Per SaldoDer Berlinale-Indikator
Zuversichtliche Konsumenten sind eine Voraussetzung, damit sich die Konjunktur erholt. Doch die Laune der Verbraucher scheint nicht besonders gut zu sein.
Wie geht es eigentlich der Wirtschaft? Die Antworten von Indikatoren, Wirtschaftsforschern, Finanzfachleuten und Märkten fallen nicht eindeutig aus, doch die Stimmung scheint sich etwas zu verbessern. Doch wie es genau um die verschiedenen Volkswirtschaften bestellt ist, bleibt unklar.
Auf der Suche nach einem brauchbaren Indikator stießen wir auf das Programm der 60. Berlinale. Schließlich versprechen die Initiatoren der Filmfestspiele, in der Reihe "Forum" Filme zu zeigen, die "sensibel auf die Zeitstimmung reagieren". Der Blick auf das Programm steht leider in krassem Gegensatz zu einigen herkömmlichen Indikatoren. Es geht uns wohl doch ziemlich schlecht. Weltweit herrschen Depression, Hoffnungslosigkeit und Kriminalität.
Das demonstrieren bereits die auffallend vielen deutschen Filme, die sich im Programm der Forum-Reihe finden. Angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung Deutschlands ist das ja durchaus angemessen. Die derzeitige Stimmung hierzulande ist demnach furchtbar. Dominik Graf erzählt in "Im Angesicht des Verbrechens" von der russischen Unterwelt, die sich mitten im Berliner Westen angesiedelt hat. Regisseur Thomas Arslan ist mit "Im Schatten" dabei. Darin bereitet ein aus dem Gefängnis entlassener Räuber seinen letzten Coup vor und kämpft gegen einen korrupten Polizisten. Ein anderer Film handelt von einer Architektin, die ihre Arbeit verliert. Sie beginnt in einem Callcenter zu arbeiten, wird aber schon bald wieder gekündigt. Sie versucht mit aller Kraft, sich nicht unterkriegen zu lassen, fängt an zu trinken und treibt durch die Stadt – zwischen Anpassungsdruck und Widerspruchsgeist.
Auch die deutsch-französische Produktion "Orly" kann als Sinnbild der Perspektivlosigkeit verstanden werden: Mehrere Menschen warten in der Halles des Pariser Flughafens auf ihren Flug. Es sind Verlassene, Trauernde, Sehnsüchtige, Abschiednehmende. Philip Scheffners "Der Tag des Spatzen" handelt vom trügerischen Frieden in einem Land, das anderswo Krieg führt. Die Berliner Filmemacherin Gamma Bak macht sich und ihre psychotische Erkrankung in dem Film "Schnupfen im Kopf" zum Thema.
Revolten in Japan
Natürlich ist auch eine andere export-orientierte Nation stark vertreten, die auch heftig unter der Krise zu leiden hat – Japan. Und dort sieht es offenbar kaum anders aus als hier, allerdings droht dem Land möglicherweise eine Revolution. In einem Film schuften zwei Waisen in einer Abbruchkolonne, sie werden von ihrem Chef schikaniert und erpresst. Dann nehmen sie Rache. Auch in "Kanikosen" lehnen sich Arbeiter gegen ihren Boss auf. Auf einem Krebsfangschiff arbeiten Männer wie Maschinen, angetrieben von Peitschenhieben. Zwei von ihnen gelingt die Flucht, sie werden von einem sowjetischen Frachter gerettet. Die Flüchtlinge kehren zurück und zetteln eine Revolution an.
Doch ob aus Russland wirklich die Rettung kommt, ist angesichts des filmischen Beitrags dieses Landes zweifelhaft. So geht es bei "Ya" (Ich) um einen jungen Mann, der sich freiwillig in die Psychiatrie einweisen lässt, um sich der Wehrpflicht zu entziehen. Dort scharen sich Patienten um eine Ikone der Drogenszene.
Ein spanischer Film ist ein weiterer Höhepunkt der Hoffnungslosigkeit. In dem Streifen "Fin" (Ende) lernen sich drei junge Leute über das Internet kennen und begeben sich auf eine Reise. Erst am Ende erfährt der Zuschauer, dass sie Suizid begehen wollen. Und wie geht es den Amerikanern? Auch schlecht. In "Putty Hill" steht der Tod eines 24-Jährigen im Mittelpunkt, der an einer Überdosis Heroin gestorben ist. Der französische Spielfilm "Indigène d'Eurasie" des litauischen Regisseurs Sharunas Bartas handelt von einem Gangster, der eine Odyssee quer durch Europa antritt. Die Verfolgungsjagd über einen Kontinent voller Gegensätze gerät dabei zur düsteren Zukunftsvision.
Selbst erfüllende Prophezeiung
Schaut man auf die Auswahl, mag man nicht mehr glauben, dass sich die Konjunktur weltweit langsam erholt. Doch mit diesem Fokus steht das Festival nicht alleine. Der US-Ökonom Robert Shiller weist deshalb darauf hin, dass die ständige Erwähnung der Weltwirtschaftskrise unsere Wahrnehmung prägt. Konsumenten geben weniger Geld aus, Firmen stellen weniger Leute ein und verspüren wenig Lust, zu investieren. Die allgegenwärtigen Verweise auf die Krise können leicht zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden, warnt der Yale-Professor. Wie hatte schon Franklin D. Roosevelt, US-Präsident während der Großen Depression, gesagt? "Das einzige, vor dem wir uns fürchten müssen, ist die Furcht."
Wenn man das Niveau der vergangenen Berlinalen als Maßstab nimmt, sind unter den im "Forum" vertretenen Filmen zweifellos wieder viele gute Beiträge dabei. Ob es um die weltweite Stimmung wirklich so schlecht bestellt ist, wie die Auswahl nahelegt? Hoffentlich nicht.