Mittwoch, 24. Mai 2006
Euronext-Übernahmepoker: Atticus heizt Bieterkampf an
Der an den drei im Mittelpunkt des Euronext-Übernahmepokers stehenden Börsen beteiligte New Yorker Hedgefonds Atticus heizt den Wettstreit um die Vierländerbörse an. Die Investmentfirma teilte am Mittwochabend mit, sie stehe auf der Seite des Euronext-Managements bei der Suche nach der besten Offerte. Im Bieterrennen um die Vierländerbörse haben die Deutsche Börse und die New York Stock Exchange (Nyse) zuletzt ihre Gebote auf den Tisch gelegt.
"Wir unterstützen Vorstand und Management der Euronext bei der Bestimmung des für die Aktionäre vorteilhaftesten Angebots, und wir glauben, dass wir in der Lage sind, alle neuen oder verbesserten Angebote fair zu bewerten". Atticus vollzieht mit der Erklärung eine Wende: Noch Anfang des Jahres hatte sich ein Manager des Fonds offen für eine Fusion mit den Frankfurtern ausgesprochen. Atticus hält den Angaben zufolge neun Prozent an Euronext, sechs Prozent an der Nyse und fünf Prozent an der Deutschen Börse. Im vergangenen Jahr gehörte der Hedgefonds zu der Aktionärsopposition um den britischen Fonds TCI, der eine Übernahme der Londoner Börse durch die Deutsche Börse blockierte und den damaligen Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert zum Rückzug zwang.
Euronext-Führung spielt auf Zeit
Euronext-Chef Jean-Francois Theodore und der Aufsichtsratsvorsitzende Jan-Michiel Hessels seien ehrlich bemüht, den Unternehmenswert zu erhöhen, erklärte Atticus. Der Fonds wurde 1995 gegründete und verwaltet nach eigenen Angaben Vermögen von mehr als zehn Milliarden Dollar.
Die Führung der Euronext hatte bei ihren Aktionären zuletzt um Unterstützung für eine Übernahme durch die New Yorker Börse geworben - und zugleich auf Zeit gespielt: Auf der Euronext-Hauptversammlung am Dienstag hatten Hessels und Theodore die Werbetrommel für eine transatlantische Megabörse gerührt, sich allerdings nicht konkret auf eine Empfehlung festgelegt und die Entscheidung vertagt. Doch sei das Übernahmeangebot der Nyse von rund acht Milliarden Euro insgesamt attraktiver als die Offerte der Frankfurter von 8,6 Milliarden Euro.
TCI hatte sich, anders als Atticus, auf die Seite der Deutschen Börse geschlagen und wollte auf der Hauptversammlung die Aktionäre grundsätzlich für die inner-europäische Lösung votieren lassen, war damit jedoch gescheitert. TCI gehören zehn Prozent der Euronext-Anteile und ebenso viele an der Deutschen Börse.
Die Deutsche Börse gab am Mittwoch trotz des von der Euronext-Führung präferierten Angebots aus New York den Kampf um die Obergesellschaft der Handelsplätze in Paris, Amsterdam, Brüssel und Lissabon nicht verloren. Ein Zusammengehen mit der Mehrländerbörse habe auf jeden Fall Priorität - "aber nicht um jeden Preis", sagte Börsen-Chef Reto Francioni auf der Hauptversammlung des Unternehmens in Frankfurt. Der Fusionsvorschlag stehe "bis auf weiteres".
Hedgefonds als Schrecken der Unternehmen
Hedgefonds dürfen - anders als traditionelle Investmentfonds - in alle Finanzinstrumente investieren und gelten gemeinhin als spekulativ und an schnellen Renditen interessiert. Viele Unternehmen schreckt - gerade nach den Vorgängen bei der Deutschen Börse - eine Beteiligung der teils aggressiv vorgehenden Investmentfirmen. Deren Manager wollen dem operativen Geschäft oft stärker ihren Stempel aufdrücken als "klassische" Aktionäre. Manche Unternehmen entwickeln daher sogar Abwehr-Strategien gegen die Fonds - wie beispielsweise Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber im Herbst vergangenen Jahres offen für die Fluglinie zugab.
Atticus selbst hat sich in einem anderen Übernahmepoker klar positioniert: Zuletzt versuchte der Fonds Druck auf den Luxemburger Stahlkonzern Arcelor auszuüben, sich einer Fusion mit dem Branchenführer Mittal nicht zu verschließen. An beiden Unternehmen ist Atticus beteiligt.


