"Lebensfähigkeit gefährdet"Bear Stearns drängt
Vor der Übernahme durch den früheren Konkurrenten JP Morgan zeigt die US-Investmentbank noch einmal wie tief sie in der Krise steckt. Im ersten Quartal brach der Nettogewinn im Vergleich zum Vorjahr um fast 80 Prozent ein.
Die in finanzielle Schieflage geratene US-Investmentbank Bear Stearns hat im ersten Quartal ihres Geschäftsjahres einen Gewinneinbruch verbucht. Wegen Abschreibungen im Zusammenhang mit der US-Hypothekenkrise fiel der Nettogewinn bereits in den drei Monaten vor dem Beinahe-Zusammenbruch (per 29. Februar) um 79 Prozent auf 115 Mio. US-Dollar, teilte die Bank am Montagabend mit.
Bear Stearns, einst die fünftgrößte Investmentbank an der Wall Street, muss auch auf der Vorsteuerseite herbe Einbußen hinnehmen. Die Erträge fielen von 2,48 auf 1,48 Mrd. Dollar. Insgesamt musste Bear Stearns 600 Mio. Dollar auf Ramschhypotheken und Risiko-Kredite abschreiben. Den jüngsten Gewinnrückgang hatte die Bank zuvor angekündigt. Im Schlussquartal des vergangenen Geschäftsjahres hatte Bear Stearns nach Milliardenabschreibungen den ersten Verlust in der Geschichte der Wall-Street-Bank erlitten. Nach Bekanntwerden der Liquiditätsprobleme Mitte März habe sich die geschäftliche Lage noch deutlich verschlimmert, hieß es bei der Bank.
Mehrere Stellen ermitteln
Neben dem massiven Gewinneinbruch droht der vor der Übernahme stehenden US-Investmentbank weiterer Ärger. Gegen die Bank laufen Ermittlungen unter anderem der Börsenaufsicht SEC wegen des Verdachts von Verstößen gegen das Wettbewerbsrecht. Das könnte den zur Rettung von Bear Stearns vereinbarten Kauf durch die US-Großbank JP Morgan Chase zusätzlich belasten.
Die SEC-Ermittlungen beziehen sich nach Angaben von Bear Stearns auf Geschäfte mit Anleihen. Gegen die Bank laufen zusätzlich Untersuchungen der Federal Trade Commission (FTC) wegen möglicher Verletzungen von Kundenrechten bei Immobilienkrediten.
Bear Stearns war wegen der Finanzkrise in schwere Schieflage geraten und konnte sich Mitte März nur durch einen von der US-Notenbank Federal Reserve unterstützten Notverkauf an die Großbank JP Morgan vor der Pleite retten. Die Aktionäre erreichten nach massiven Protesten einen verbesserten Kaufpreis von zumindest zehn statt nur etwa zwei US-Dollar je Aktie.
Notverkauf oder Insolvenz
Kurz vor der Kaufvereinbarung hatte das Papier trotz eines bereits heftigen Einbruchs noch bei über 30 Dollar notiert. JP Morgan will die angeschlagene Bank im Tausch gegen eigene Aktien übernehmen und hält nach eigenen Angaben bereits einen Anteil von 48,4 Prozent. Ein Scheitern der Übernahme werde aber "die finanzielle Lebensfähigkeit des Unternehmens ernsthaft gefährden", erklärte Bear Stearns. Die Bank müsse dann möglicherweise Insolvenz beantragen.
Bear Stearns reichte die Quartalszahlen - die die Geschäftsentwicklung vor der Liquiditätskrise der Bank beschreiben - eine Woche nach der eigentlichen Frist bei der Börsenaufsicht SEC ein. Die Bank habe einfach mehr Zeit für den Quartalsabschluss benötigt. "Die andauernde weltweite Liquiditätskrise und die Neubewertung von Kreditrisiken haben ein schwieriges Geschäftsumfeld geschaffen", hieß es in der Mitteilung. JP Morgan legt seine Zahlen an diesem Mittwoch vor.