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Die Lage in Fukushima ist außer Kontrolle.
Die Lage in Fukushima ist außer Kontrolle.(Foto: dpa)
Donnerstag, 17. März 2011

Atom-Experte sieht nur wenig Zeit: "Das ist so der Umschlagpunkt"

Die katastrophalen Vorgänge im japanischen Kernkraftwerk Fukushima spitzen sich zu. Nach Ansicht des Präsidenten der Gesellschaft für Strahlenschutz, Sebastian Pflugbeil, werden die nächsten Stunden über das Schicksal der Atomanlage Fukushima entscheiden. Schlimmstenfalls könne es zu einer massiven Kernschmelze und zu einer massiven Strahlenfreisetzung kommen, die "Tschernobyl möglicherweise in den Schatten stellt und in Japan halt sehr viel mehr Menschen trifft als in der dünnbesiedelten Region um Tschernobyl", sagt der Physiker bei n-tv.

n-tv: Uns fliegen die Zahlen über Strahlenbelastungen im Moment ja wirklich um die Ohren, schwirren in unseren Köpfen. Ab wann ist denn nun ein Krebsrisiko erhöht, ab wann wird es gefährlich?

Die Arbeiter in Fukushima sind extrem verstrahlt.
Die Arbeiter in Fukushima sind extrem verstrahlt.(Foto: dpa)

Sebastian Pflugbeil: Darf ich was anderes beantworten? Im Moment ist der kritische Punkt in dem Kernkraftwerk ein Abklingbecken, in dem die abgebrannten Brennelemente stecken. Das muss ständig gekühlt werden, weil die Brennelemente über Jahre noch heiß sind. In diesem Abklingbecken fehlt das Wasser. Das bedeutet, die alten Kernbrennstäbe werden heißer und heißer und drohen zu bersten. Das ist das Ziel der Hubschraubereinsätze und auch das Ziel der verschiedenen Fahrzeuge, die jetzt mit Wasserwerfern dort reinspritzen. Das ist ziemlich verzweifelt. Wenn das nicht gelingt -  das entscheidet sich morgen im Lauf des Tages, spätestens übermorgen – dann kommt es zu einer massiven Radioaktivitätsfreisetzung auf dem Gelände und man kann dann praktisch nichts mehr machen. Das ist so der Umschlagpunkt, an dem sich entscheiden wird, ob die ganze Geschichte massiv schlimm wird oder ob man mit einem dicken blauen Auge davonkommt. Das ist im Moment das, was die Fachleute wirklich erregt.

Wie sieht das aus, wenn wir nicht mehr mit einem blauen Auge davonkommen?

Dann wird ein Dominoeffekt einsetzen, eine Anlage nach der anderen wird versagen, man kommt nicht mehr ran. Aus Strahlengründen kommen auch die Todeskandidaten, die dort jetzt im Einsatz sind, nicht mehr ran und man wird nichts machen können.

Und dann?

Die Reaktorgefäße werden versagen, es kommt zu einer massiven Kernschmelze und zu einer massiven Strahlenfreisetzung, die Tschernobyl möglicherweise in den Schatten stellt und in Japan halt sehr viel mehr Menschen trifft als in der dünnbesiedelten Region um Tschernobyl.

Der Physiker Sebastian Pflugbeil ist Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz.
Der Physiker Sebastian Pflugbeil ist Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz.

Es ist ja in diesem Zusammenhang auch immer die Rede von dem besonders gefährlichen Plutonium. Warum ist das so besonders gefährlich?

Das würde ich jetzt nicht unterschreiben. Die Lage ist so kritisch und es gibt so gravierende Probleme und es gibt eine Riesenliste von Radionukliden, die durchaus Plutonium das Wasser reichen können und auch kurzlebige Nuklide, die sehr scharf zuschlagen. Ich würde mir wegen des Plutoniums keine grauen Haare wachsen lassen. Die Gesamtsituation ist das Problem und die Gefahr, dass es zu diesem Dominoeffekt kommt, den dann niemand mehr stoppen kann.

Was müsste man denn jetzt aus Ihrer Sicht machen? Oft ist ja von einer Betonhülle die Rede. Ist das überhaupt noch möglich?

Nein, das ist zu früh, das kann man jetzt gar nicht machen. Das wird man erst machen können, wenn die Geschichte zu Ende gekommen ist. Dann wird man sich überlegen, wie man die Geschichte verputzt. Also das in irgendeiner Form zumachen, nach oben abdecken, möglicherweise in ähnlicher Weise wie in Tschernobyl, darüber macht sich glaube ich im Moment noch keiner Gedanken. Im Moment ist noch die Frage: geht es richtig los oder kriegen wir es halbwegs abgewürgt und warten ab und hoffen, dass es nicht zu einem Austritt von geschmolzenem Kernmaterial aus dem Reaktorgefäß kommt.

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Quelle: n-tv.de