Wissen

Sind Geimpfte noch infektiös? Ein "irrelevanter Nebenkriegsschauplatz"

231544944.jpg

Anfang Februar hat das Kölner Impfzentrum in den Hallen der Kölnmesse eröffnet.

(Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Die ersten Corona-Impfstoffe wirken gut. Aber senken sie auch das Ansteckungsrisiko? Bisher weiß man das nicht - es sei ein "gigantischer Aufwand", das herauszufinden, sagt Virologe Stöhr im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Wichtig sei das für die Bekämpfung der Pandemie ohnehin nicht.

Sollten Menschen in Deutschland nach ihrer Corona-Impfung Sonderrechte erhalten? Besser gesagt, ihre Grundrechte zurückbekommen? Auf Konzerte oder in Restaurants gehen können? Eine heikle Frage, über die viel diskutiert wird. Der einflussreiche Ethikrat hat sich vergangene Woche festgelegt, er sagt Nein. Derzeit. Es sei noch mehr Klarheit darüber notwendig, in welchem Ausmaß Corona-Impfungen die Übertragung des Virus unterdrücken, erklärte die Vorsitzende Alena Buyx.

Der US-amerikanische Biontech-Partner Pfizer will diese Klarheit nun schaffen und herausfinden, ob man nach einer Impfung mit BNT162b2 noch Coronaviren ausscheidet und andere Menschen anstecken kann. Das Pharmaunternehmen rekrutiert aktuell in den USA und Argentinien Freiwillige für eine große Versuchsreihe. Das sei ein "gigantischer Aufwand", sagt Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

"Man muss die geimpften Menschen täglich über einen sehr langen Zeitraum testen", erklärt der frühere Leiter des Influenza-Programms der Weltgesundheitsorganisation WHO den Ablauf der Untersuchung. "Das heißt, man nimmt einen feuchten Tupfer, nimmt einen Abstrich aus der Nase, geht ins Labor, drückt den Tupfer aus und gibt die Flüssigkeit, die herauskommt, auf eine Zellkultur. Dann versucht man, über mehrere Tage daraus das Virus zu isolieren." Hat man das geschafft, könne man messen, wie viele Coronaviren sich in dem Tupfer befunden und wie viele Viren die Testpersonen damit nach der Impfung ausgeschieden haben.

"Super interessant, aber irrelevant"

Für aussagekräftige Ergebnisse braucht es aber Tausende Freiwillige. "Je nachdem, wie stark das Infektionsgeschehen gerade ist, würden es mehr als 20.000 oder 30.000 Menschen sein, die man über Wochen, vielleicht sogar Monate täglich betupfen müsste", erklärt Virologe Stöhr. "Jetzt rechnen wir das hoch: Täglich 20.000 Tests multipliziert mit vielleicht 60 Tagen. Das ist 1,2 Millionen Mal derselbe Ablauf. Erst dann kann man gesichert sagen, wie viele Testpersonen das Virus nach ihrer Impfung tatsächlich noch ausscheiden."

imago0105961753h.jpg

Klaus Stöhr war Leiter des Global-Influenza-Programms und Sars-Forschungskoordinator der WHO. Mehr Informationen zu seiner Strategie in der Corona-Krise finden Sie auf covid-strategie.de.

(Foto: imago images/teutopress)

Aber selbst dann ist aus Sicht der Bekämpfung erst Forschungs-Halbzeit. Denn die Frage ist nicht nur, wie viele Viren geimpfte Menschen ausscheiden. Man müsste außerdem herausfinden, wie viele Viren für eine Ansteckung nötig sind. Welche Minimaldosis ein Mensch aufnehmen muss, um sich zu infizieren. Auch das wisse man noch nicht und werde es in absehbarer Zeit auch nicht erfahren, sagt Klaus Stöhr. Denn Versuche am Menschen mit einem potenziell tödlichen Erreger müssten sehr hohe rechtliche und ethische Hürden überwinden.

Aus wissenschaftlicher Sicht findet Virologe Stöhr solche Untersuchungen "super interessant", für die Bekämpfung der Corona-Pandemie seien diese Erkenntnisse aber "irrelevant", erklärt er. Denn die Ergebnisse liegen nach seiner Einschätzung mutmaßlich erst in einem halben Jahr vor. Bis dahin haben in Deutschland hoffentlich die allermeisten Menschen bereits ein Impfangebot bekommen. Nach Angaben der Bundesregierung wird jeder Bürger bis zum Ende des Sommers mindestens die erste Dosis erhalten.

Grund für Optimismus

Erst recht, weil die Ergebnisse der Pfizer-Studie nur für den Impfstoff von Biontech gelten, auf die Konkurrenz können sie nicht übertragen werden. Klarheit ist nur dann möglich, wenn auch Moderna, Johnson & Johnson, Novavax, Russland und China eigene, aufwendige Studien durchführen. Falls es dazu kommt, gehören Impfstoff-Engpässe in reichen Nationen hoffentlich der Vergangenheit an. Auch für Entwicklungsländer dürfte sich der Erkenntnisgewinn in Grenzen halten, da sich angesichts des Impfstoffmangels viele Menschen auf natürliche Weise infizieren werden und so schrittweise eine Herdenimmunität entstehen wird.

Mehr zum Thema

Möchte man nun aber trotzdem klären, ob man nach einer Impfung noch ansteckend ist oder nicht, gibt es Grund für Optimismus. Zum Beispiel hat sich Astrazeneca schon mit dieser Frage beschäftigt. Anfang Februar hat der Impfstoff-Partner, die Oxford-Universität, die hoffnungsvoll stimmende Erkenntnis veröffentlicht, wonach sich die Übertragung von Sars-CoV-2 nach der ersten Impfdosis deutlich verringert hat. Die Forscher stellten eine 67-prozentige Reduzierung der positiven Abstriche bei den Geimpften fest.

Zu einem ähnlichen Ergebnis sind schon im vergangenen September ein Virologe aus Sri Lanka und ein Epidemiologe aus Hongkong gekommen. Sie haben bei geimpften Affen festgestellt, dass diese sich anschließend immer noch mit dem Coronavirus infizieren konnten, im Zweifelsfall aber nur noch leicht an Covid-19 erkrankt sind. Außerdem hatte sich die Zahl der Viren in ihren Atemwegen deutlich verringert.

Impfungen reduzieren Virusausscheidungen

Für Klaus Stöhr kommen diese Ergebnisse nicht überraschend, denn die Forschung ist eindeutig: Impfungen reduzieren das komplette Spektrum der Erkrankung, einschließlich der Virusausscheidung. "Geimpfte werden nicht mehr so schwer oder überhaupt nicht mehr krank", sagt der Virologe. "In geringen Fällen scheiden sie das Virus weiter aus, aber dramatisch weniger als Ungeimpfte." Das gelte auch für asymptomatische Fälle, erklärt Stöhr. "Reinfektionen bleiben möglich."

In Zahlen bedeutet das: Nimmt man 100 infizierte, aber ungeimpfte Personen, scheiden alle von ihnen Viren aus. Bei 100 geimpften Personen sind es sehr viel weniger, vielleicht nur drei, vier oder fünf. Gleichzeitig wird die Virusmenge, die sie ausscheiden, geringer sein und die Dauer der Ausscheidung kürzer. Die Ansteckungsgefahr, die von geimpften Menschen ausgeht, wird also dramatisch reduziert. Das gilt erst recht, sobald große Teile der Bevölkerung geimpft sind und über Antikörper verfügen.

Ethikrat weist den Weg

Als Erstes werden deshalb mittelfristig die Zahl der Todesfälle und der Intensivbehandlungen stark zurückgehen. In Deutschland sollte das bereits Mitte März der Fall sein, sagt Virologe Stöhr. Die Frage, ob geimpfte Menschen ansteckend sind, sei deswegen ein "Nebenkriegsschauplatz". Das gilt selbst für den Fall, dass die Untersuchung von Pfizer wider Erwarten schlecht ausfällt und eine überraschend hohe Virusausscheidung bei Geimpften feststellt wird. "Man sollte sich darauf konzentrieren, dass möglichst viele Menschen möglichst schnell geimpft werden."

Tatsächlich ist auch dem Ethikrat bewusst, dass die Zahl der Neuinfektionen mittelfristig nicht darüber entscheiden darf, ob Corona-Maßnahmen verschärft oder gelockert werden. Die Experten fordern stattdessen in ihrem Gutachten, dass Hospitalisierungszahlen, die Zahlen schwerer Krankheitsverläufe und die Zahl der Todesfälle als Maßstab herangezogen werden müssen. Diese werden durch die fortschreitende Impf-Kampagne hoffentlich sehr bald sinken. Das scheint bei Impfweltmeister Israel der Fall zu sein.

Alle Folgen von "Wieder was gelernt" finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Kopieren Sie die Feed-URL und fügen Sie "Wieder was gelernt" einfach zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Verpasst Deutschland den weltweiten Cannabis-Boom? Weshalb müssen manche Berufspiloten Geld für ihren Job zahlen? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Quelle: ntv.de