Mittwoch, 18. Januar 2006
Panikverkäufe wegen Livedoor: Börse Tokio zieht Reißleine
Die Affäre um das japanische Internetunternehmen Livedoor setzt die Börse in Tokio weiter unter Druck. Der Nikkei-Index schloss am Mittwoch mit einem erneuten Minus von 2,9 Prozent. Bereits am Dienstag war der Nikkei-Index um 2,8 Prozent eingebrochen, nachdem bekannt geworden war, dass die Staatsanwaltschaft Büros von Livedoor durchsucht hatte. Erstmals in der 56-jährigen Geschichte der Börse musste der gesamte Aktienhandel 20 Minuten vor Ablauf der regulären Handelszeit abgebrochen werden. Grund waren unzureichende Computerkapazitäten. Investoren und Experten sprachen von einer Schande für den zweitgrößten Börsenplatz der Welt. Die Börsenleitung hätte die Kapazitäten längst aufstocken sollen, da eine rasante Zunahme von individuellen Investoren zu erwarten gewesen sei, hieß es.
Erst kürzlich hatte es schwere Pannen mit dem Computersystem gegeben. In Marktkreisen wird schon befürchtet, dass eine Unzuverlässigkeit des Computersystems die Investoren nachhaltig abschrecken könnte. Die Börse kündigte an, die Kapazitäten des Handelssystem zur Abwicklung von Transaktionen zum 30. Januar auf fünf Mio. zu erhöhen. Auf einer vor dem Handelsabbruch eilig einberufenen Pressekonferenz hatte der neue Börsenpräsident Taizo Nishimuro die Investoren noch dringend gebeten, ihre kleineren Aufträge zu bündeln, um zu helfen, die Zahl der Transaktionen zu reduzieren. Doch es half nichts: Die Anleger stießen laut Marktteilnehmern weiter Papiere ab.
Abschläge mussten vor allem Technologiewerte wie Canon, Toshiba, Sony und Advantest hinnehmen. Die Verluste könnten nach Einschätzung von Aktienexperten auch auf die am Dienstagabend vorgelegten Quartalszahlen des US-Chipherstellers Intel zurückzuführen sein, die schlechter als erwartet ausgefallen waren. Die Livedoor-Aktien wurden am Mittwoch nach Medienberichten über eine Ausweitung der Ermittlungen vorübergehend vom Handel ausgesetzt. Die Aktien waren am Dienstag bereits um 14,4 Prozent eingebrochen, den maximal zulässigen Wert.
Wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo meldete, geht es bei den neuen Ermittlungen bei Livedoor um den Vorwurf der Bilanzmanipulation, mit der Millionenverluste verschleiert worden sein sollen. Weder Staatsanwaltschaft noch Livedoor wollten die Meldung bestätigen. Das Unternehmen hat alle Vorwürfe bislang zurückgewiesen.
Medienberichten zufolge soll Livedoor illegaler Weise für die Mutter im Geschäftsjahr 2004 einen Gewinn von 1,4 Mrd. Yen (10,0 Mio. Euro) ausgewiesen haben, obgleich die Firma tatsächlich mit einer Milliarde Yen in den roten Zahlen gesteckt habe. Livedoor habe angeblich 2,4 Mrd. Yen an Gewinnen von mehreren angeschlossenen Unternehmen in die eigene Bilanz übertragen, um die Verluste zu vertuschen, heißt es.
Vorsorglich und um den Ansturm von Einzeltransaktionen besser bewältigen zu können, kündigte die Tokioter Börse derweil an, ab Donnerstag "bis auf weiteres" den Beginn des Nachmittagshandels um 30 Minuten auf 13.00 Uhr Ortszeit zu verschieben. Der Handel endet 15.00 Uhr.


