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Engpässe nehmen zuMilch geht aus

02.06.2008, 18:50 Uhr

Vertreter der Milchverarbeiter rechnen damit, dass dem deutschen Handel bereits Dienstag oder spätestens Mittwoch die Milch ausgehen wird. "Dann ist Schicht. Es gibt Lieferengpässe, und die nehmen stündlich zu", sagte Eckhard Heuser, Geschäftsführer des Milchindustrie-Verbands (MIV). Dies betreffe sowohl frische Milch als auch H-Milch.

Vertreter der Milchverarbeiter rechnen damit, dass dem deutschen Handel bereits Dienstag oder spätestens Mittwoch die Milch ausgehen wird. "Dann ist Schicht. Es gibt Lieferengpässe, und die nehmen stündlich zu", sagte Eckhard Heuser, Geschäftsführer des Milchindustrie-Verbands (MIV), der "Financial Times Deutschland". Dies betreffe sowohl frische Milch als auch H-Milch. Am Montag sei die Versorgung allerdings noch gewährleistet gewesen. Der MIV vertritt Milchverarbeiter wie etwa Nordmilch oder Humana, die von den Lieferungen der Milchbauern abhängig sind.

Ein erstes Treffen zwischen Spitzenvertretern der Bauern und des Lebensmittelhandels zu den Boykottaktionen der Milchbauern ist am Montagabend in Köln kommentarlos zu Ende gegangen. Es werde keine Stellungnahme von den Beteiligten geben, sagte Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels, im Anschluss. Eine Begründung dafür gab er nicht.

Molkereien und Bauern wollen mit dem Handel über höhere Milchpreise verhandeln. Die Lebensmittelriesen Rewe und Aldi signalisierten Gesprächsbereitschaft. Rewe-Sprecher Wolfram Schmuck sagte, der Handelskonzern sei bereit, mit den Molkereigenossenschaften über die Verträge zu sprechen. Rewe hoffe, dass man eine Lösung finden werde, die zu fairen Preisen für Bauern und Verbraucher führe. Allerdings dürften die Marktgesetze dabei nicht ausgehebelt werden.

Auch der Discountriese Aldi zeigte sich offen für Gespräche. Aldi Süd erklärte, das Unternehmen wolle den oft langjährigen Lieferanten und Geschäftspartnern dauerhaft ein berechenbarer und zuverlässiger Partner sein. Basis dafür seien offene und konstruktive Gespräche zwischen dem Unternehmen und den Produzenten, "für die wir selbstverständlich auch in Zukunft zur Verfügung stehen". Am Abend wollten sich Vertreter von Handel und Milchbauern in Köln treffen.

Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) will einen "Milchgipfel" einberufen, sobald der Streit zwischen Milchbauern und Industrie beendet ist. Wenn die Preisfrage gelöst sei, werde er zeitnah den Teil, der die Politik betrifft, bei einem Spitzengespräch thematisieren, sagte Seehofer nach einer Sitzung der Agrarminister der Bundesländer. Dabei soll es um strukturelle Rahmenbedingungen für die nächsten Jahre gehen, unter anderem auch für die Zukunft der Milchbauern nach Auslaufen der Milchquote auf EU-Ebene im Jahr 2015. Aus dem aktuellen Streit werde sich die Politik weiter raushalten. Die Agrarminister mahnten aber im Sinne aller Beteiligten eine rasche Lösung und damit ein Ende des Milchboykotts an.

Kämpferische Bauern

Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) zeigte sich jedoch kämpferisch. "Unsere Bauern sind nicht bereit, auch nur einen Millimeter zurückzuweichen", sagte Verbandschef Romuald Schaber. Nach seinen Worten erreichen wegen des Boykottes und der Blockaden 70 bis 80 Prozent der Milch nicht mehr die Betriebe.

Am Montag wurde nicht nur der Boykott fortgesetzt. Mit Traktoren blockierten Bauern viele Molkereien, so dass Tankwagen mit ihrer Fracht umkehren mussten. In Rehburg-Loccum in Niederdachsen lösten 240 Polizisten eine Blockade auf. Die Bauern hatten die Zufahrten seit Samstag versperrt. Die Räumung verlief friedlich.

Der Deutsche Bauernverband kritisierte die Blockaden. Präsident Gerd Sonnleitner beklagte die Repressalien von streikenden Milchbauern gegen Kollegen, die nicht am Lieferboykott teilnehmen. Der BDM müsse sofort eingreifen. Auch der Milchproduzent Nordmilch kritisierte die Aktionen: Lieferwillige Bauern seien gezwungen, gigantische Mengen frischer Milch in den Abfluss zu kippen. Dem Unternehmen zufolge betrifft dies bis zu 12.500 Tonnen am Tag.

Nach Angaben des Industrieverbandes organisieren die Unternehmen bereits Kurzarbeit. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) beklagte die Vernichtung von Milch und forderte die Molkereien auf, ihre Angestellte weiter zu bezahlen. Versorgungsengpässe gibt es zwar nach Angaben des Handels meist nicht. Aldi Süd teilte aber mit, dass Milch in einzelnen Filialen knapp werden könnte.

Kartellamt macht Druck

Ärger droht auch von Seiten des Bundeskartellamts. "Wir prüfen gerade, ob der Aufruf des Bundesverbands der Milchviehhalter zum Lieferstopp als Boykottaufruf zu werten ist", sagte Behördensprecherin Silke Kaul dem Berliner "Tagesspiegel". Das sei nach Paragraf 21 des Wettbewerbsgesetzes rechtswidrig. Sollte sich der Verdacht bestätigen, drohten dem Verband Bußgelder in Millionenhöhe, schreibt die Zeitung.

Umgekehrt könnten die Bauern bei der Forderung nach höheren Milchpreisen nicht mit Unterstützung des Kartellamtes rechnen. Die Behörde habe zwar bereits mehrere Beschwerden von Bauernpräsident Gerd Sonnleitner darüber erhalten, dass der Handel die Milch unter Einstandspreis verkaufe, sagte die Sprecherin der in Bonn ansässigen Behörde. "Unsere Untersuchungen haben diesen Verdacht bisher aber nicht bestätigt."

Bauernvertreter hatten sich am Sonntag in Berlin mit der Industrie getroffen. Dabei einigten sich beide Seiten auf eine gemeinsame Strategie für Gespräche mit den Handelsketten, die im April eine drastische Senkung der Preise durchsetzten. Nach der Vereinbarung soll der Handel gezwungen werden, schnell die Preise für Milch und Milchprodukte wieder anzuheben. Die Molkereiwirtschaft sagte außerdem zu, schnell entsprechende Verträge mit den Händlern zu schließen, wie der BDM mitteilte.