Die Bären trauen dem Braten nichtAber 8.000 Punkte sind drin
Das Umfeld für europäische Aktien hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verbessert. Dennoch herrscht an den Finanzmärkten eine spürbare Skepsis. Hans-Peter Schupp, MainFirst Bank, glaubt trotzdem,
Von Hans-Peter Schupp
Das Umfeld für europäische Aktien hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verbessert. Die Volkswirtschaften wachsen weltweit, der Ölpreis hat deutlich korrigiert und die Zinsanhebungen in den Vereinigten Staaten dürften in absehbarer Zeit ein Ende finden. Schließlich zählen statistisch betrachtet die Monate ab Mitte Oktober zu den guten Börsenmonaten. Dennoch herrscht an den Finanzmärkten eine spürbare Skepsis. Für ihre negative Markteinschätzung führen die Bären durchaus plausible Gründe ins Feld. Trotzdem glaube ich, dass wir mittelfristig wieder die alten Höchstkurse sehen. Für den Dax sind 8.000 Punkte und mehr durchaus drin.
Ja, Amerika geht die Puste aus
Das wichtigste Argument der Bären gegen Aktien lautet, dass sich die Konjunktur in den Vereinigten Staaten abkühlt, was gemeinhin schlecht für Aktien ist. Auch ich bin der Meinung, dass das Geld der amerikanischen Konsumenten nicht mehr so locker sitzt und darunter das dortige Wirtschaftwachstum leiden wird. Und kommt die Weltkonjunktur-Lokomotive ins Stottern wird sich dies sicherlich auch auf die Gewinne der europäischen Aktiengesellschaften auswirken. Außerdem drohen weltweit steigende Preise, was zusätzliches Gift für Dividendenpapiere ist, argumentieren die Bären weiter. Und auch hier kann ich kaum widersprechen.
Die Kurse steigen trotzdem
... denn Aktien sind so preiswert wie seit Jahren nicht mehr, wie ein Blick auf den Euro Stoxx 50 verdeutlicht. Der Index für die 50 größten Unternehmen Eurolands notiert derzeit mit einem Stand von rund 3.800 Punkten auf demselben Niveau wie im Frühjahr 2002. Der große Unterschied ist aber, dass die 50 Unternehmen mittlerweile mit rund 300 Euro Stoxx-Punkten doppelt soviel Geld verdienen wie vor dreieinhalb Jahren (siehe Grafik). Die Bewertung ist somit auf die Hälfte gesunken. Erstaunlich, dass die Finanzmärkte diese offensichtliche Unterbewertung weitgehend ignorieren. Auch wenn sich die Weltkonjunktur abschwächt und die Inflation gleichzeitig anzieht, sind die Unternehmensgewinne noch längst nicht in den Aktienkursen enthalten.
Aber nicht nur historisch betrachtet sind Aktien preiswert. Auch im aktuellen Vergleich mit Anleihen werden Dividendentitel mit hohen Abschlägen gehandelt. Staatsanleihen mit einer 10jährigen Laufzeit werfen derzeit rund 4 Prozent Zinsen ab. Für 100 Euro bekomme ich 4 Euro Zinsen, das Anleihen-KGV beläuft sich damit auf 25. Das KGV von Aktien liegt zurzeit bei ungefähr der Hälfte (siehe Grafik). Dividendentitel kosten also nur halb so viel Anleihen. Der Bewertungsunterschied von Aktien und Anleihen war selten so groß wie heute. Doch nach meiner Erfahrung lösen die Finanzmärkte solche Differenzen mittelfristig auf. Aus Angst vor Risiken meiden die Anleger zurzeit europäische Aktien wie der Teufel das Weihwasser. Eine Übertreibung. Anleger sollten jetzt die Chancen eines langfristigen Aktieninvestments nicht außer Acht lassen.
Risiko ist nicht gleich Risiko - warum eigentlich?
Interessanterweise ist grundsätzlich die Bereitschaft ins Risiko zu gehen bei den Investoren vorhanden. Die Aktienmärkte der so genannten BRIC-Staaten, also Brasiliens, Russlands, Indiens und Chinas, sind bei den Anlegern sehr beliebt. Gleiches gilt für viele Märkte Osteuropas. Warum die Investoren aber bereit sind, dort KGVs von 30 zu zahlen, während in Europa KGVs von nicht einmal der Hälfte für angemessen gelten, ist schon erstaunlich. Am Standortnachteil kann es nicht liegen. Die großen europäischen Unternehmen agieren international. Produziert wird dort, wo die Kosten stimmen. Verkauft wird dort, wo Nachfrage besteht. Ob sich die Firmenzentrale in Europa oder in einem der BRIC-Staaten befindet, ist dabei eher unerheblich.
Mittelfristig sind Finanzmärkte effizient
Solche Über- bzw. Untertreibungen, wie wir sie derzeit beobachten, sind immer nur von begrenzter Dauer. Denn das Kapital fließt mittelfristig dorthin, wo die Rendite-Risiko-Verhältnisse am attraktivsten sind. Und derzeit findet sich kaum ein Markt, der günstiger ist als der europäische Aktienmarkt.
Hans-Peter Schupp ist Leiter des Asset Managements der MainFirst Bank AG.