Die Verstaatlichung beginntBund startet HRE-Angebot
Die Bundesrepublik Deutschland setzt den Aktionären der Hypo Real Estate (HRE) eine Frist bis zum 4. Mai 2009. Bis dahin müssen sich die Anleger entscheiden, ob sie das staatliche Angebot von 1,39 Euro je Anteilsschein annehmen. Eine Verlängerung der Frist wird es nicht geben, heißt es. Wer nicht verkaufen mag, dem droht die Enteignung.
Mit einem Übernahmeangebot an die Aktionäre der Hypo Real Estate hat der Bund erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland die Verstaatlichung einer Bank eingeleitet. Seit Freitag können die Aktionäre des maroden Immobilienfinanzierers ihre Aktien zu einem Preis von 1,39 Euro an den Bund verkaufen, wie der Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (SoFFin) in Berlin mitteilte. Die Frist läuft noch bis zum 4. Mai (Mitternacht), eine Verlängerung soll es nicht geben. Die Finanzaufsicht BaFin hatte das Übernahmeangebot zuvor genehmigt und damit den Weg frei gemacht.
Der Bund verteidigt die milliardenschwere Rettung der Münchener Immobilienbank. Eine Insolvenz des Instituts hätte angesichts seiner Größe "substanzielle und kaum abschätzbare" Effekte auf die Interbanken- und Pfandbriefmärkte sowie auf die Vermögens- und Ertragslage diverser anderer Finanzinstitutionen gehabt, hieß es in der den Angebotsunterlagen. Zudem hätte eine Pleite einen "gravierenden Vertrauensverlust" an den nationalen und internationalen Finanzmärkten zur Folge gehabt, da die Bereitschaft des Bundes zur Rettung sämtlicher deutscher Banken in Frage gestellt worden wäre.
Um eine Insolvenz des Immobilienfinanzierers zu verhindern, seien frisches Kapital in erheblicher Größenordnung und weitere staatliche Garantien nötig, hieß es weiter. Die HRE soll binnen drei bis fünf Jahren radikal auf das Kerngeschäft zurückgeschnitten werden.
Durch die Offerte will sich Bund 100 Prozent der Anteile an dem Münchner Konzern sichern. Der SoFFin bekräftigte die Absicht, die HRE beim Erreichen einer Schwelle von 90 Prozent der Anteile von der Börse zu nehmen. Sollten die Aktionäre nicht auf das Angebot eingehen, will der Bund sie herausdrängen. Fraglich ist vor allem, ob Großaktionär J.C. Flowers seinen Anteil von knapp 22 Prozent freiwillig abgibt. Notfalls will der Bund ein Verfahren zur Enteignung einleiten, wie aus dem 34-seitigen Übernahmeangebot hervorgeht. Dann würde der Bund aber einen geringeren Preis für die Aktien zahlen.
Flowers schaut sich das an
Flowers kündigte an, das Angebot zu prüfen. Es gebe aber weiterhin die Präferenz, im Unternehmen zu bleiben, sagte sein Sprecher. Der Investor aus New York hat durch sein Engagement bei der Hypo Real Estate rund eine Milliarde Euro verloren. Von einem Verbleib im Unternehmen erhofft er sich vor allem Schadensbegrenzung. Er argumentiert, dass der Bund auch mit einer Mehrheit von 75 Prozent voll handlungsfähig wäre und von der Zusammenarbeit mit ihm profitieren könne. Es sei nicht nachvollziehbar, dass mit der HRE anders verfahren werde als mit anderen Banken, die den staatlichen Rettungsschirm nutzen, sagte der Sprecher. Flowers sei bereit, den Bund bei der Sanierung der HRE zu unterstützen.
Das will der Bund aber vermeiden und strebt die vollständige Kontrolle an. "Nur so können die für die Stabilisierung der HRE- Gruppe und damit letztlich für die Stabilität des Finanzmarktes erforderlichen Maßnahmen rechtssicher, nachhaltig, kosteneffizient und zeitnah umgesetzt werden", teilte der Sprecher des SoFFin- Leitungsausschusses, Hannes Rehm, mit.
Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) empfahl Aktionären nochmals, das Angebot anzunehmen, da es keine Alternative dazu gebe. Positiv wertet die DSW, dass im Übernahmeangebot eine freiwillige Nachbesserung zugesichert wird. Diese hätte zur Folge, dass Aktionäre, die ihre Papiere zu 1,39 Euro verkaufen, eine Entschädigung bekommen würden, falls im Rahmen einer Enteignung doch mehr gezahlt würde. Flowers hatte einen Kurs von drei Euro je Aktie vorgeschlagen.
Nach der Übernahme des Konzerns will der Bund Konzernchef Axel Wieandt, der seit Herbst an der Spitze des Unternehmens steht, bei der Sanierung begleiten. Die Hypo Real Estate soll radikal verkleinert werden. Der Abbau von 1000 Stellen ist bereits beschlossene Sache, zahlreiche Auslandsstandorte werden geschlossen.
Die kranke Nummer 1
Die HRE ist einer der größten Pfandbrief-Emittenten in Deutschland. Sie hat über 88 Mrd. Euro an Pfandbriefen im Umlauf, deckt also mehr als zehn Prozent des gesamten deutschen Marktes ab. Auch im Derivatehandel ist die HRE ein signifikanter Marktteilnehmer: Ende 2008 hatte das Derivatebuch ein Volumen von nominal 900 Mrd. Euro, wie aus der Angebotsunterlage hervorgeht. Ende des vergangenen Jahres wurden zudem 47 Mrd. Euro an unbesicherten Anleihen von Investoren gehalten.
Die Hypo Real Estate stand im vergangenen Jahr wegen der Schwierigkeiten ihrer Tochter Depfa Bank kurz vor dem Kollaps und wird seitdem mit Geld und Garantien von insgesamt 102 Mrd. Euro am Leben gehalten. Das reicht aber nicht aus: Um die Insolvenz abzuwenden, sei weitere Unterstützung notwendig, heißt es in dem Angebot. "Die HRE geht derzeit von einem erheblichen Kapitalbedarf aus."