Frage & Antwort, Nr. 36Warum rucken Hühner mit dem Kopf?
Wir haben es alle schon beobachtet: die ruckartigen Kopfbewegungen von Vögeln beim Gehen. Woher kommt das und warum tun sie es?
Tauben, Hühner und andere Vögel bewegen beim Gehen ruckartig den Kopf nach vorne und wieder zurück. Warum tun sie das? (fragt Volker Schröer aus Lüdenscheid)
Ostern steht quasi vor der Tür - eine gute Gelegenheit, um sich dem Eier legenden Federvieh etwas ausführlicher zu widmen. Die besondere Gangart der Hühner (oder auch Tauben) hat weder etwas mit ihrem Körperbau zu tun noch mit ihrem Gleichgewichtssinn. Auch ist es nichts, womit die Vögel die besondere Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts auf sich ziehen könnten. Der Grund für die eigenartige Fortbewegung ist ein ganz anderer, nämlich das Blickfeld der Tiere.
Beginnen wir bei uns: Dem Menschen ist es möglich, mit beiden Augen gleichzeitig auf einen Gegenstand zu schauen. Jedes Auge nimmt das Objekt dabei aus einem anderen Blickwinkel wahr. Das Gehirn setzt die beiden Einzeleindrücke dann zu einem räumlichen Bild zusammen.
Besondere Sichtweise
Hühner und Tauben jedoch sehen die Dinge anders. "Ihre Augen liegen für eine solche Sichtweise zu weit an der Seite des Kopfes. Bei Hühnern gibt es keinen Überschneidungsbereich des Blickfeldes der beiden Augen", erklärt Diplom-Biologe Marc Süsser vom Naturschutzbund Deutschland e.V. (Nabu). Wenn Hühner auf Nahrungssuche sind, können sie ihren Blick also nicht mit beiden Augen gleichzeitig auf ein und dasselbe Korn richten. Was den Tieren dadurch entgeht, bringt Süsser auf den Punkt: "Räumliches Sehen, wie wir es kennen, ist für die Vögel unmöglich."
Dennoch müssen sie nicht darauf verzichten. Ihr Augenabstand ist dafür zu groß, sei's drum. Hühner wissen, wie sie dieses "Defizit" ausgleichen können, und Süsser verrät es uns: "Sie schauen einfach mit ein und demselben Auge aus zwei Blickwinkeln auf ein Objekt."
Einmal von hier, einmal von dort
Und damit wären wir beim ruckartigen Gang der Vögel angelangt. Der allein ermöglicht es ihnen nämlich, ein Korn aus zwei Perspektiven zu beäugen. "Die Hühner bewegen den Kopf einmal nach vorn, schauen von dort auf den Gegenstand, und ihr Gehirn speichert den Eindruck", beschreibt der Nabu-Experte. "Dann bewegen sie den Kopf nach hinten, schauen von dort und speichern auch diesen neuen, anderen Eindruck von demselben Gegenstand." Schließlich setzen sie beide Bilder zusammen.
Was aussieht wie eine etwas unkoordinierte Gangart, dient also einem umfassenden Blick auf die Dinge. "So bleibt auch den Hühnern das dreidimensionale Sehen nicht vorenthalten", resümiert der Biologe. "Sie simulieren es eben."