- und Kleiderschrank. Stimmt ja: Mein letztes Geld habe ich nach dieser niederschmetternden Begegnung mit den Spaniern in flüssige Antidepressiva investiert. Für mich und all die anderen mit den traurigen Gesichtern um mich rum. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Nur noch viel leiderer bin ich jetzt pleite.

Endlich was zu trinken

Frustriert schleppe ich mich auf die Couch zurück. Mein Anrufbeantworter blinkt. Ich höre ihn ab und stelle fest, dass meine Mutter etwa 17 Mal versucht hat, mich zu erreichen. Dazu noch eine Bekannte, die nicht weiß, was Abseits ist, und ein Sparkassen-Vertreter, der erst freundlich, beim vierten Anruf dann aber doch eher unwirsch um ein Gespräch über meine finanziellen Verhältnisse bittet. Ich denke, ich sollte mal wieder soziale Kontakte pflegen.

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Bitte nur noch einmal dieses Gefühl! (Foto: picture alliance / dpa)

Mein Blick wandert zu meinem Couchtisch. Auf ihm liegt das WM-Sonderheft des "Kicker". Ich greife es. Kurz durchfährt mich wieder dieses warme Gefühl. Verdammt, bis zur nächsten Dosis dauert es noch zwei Jahre. Dann ist die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Wie soll ich das nur aushalten? Als ich mürrisch mit dem Fuß aufstampfe, gerät eine der Bierflaschen um mich herum ins Schwanken. Ich fange sie auf – und stelle fest: Sie ist noch halbvoll. Mmmh, fein, etwas zu trinken, denke ich mir. Ich setze an und sehe gerade noch rechtzeitig die Zigarettenkippe, die in der Flasche schwimmt. Ganz so, als wollte sie mir eines sagen: Der Entzug ist hart – aber dringend nötig!