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Geimpft, geboostert, angesteckt Wie schlimm Impfdurchbrüche wirklich sind

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Trotz dreifacher Impfung kann der Schnelltest positiv sein.

(Foto: imago images/Wolfgang Maria Weber)

Immer mehr Menschen infizieren sich mit Corona, obwohl sie zwei- oder sogar dreifach geimpft sind. Meist erkranken Geimpfte aber seltener und viel weniger schwer an Covid-19. Impfdurchbrüche verlaufen in den meisten Fällen sehr mild.

Doppelt geimpft, sogar geboostert - und trotzdem mit Corona angesteckt. Fast jeder kennt inzwischen jemanden, der trotz Impfung an Corona erkrankt ist. "In der Regel äußert sich eine Infektion nach Booster-Impfung sehr milde," sagt Reinhold Förster im Podcast "Wieder was gelernt". Er leitet an der Medizinischen Hochschule Hannover das Institut für Immunologie und ist Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Die Symptome seien ähnlich wie bei einer Erkältung. "Die Menschen husten, schniefen, sie haben Kopfschmerzen. Es dauert ein paar Tage und dann ist es in der Regel vorbei."

Impfdurchbrüche nennt man Fälle, bei denen sich Geimpfte mit dem Coronavirus anstecken und auch Krankheitssymptome zeigen. Grund dafür sei, dass die derzeit genutzten Impfstoffe noch gegen das ursprüngliche Wuhan-Virus hergestellt worden sind, erklärt Förster. "Nur wenn wir wirklich eine sehr starke Immunantwort haben, so wie wir sie nach drei Impfungen bekommen, sind wir in der Lage, die Infektion ganz gut zu kontrollieren, wenn auch nicht vollkommen asymptomatisch."

Die Impfstoffe, die momentan auf dem Markt sind, sind zwar sehr wirksam, können aber nicht alle Infektionen verhindern. "Selbst beim Boostern ist es so, dass man ab zwei Wochen danach 'nur' einen Schutz von 75 Prozent vor Infektion hat. Das war bei den vorherigen Varianten deutlich besser. Da hatte man einen Schutz, der hoch in die 90 Prozent ging. Jetzt weiß man aber, dass nach der Boosterung innerhalb von ungefähr 10 Wochen der Schutz vor Infektion ziemlich weg ist," weiß Förster.

Viele Intensivpatienten ungeimpft

Geimpfte, die sich infizieren, haben aber einen hohen Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf. "Wir sehen momentan noch nicht, dass Menschen, die früh geboostert wurden, wie sehr alte Menschen oder vor allem junge Menschen im pflegerischen und medizinischen Bereich, schwere Verläufe aufgrund von Omikron haben. Der Schutz vor schweren Verläufen wird sicherlich viele Monate halten, vielleicht sogar das ganze Jahr," so der Immunologe im Podcast. Eine Studie der US-Gesundheitsbehörde CDC zu den Impfstoffen von Biontech und Moderna zeigen, dass der Booster zu 90 Prozent vor Krankenhauseinweisungen schützt.

Dass Impfdurchbrüche nur ganz selten schwer verlaufen, lässt sich auch an den Zahlen von Covid-Erkrankten auf Intensivstationen nach Impfstatus ablesen. Laut Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI und der Intensivmedizinervereinigung DIVI waren zwischen Mitte Dezember und Mitte Januar fast zwei Drittel der neu aufgenommenen Corona-Patienten überhaupt nicht geimpft. Von knapp 9000 Intensivpatienten waren 62 Prozent ungeimpft, bei 10 Prozent war der Immunschutz unvollständig, 28 Prozent hatten zwei Impfungen oder schon eine Auffrischimpfung bekommen, der Anteil mit Booster-Impfung betrug etwa 5,8 Prozent.

Ein Impfdurchbruch - auch bei der Omikron-Variante - kann in seltenen Fällen auch schwer verlaufen, sagt Förster. "Aber das sind in der Regel Menschen, die ein defektes Immunsystem haben, sei es entweder durch Blutkrebs oder sei es, weil die Menschen Medikamente einnehmen müssen, die das Immunsystem nach unten fahren und somit die Impfungen auch nicht gut wirken können."

Corona-Infektionen gut auskurieren

Ein prominentes Beispiel für einen Impfdurchbruch ist der kanadische Fußball-Nationalspieler Alphonso Davies vom FC Bayern München. Ihn hat es besonders schwer erwischt. Ende Dezember hatte er seine Booster-Impfung bekommen, wenige Tage später wurde er positiv auf Corona getestet und kurz danach wurde bekannt, dass er eine Herzmuskelentzündung hat und wochenlang ausfällt.

Auslöser dafür könnte sein, dass er sich nach der Infektion gleich wieder ins Training gestürzt hat, sagt Förster. "Es kann natürlich auch sein, dass sich die Infektion in so einer Entzündung des Herzmuskels manifestiert, insbesondere dann, wenn man sich nicht schont während der Infektion. Das sagt Ihnen jeder Arzt, wenn Sie die Grippe haben. Sie sollen sich schonen, nicht joggen oder auf den Heimtrainer gehen, sondern einfach diese zwei Wochen das Virus auskurieren, damit eben solche Nebenwirkungen minimiert werden." Aber die Gefahr, nach einer Booster-Impfung eine Herzmuskelentzündung zu bekommen, sei noch geringer als nach der ersten und zweiten Impfung.

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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Die Zahl der Impfdurchbrüche steigt. Das RKI hat inzwischen über 650.000 gezählt. Das liegt aber daran, dass mehr Menschen geimpft sind. Und weil sich das Virus gerade wieder verstärkt ausbreitet, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch geimpfte Personen mit dem Virus in Kontakt kommen.

Wenn sich Impfdurchbrüche so mild äußern, ist es dann eine gute Idee, sich einfach anstecken zu lassen? Omikron könnte das Ticket sein zum endemischen Zustand, so sehen es einige Virologen. Endemisch heißt, dass das Coronavirus heimisch wird und das Immunsystem der meisten Menschen schon einmal Kontakt mit ihm hatte. Auch Reinhold Förster spricht sich im Podcast "Wieder was gelernt" für eine "kontrollierte Durchseuchung" aus. "Wahrscheinlich wird es so sein, dass wir uns alle irgendwann mal anstecken. Das Problem ist, dass wir das nicht alle gleichzeitig machen sollten. Auch wenn die Infektionen nur ein Drittel so stark sind, so ist es trotzdem eine große Anzahl von Menschen, die zeitgleich krank werden und eben die Krankenhäuser an ihre Grenzen kommen."

Millionen Corona-Infektionen unerkannt

Dazu beitragen, dass sich Corona verbreitet, können auch die Menschen, die nicht mal merken, dass sie sich angesteckt haben. Fast die Hälfte der Covid-Infektionen verläuft asymptomatisch, haben Experten der Universität Peking herausgefunden. "Wir haben so um die acht Millionen Infizierte, vielleicht ein bisschen mehr. Und wir können auf jeden Fall davon ausgehen, dass wir mindestens eine doppelt so hohe Anzahl von Fällen haben, die das nicht gemerkt haben, die nicht registriert sind. Aber wie viele sich jetzt täglich mit dem Virus anstecken und nichts davon merken, das wissen wir nicht."

Klar ist auf jeden Fall eins: Wer sich mit dem Coronavirus ansteckt und nicht geimpft ist, hat ein größeres Risiko, schwer zu erkranken. Wer vollständig geimpft oder geboostert ist, kann mit einer milden Infektion rechnen. Trotzdem sind Schutzmaßnahmen wie Maske und Abstand halten weiterhin wichtig, auch, damit sich nicht alle zum gleichen Zeitpunkt anstecken und die Krankenhäuser überlasten. Der Corona-Expertenrat der Bundesregierung sieht das kommen, sollten die Inzidenzen weiter steigen.

Aktuell liegt die 7-Tage-Inzidenz bei den Hospitalisierungen bei rund 3,9. Auf dem Höhepunkt der zweiten Pandemiewelle lag er über 15. Die Experten der Bundesregierung machen aber klar, dass die Hospitalisierungsrate bei Omikron etwa um den Faktor 10 niedriger sein müsse als im vergangenen Winter, um die erwartete hohe Fallzahl zu kompensieren und das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Davon sei aber nicht auszugehen.

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Quelle: ntv.de

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