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Aufforsten im globalen Süden? "Lösung, die existierende Probleme verschärft"

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Viele Bäume sind für die Landwirtschaft gestorben. Muss die Landwirtschaft deshalb für neue Bäume weichen?

(Foto: picture alliance / Christopher Neundorf/Kirchner-Me)

Es ist eine der beliebtesten Lösungen im Kampf gegen den Klimawandel: Aufforstung. Staaten und Unternehmen planen riesige Projekte, um eine positive Bilanz in ihrem CO2-Haushalt zu erreichen. Aber die wenigsten Projekte finden vor der eigenen Haustür statt. Die allermeisten Bäume sollen im globalen Süden gepflanzt werden, "wo die Leute angeblich den Platz nicht brauchen", wie Biologe Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde im "Klima-Labor" von ntv sarkastisch sagt. "Bei uns ist es eng, wenn wir irgendwo eine Hecke pflanzen sollen. Aber in Madagaskar oder Bolivien warten sie nur darauf, dass sie für uns Bäume pflanzen können." Er stellt sich damit hinter eine neue Studie der Entwicklungsorganisation Oxfam, in der Wissenschaftler davor warnen, dass die Lebensmittelpreise in Teilen der Welt durch die vielen Aufforstungsprojekte deutlich steigen könnten - erst recht, wenn die Weltbevölkerung weiter wächst. "Wir müssen aufhören, uns in die Tasche zu lügen und Lösungen anzubieten, die keine sind oder die existierende Probleme verschärfen", sagt Biologe Ibisch. Sein Vorschlag? Wir müssen an die Landwirtschaft, unsere Ernährung und unseren Lebensstil ran.

ntv.de: Eine kurze Frage zum Anfang: Ist Aufforsten gut oder schlecht?

Pierre Ibisch: Da möchte ich antworten, wie ein Wissenschaftler häufig antwortet: Das kann man so nicht einfach beantworten.

Warum nicht?

Das hängt davon ab, wo und wie viel.

Also hat Oxfam, die Entwicklungsorganisation, recht, wenn sie in einer neuen Studie sagt: Unternehmen und Staaten wollen so viel aufforsten, dass kaum noch Platz bleibt für die Landwirtschaft. Deshalb besteht die Gefahr, dass die Nahrungsmittel in bestimmten Regionen ausbleiben oder deutlich teurer werden.

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Biologe Pierre Ibisch stammt aus Flensburg, hat viele Jahre in Bolivien gelebt und ist inzwischen Professor für "Nature Conservation" an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Ich bin selbstverständlich ein großer Freund von Wäldern und bin auch besorgt über den Verlust von Wäldern. Wir sind in manchen Teilen der Erde zu weit gegangen mit der Entwaldung, mit dem Verlust von Bäumen und es ist wichtig, zu renaturieren. Aber wir müssen realistisch bleiben und feststellen, wie viele Menschen auf der Erde leben. Wir sind bald bei acht Milliarden Menschen, gehen potenziell auf zehn Milliarden zu. Die leben nicht nur in Städten, die leben auf dem Land. Und in der Tat hat Oxfam recht: Die müssen ernährt werden, aber die Erde ist voll. Insofern müssen wir gut überlegen, wo Wälder erweitert werden können und wo aufgeforstet werden kann. Und es ist sicherlich nicht richtig, die Versäumnisse im Klimaschutz zu kompensieren, indem wir Wälder pflanzen. Das passt nicht zusammen.

Eine traurige Erkenntnis, denn es gab ja immer den Traum: Wenn wir einfach nur genügend Bäume pflanzen, dann kriegen wir das schon irgendwie hin.

Das ist sicherlich nicht richtig. Leider kommen wir relativ schnell zu den schmerzvollen Fragen, wie wir in Zukunft leben wollen, mit wie vielen Menschen. Wir müssen einfach schauen und davon ausgehen, dass es so weiter geht mit dem Wachstum - abgebremst hoffentlich. Dann werden wir noch mehr Ackerflächen brauchen als jetzt. Und das selbst dann, wenn wir eine Intensivierung der Produktion erreichen. Intensivierung heißt, mehr produzieren auf der gleichen oder auf weniger Fläche. Da müssen wir tatsächlich noch andere Probleme mitdenken.

Welche?

Aktuell haben wir einen Flächenverlust, weil wir die Landwirtschaft wenig nachhaltig betreiben. Wir haben Desertifikation, Wüstenbildung, Verlust von fruchtbaren Böden. Dann noch den Klimawandel. Der bedeutet, dass wir in vielen Regionen damit rechnen müssen, dass die Produktivität zurückgeht. Wir brauchen nach Projektionen der FAO, der Weltorganisation für Ernährung, gegebenenfalls bis zu 50 Prozent mehr Nahrungsmittel bis zum Jahr 2050. Wenn es gut geht, brauchen wir nicht 50 Prozent mehr Anbaufläche. Die haben wir nicht mehr, die finden wir nicht mehr.

Aber es gab doch diese große Studie von der ETH Zürich, die gesagt hat: Es gibt genug Flächen, um ganz viel CO2-Emissionen mit Bäumen wieder aufzufangen. Da scheint sich die Wissenschaft nicht einig zu sein.

Die Studie ist spannend gewesen und wurde intensiv diskutiert. Es lohnte sich aber, in die Methodik reinzuschauen. Dann stellte man fest, dass das Potenzial erheblich überschätzt wurde. Es wurde davon ausgegangen, dass man Bäume pflanzen kann, wo aktuell gar keine wachsen und wo natürlicherweise kein Wald ist. So etwas wie die Serengeti müsste man genauso aufforsten wie irgendwelche Savannen in den Tropen oder Räume, wo Landwirtschaft betrieben wird. Und es ging in der Studie auch um Gebiete, wo eine Erwartung war, dass in Zukunft Bäume wachsen sollen wie in der Tundra, was man erst mal beweisen müsste, dass das funktioniert. Da muss man skeptisch sein.

Dann brauchen wir diese Weltuntergangsuhr gar nicht, die auf kurz vor zwölf steht. Es klingt bei Ihnen so, als ob es eigentlich schon viel zu spät ist.

Die Uhr ist nicht geeignet, um unsere Zeit zu messen. Es ist spät und es wird immer später. Selbst wenn es jetzt nach 12 Uhr wäre - was heißt das dann? Wir leben vorwärts und müssen uns viele Gedanken machen, wie wir in Zukunft leben wollen. Wir haben so viel Wald verloren. Mehr als 80 Millionen Hektar seit 2000 - das tut der Atmosphäre nicht gut, das tut der Biosphäre nicht gut. Das ist ein Problem für den Landschaftswasserhaushalt. Wir haben den Verlust der biologischen Vielfalt, die das alles am Laufen hält. Aber es ist natürlich kein Grund, zu sagen: Jetzt ist es zu spät und wir hören auf. Nein, im Gegenteil. Wir müssen ein bisschen aufgeregter sein, das schadet nicht. Ich bin auch ein Stück weit bei Greta, wenn sie sagt, dass wir mehr Panik schüren sollten. Und wir müssen vor allem aufhören, uns in die Tasche zu lügen und Lösungen anzubieten, die keine sind oder die existierende Probleme verschärfen.

Aufforstungen können wir also auf den Stapel der Lösungen legen, die wir ignorieren?

Wir brauchen selbst in Deutschland mehr Wald, der ist in einem sehr schlechten Zustand. Das hat verschiedene Gründe. Das ist zum einen der Klimawandel, das sind diese extremen Witterungsverhältnisse. Das ist aber auch die Nutzung, die zu intensiv ist. Das ist die Zerschneidung mit Infrastrukturwegen und so weiter, aber auch die Zersplitterung der Waldfläche durch die Landnutzung. Wir haben weite Teile in Deutschland, die Agrarsteppen sind und die sich immer stärker erwärmen, die austrocknen und wo verbleibende Wald-Relikte immer mehr Probleme bekommen. Das heißt, wir brauchen mehr Bäume in der Landschaft. Bäume kühlen, die sind wichtig für den Landschaftswasserhaushalt. Wir müssen schauen, wie wir wieder in die Landschaft bekommen.

Aber wo stellen wir die denn hin? Wo ist der Platz für diese Bäume?

Klima-Labor von ntv

Was hilft gegen den Klimawandel? Klima-Labor ist der ntv-Podcast, in dem Clara Pfeffer und Christian Herrmann Ideen und Behauptungen prüfen, die toll klingen, es aber selten sind. Klimaneutrale Unternehmen? Gelogen. Klimakiller Kuh? Irreführend. Aufforsten? Verschärft Probleme. CO2-Preise für Verbraucher? Unausweichlich. Windräder? Werden systematisch verhindert.

Das Klima-Labor - jeden Donnerstag eine halbe Stunde, die informiert und aufräumt. Bei ntv und überall, wo es Podcasts gibt: Audio Now, Apple Podcasts, Amazon Music, Google Podcasts, Spotify, RSS-Feed

Da besteht die Gefahr, dass wir sagen: Wir nehmen Agrarland. Das ist das Land, was im Moment für alles genommen wird. Die Bauern verlieren permanent Land, weil wir sehr viele Flächen versiegeln: 80 bis 100 Hektar pro Tag für Bau, Aktivitäten, Siedlungsland und Verkehrsflächen. Tatsächlich klagen die Landwirte auch über Naturschutzmaßnahmen und Aufforstungsmaßnahmen, die ihnen das Agrarland wegnehmen. Das darf selbstverständlich nicht dazu führen, dass dann Projektionsflächen verlagert werden, etwa ins Ausland. Und das ist in der Tat ja immer relevanter geworden, weil wir einen Großteil unserer Nahrungsenergie durch Importe aus dem Ausland beziehen. Das führt natürlich dann letztlich zu weiterer Entwaldung im Ausland.

Aber ist es nicht nachvollziehbar, wenn man sagt: Wir haben nur noch sehr wenig Zeit? Wo geht es am schnellsten und am günstigsten? Das ist nun mal der globale Süden.

Da geht es vielleicht schnell, dass man irgendwelche Leute davon überzeugt: Gib mal schnell den Acker her, wir stellen da Bäume drauf. Dann ist aber noch nicht sichergestellt, dass die Bäume auch wachsen und dass effektiv etwas passiert. Insofern ist es klug, diese Maßnahmen in Deutschland umzusetzen oder eben in der Nähe, wo man sicherstellen kann, dass der Erfolg gegeben ist. Und wo man keine Bedenken haben muss, dass es sich um Öko- oder Klimaschutz-Kolonialismus handelt, der doch leicht passiert. Damit sind wir wieder bei der Oxfam-Studie, dass viel Aufforstung im globalen Süden passieren soll, wo die Leute angeblich den Platz nicht brauchen: Bei uns ist es eng, wenn wir irgendwo eine Hecke pflanzen sollen. Aber in Madagaskar oder Bolivien warten sie nur darauf, dass sie für uns Bäume pflanzen können.

Man kann mit Klimaschutz Kolonialismus betreiben?

Das ist leider so, auch mit dem Naturschutz. Und das schmerzt mich, weil ich selbst im globalen Süden gelebt und gearbeitet habe und weiß, dass mit den besten Motiven, Mitteln der Weltgemeinschaft, internationaler Finanzierung teilweise Menschen davon abgehalten werden, den letzten Wald zu roden. In manchen Gebieten in Afrika sind das inzwischen kriegerische Zustände. Da werden Waffen eingesetzt, um Wilderer zu erschießen. Das ist natürlich nicht haltbar. Das ist auch keine Welt, in der wir leben wollen, in der demnächst Bäume, in denen Kohlenstoff steckt, mit Waffengewalt vor irgendwelchen Holzsammlern verteidigt werden.

Aber wir brauchen mehr Bäume.

Wenn wir mehr Bäume, mehr Wald und mehr Nahrungsmittel übereinbringen wollen, müssen wir die Landwirtschaft nachhaltig intensivieren. Und davon ausgehen, dass wir die Erträge nicht bis ins Beliebige steigern können. Das heißt, wir müssen weniger verbrauchen und gucken, was effiziente Nahrungsmittel sind: Wie viel Nahrungsmittel-Energie kann pro Fläche bereitgestellt werden? Die Fleischproduktion und die Milchproduktion schneiden da sehr ungünstig ab. Das ist diese Wahrheit, an die wir ranmüssen. Wir müssen über Lebensstile und Ernährung nachdenken in Deutschland und weltweit. Es wird nicht möglich sein, bis 2050 50 Prozent mehr Nahrungsmittel zu produzieren und allen Menschen einen Lebensstil zu ermöglichen, wie wir ihn jetzt haben.

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Wir müssen nicht nur CO2 sparen, sondern auch Kalorien?

Richtig. Und selbstverständlich brauchen alle Menschen eine gewisse Anzahl von Kalorien, um satt zu werden, um gesund zu bleiben. Aber es ist halt so, dass bei der "Veredelung" dieser Kalorien von pflanzlicher Nahrung zu tierischer sehr viel Energie verloren geht. Das ist ein Vielfaches. Da müssen wir wieder runter. Und letztlich, ob wir es wollen oder nicht, geht es nicht um einen Veggie-Day. Das ist eine sehr unbequeme Wahrheit, über die man bekanntlich auch im politischen Raum kaum sprechen kann.

Gibt es nicht andere Möglichkeiten, Landwirtschaft und Bäume miteinander zu verbinden? Kann man keine Bäume pflanzen, die landwirtschaftlich etwas abwerfen?

Das ist eine gute Frage. Es gibt diesen Ansatz der Agroforstwirtschaft, wo Bäume mit der landwirtschaftlichen Nutzung kombiniert werden und die landwirtschaftliche Produktion begünstigen. Das ist relativ gut erforscht für unterschiedliche Agrar-Ökosysteme, wo man weiß, dass die Bäume Windgeschwindigkeiten senken und damit Austrocknung verhindern. Sie beschatten ein bisschen und sind günstig für den Wasserhaushalt. Das Witzige daran ist, dass dieser Ansatz von Deutschen weltweit promoviert wird. Ich habe auch in diesem Bereich gearbeitet in Südamerika und versucht, Bauern das schmackhaft zu machen. Wir tragen das in alle Welt, aber in Deutschland machen wir das nicht. Wir haben die Bäume in den vergangenen Jahrzehnten aus der Landwirtschaft entfernt. Wir haben unsere Agrarflächen vermeintlich besser gemacht, indem wir sie ausgeräumt haben.

Mit Pierre Ibisch sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch ist zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet worden. Dies ist eine aktualisierte Fassung, des bereits am 16. September erschienenen Interviews.

Quelle: ntv.de

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