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Inside Wall StreetTrend zum Billig-Job

20.04.2011, 06:42 Uhr
imagevon Lars Halter, New York

Man ist es ja gewöhnt, dass sich die Wall Street aus der täglichen Datenflut herauspickt, was gerade zur Marktstimmung passt. Doch vor allem mit Blick auf den Arbeitsmarkt ist es zu einer Verzerrung gekommen, die eigentlich die gesamte Erholung der Aktienindizes in Frage stellen müsste.

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Die Arbeitslosigkeit bleibt in die USA ein großes Problem. (Foto: REUTERS)

An der Wall Street vergeht kaum eine Woche ohne "gute Nachrichten vom Arbeitsmarkt". Das sei hier in Anführungszeichen gesetzt, weil die jeweils jüngsten Meldungen zum vielleicht wichtigsten Datensatz der US-Konjunktur immer nur auf den ersten Blick gut sind. Wenn Analysten darüber jubeln, dass Amerika neue Stellen schafft, beachten sie nur einen Teil der Statistik.

Man ist es ja gewöhnt, dass sich die Wall Street aus der täglichen, gewaltigen Datenflut herauspickt, was gerade zur Marktstimmung passt. Regelmäßig werden Zahlen und Daten positiver interpretiert als sie sind. Doch vor allem mit Blick auf den Arbeitsmarkt ist es in den letzten Jahren zu einer Verzerrung gekommen, die eigentlich die gesamte Erholung der Aktienindizes in Frage stellen müsste.

Spürbare Gehaltseinbußen

Denn dass die US-Konjunktur in den letzten Monaten immer wieder neue Stellen geschaffen hat, ist nur eine Seite der Medaille. Betrachtet man die jüngsten Statistiken etwas genauer, stellt man fest, dass einst gut bezahlte Arbeitsplätze zum allergrößten Teil durch deutlich schlechter bezahlte Jobs ersetzt werden. Der liberale "Huffington Post" nennt ein Beispiel: Susan Goscewski verlor 2008 nach 30-jähriger Karriere im Finanzsektor ihren Posten als Direktorin einer gemeinnützigen Organisation, der ihr ein Jahresgehalt von 90.000 Dollar einbrachte. Nach zweijähriger Job-Suche arbeitet sie nun wieder: als Kursleiterin für angehende Buchhalter. Die Stelle zahlt einen Stundenlohn von 15 Dollar für 20 Wochenstunden. Selbst ohne Urlaub kommt Goscewski damit höchstens auf ein Sechstel ihrer früheren Einnahmen.

Was hier wie ein Extrembeispiel aussieht, ist nur einer von hunderttausenden Fällen, in denen Amerikaner in den letzten Monaten Jobs zu einem Bruchteil ihrer früheren Löhne und Gehälter akzeptieren mussten, um überhaupt wieder in den Arbeitsmarkt eintreten zu können.

Ein Branchenüberblick belegt den Trend: In der Krise der letzten Jahr haben vor allem der Finanz- und Bausektor Stellen abgebaut. Diese gehörten traditionell zu den besser bezahlten Jobs mit einem durchschnittlichen Stundenlohn von 20 Dollar. Neue Jobs werden seit Monaten vor allem in Verwaltung und Dienstleistungssektor geschaffen, bei der Müllentsorgung und im Hotelgewerbe. In diesen Branchen liegt der Stundenlohne im US-Mittel bei knapp unter 13 Dollar – statistisch gesehen ist das ein Gehaltsverlust von 35 Prozent für Amerikaner, die nach einem Jobverlust wieder in den Arbeitsmarkt kommen.

Volkswirte führen diesen Abwärtstrend unter anderem auf Angebot und Nachfrage zurück. Auf jede neue Stelle kommen am amerikanischen Arbeitsmarkt mehr als vier Bewerber. Das erlaubt Arbeitgebern deutliche Einschnitte bei Lohn und Gehalt ebenso wie bei den Sozialleistungen. Vom Gesetzgeber hat man schon seit vielen Jahren nichts zu fürchten, denn in Washington und auf Ebene der Bundesstaaten hält man sich vor allem in bezug auf Regeln und Auflagen zum Schutz der Arbeitnehmer vornehm zurück und unterstützt stattdessen die Arbeitgeberseite.

Blick nach Kalifornien

Bestes Beispiel: die Hotelindustrie in Kalifornien. Wer im Sonnenstaat urlaubt, bekommt oft – wie auch anderswo – jeden Tag sein Hotelbett frisch bezogen. Der Trend zu mehr Luxus hat dazu geführt, dass die durchschnittliche Matratze 75 Kilogramm wiegt – eine Last, die Zimmermädchen kaum mehr stemmen können. Gemeinsam wollen sie seit Monaten eine Verbesserung ihrer Arbeitssituation durchsetzen. Ein Gesetzentwurf im kalifornischen Senat sieht vor, dass Hotels künftig etwa Spannbettücher einsetzen sollen, die sich leichter um die Matratzen spannen lassen. Auch sollen Hotels ihre Putzkräfte mit langstieligen Geräten ausstatten, damit diese etwa Badezimmer nicht mehr auf den Knien putzen müssen.

Bei den Demokraten ging die Initiative durch – die Republikaner stemmen sich mit aller Kraft dagegen. Sie sehen in den vorgeschlagenen Maßnahmen eine Zumutung für die Hotelindustrie, die sich ihrerseits gegen mögliche Investitionen stemmt. Mit mehreren Appellen im Kongress in Sacramento, bei denen eine Putzkraft sogar ihre wunden Knie präsentierte, konnte sich die schlecht bezahlte Branche bisher nicht durchsetzen.

Unterm Strich zeigt sich in Amerika seit Jahren ein Trend: Industrie und Arbeitgeber werden gesetzlich geschützt und unterstützt wo man kann, während Arbeitnehmer weitgehend auf sich allein gestellt sind. Während das für die Industrie kurzfristig durchaus positiv ist, sind die langfristig negativen Folgen nicht zu übersehen. Sei es die Schere zwischen Arm und Reich oder der Frust von Arbeitern, der zu schlechterem Service führt, die Erorsion der amerikanischen Gesellschaft geht weiter. Die Wall Street kann diese Tatsache nicht ewig ignorieren.