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Atomkraftwerke in Deutschland - tickende Zeitbomben?
Atomkraftwerke in Deutschland - tickende Zeitbomben?(Foto: dapd)
Mittwoch, 16. März 2011

Atom-Experte über AKW in Deutschland: "Es kann jeden Tag passieren"

Die katastrophalen Vorgänge in Japan ziehen auch in Deutschland eine Atomdiskussion nach sich. Die Regierung rudert in ihrem Atomkurs zurück, dennoch wird immer wieder behauptet: So etwas wie in Japan kann bei uns nicht passieren – "unsere Atomkraftwerke sind sicher". Der Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, Physiker Sebastian Pflugbeil, erklärt im Gespräch mit n-tv.de, warum wir auch in Deutschland nicht vor Ereignissen wie denen in Japan gefeit sind, und warum wir bei weitem nicht ausreichend auf den Ernstfall vorbereitet sind.

Herr Pflugbeil, ich frage ganz direkt: Sind die Atomkraftwerke hierzulande sicher?

In jedem Reaktor in Deutschland kann es zu einer schweren Kernschmelze kommen, auch mit einer Reaktordruckgefäßzerstörung. Der ganze radioaktive Mist kann frei werden. Und das ist keine Greenpeace-Phantasterei, sondern kerntechnisches Know-How. Jeder Kerntechniker weiß, dass das so ist.

Was bedeutet das?

In einem Radius von 400 bis 500 Kilometern würde das radioaktive Material wieder runterkommen - und zwar kräftig. In Deutschland ist die Bevölkerungsdichte auch sieben bis zehn Mal höher als in Tschernobyl. Die Emissionen aus den deutschen AKW werden zum Teil bei so einem schweren Unfall höher angegeben als das, was in Tschernobyl rausgekommen ist.

Auch hier herrscht also eine ständige Gefahr.

Ja, das kann in Deutschland jeden Tag passieren. Völlig unabhängig davon, was für ein Reaktortyp das ist. Durch Terroranschläge, Bedienungsfehler, Materialermüdung oder Erdbeben - die Ursachen für so eine Katastrophe können vielfältig sein. Eine Kopplung von Tsunami und Erdbeben ist hierzulande unwahrscheinlich. Aber suchen Sie sich eine der anderen Kombinationen aus. Das es passieren kann, ist unstrittig.

Der Physiker Sebastian Pflugbeil ist Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz.
Der Physiker Sebastian Pflugbeil ist Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz.

Wie sind wir für den Ernstfall vorbereitet?

Ganz schlecht. Es gibt in Deutschland nicht einmal mehr Alarmsirenen. Die sind nach dem Ende des Kalten Krieges abmontiert worden. Man hat also schon das Problem, die Leute überhaupt zu erreichen.

Notfallpläne gibt es keine?

Doch, es gibt Notfallpläne für eine Evakuierung und Verteilung von Jodtabletten. Die betreffen aber meines Wissens nur einen Umkreis von 10 oder 20 Kilometer um das Kraftwerk - das ist völlig unzureichend. Schon die Verteilung der Jodtabletten ist ein logistisch ungelöstes Problem. Und dann stellen Sie sich mal vor, Hamburg muss evakuiert werden, weil eines von den drei oder vier Kernkraftwerken an der Elbe in die Luft geht. Das ist einfach nicht machbar.

Gibt es keine ausgebildeten Experten, die dafür zuständig sind?

Die dafür verantwortlichen Leute sind typischerweise extrem schlecht qualifiziert. Das sind ja Sesselpupser-Jobs. Die können den Ernstfall praktisch vorher nicht üben - und haben deswegen keine Erfahrung. Bei denen steht irgendwo im Regal ein Aktenordner mit einer Telefonnummer, die sie anrufen müssen. Erst wenn es gerumst hat, fangen die überhaupt an, darüber nachzudenken, was sie machen müssen. Das kann alles nicht funktionieren! Vor allem auch deswegen, weil die Atomkraftwerke in Deutschland sehr dicht an Ballungsgebieten stehen. Wir hätten mindestens die Schwierigkeiten, die sie nun in Japan haben.

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Quelle: n-tv.de