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Das leise Sterben: Horrorszenario wartet auf Japan

Dörte Siedentopf bereist seit 20 Jahren verstrahlte Regionen rund um Tschernobyl. Dort und auch hier in Deutschland hilft sie Betroffenen der Katastrophe. Siedentopf ist Mitglied des IPPNW, der internationalen Ärztevereinigung für die Verhütung des Atomkrieges. Mit n-tv.de spricht sie über das traurige Leben und leise Sterben in den Dörfern Weißrusslands und über das, was auf die Japaner nach dem Reaktorunfall von Fukushima zukommen könnte.

n-tv.de: Aus Ihren Erfahrungen, die Sie seit 20 Jahren mit den Strahlenopfern von Tschernobyl machen, wüsste ich gerne von Ihnen, was auf die Menschen in Japan zukommt.

Cäsium, Jod, Strontium ...
Cäsium, Jod, Strontium ...(Foto: picture alliance / dpa)

Dörte Siedentopf: Neben den ganz akuten Verstrahlungen, denen die Liquidatoren, also die Arbeiter im Atomkraftwerk, ausgesetzt sind und deren Schicksal sich jeder ausmalen kann, gilt unser Augenmerk insbesondere jenen Tausenden oder Hunderttausenden von Menschen, die der Niedrigstrahlung ausgesetzt sind. Bei all den schlimmen Bildern dieser Katastrophe und den Geschichten über jene Männer, auf die ein mehr oder weniger schneller Tod oder ein langes Siechtum wartet, vergessen wir viel zu schnell die Erkrankungen, die sich über Jahre in den Körpern der Niedrigverstrahlten ausbreiten.

Gibt es schon konkrete Angaben über eine atomare Verseuchung im Umfeld der Kraftwerke von Fukushima?

Verlässliche Informationen dazu gibt es leider kaum. Jüngst erreichten uns Nachrichten, wonach Cäsium an die Umwelt abgegeben worden sein. Dies möchte mal als ein Beispiel heranziehen: Das Cäsium ist dem Kalium biologische ähnlich und der menschliche Körper kann nicht zwischen dem guten Kalium und dem Cäsium unterscheiden. Der Körper nimmt es über die Atmung und die Nahrung auf. Man kann sich nicht davor schützen. Nach der Aufnahme baut sich das Cäsium selbstständig in die Körperzellen ein und zerstört dort den Energiehaushalt der Zellen. Dabei ist es völlig unerheblich, ob es sich um Leber-, Nieren- oder Hirnzellen handelt. Diese befallene Zelle stirbt ab, nachdem sie vorher noch ihre Nachbarzellen in Mitleidenschaft zieht. Damit beginnt ein unheimlicher Kreislauf. Wie das Leben mit einer Zelle beginnt, beginnt in diesem Fall auch das Sterben.   

Wie hoch ist denn die Latenzzeit des eingebauten Cäsiums?

Mit Cäsium-137 kontaminierte Flüssigkeiten sind auch in Schachtanlage Asse II in Remlingen bei Wolfenbüttel eingelagert.
Mit Cäsium-137 kontaminierte Flüssigkeiten sind auch in Schachtanlage Asse II in Remlingen bei Wolfenbüttel eingelagert.(Foto: picture alliance / dpa)

Das hängt davon ab, wer das Cäsium aufnimmt. Kinder sind mehr gefährdet, weil sich ihre Zellen pausenlos teilen. Weil sie wachsen, benötigen sie dauernd Energie und müssen dauernd mit der Schädigung ihrer Zellen zurechtkommen. Erwachsene, die weniger Zellenteilungen insgesamt haben, weil ihre Organe schon ausgewachsen sind, sind zunächst nicht so schlimm gefährdet. Bei Kindern treten die bösartigen Erkrankungen demnach schneller auf – bereits nach einem bis vier Jahren, wie wir von Tschernobyl wissen. Bei Erwachsenen beträgt die Latenzzeit 20 bis 25 Jahre.

Das heißt, dass jetzt, 25 Jahre nach Tschernobyl jene Menschen schwer erkranken, die damals der so genannten Niedrigverstrahlung ausgesetzt waren?

Ja, so ist es. Die damaligen Erwachsenen haben 25 Jahre überlebt und werden jetzt krank. Wir sprechen vom leisen Sterben. Die damaligen Kinder sind schon viel früher erkrankt – oft mit tödlichem Ausgang.

Was bedeutet das für die Fortpflanzung der Menschen?

Vor allem die Kinder sind betroffen.
Vor allem die Kinder sind betroffen.(Foto: picture alliance / dpa)

Das Cäsium ist auch in den Vererbungszellen vorhanden. Prekär ist, dass sich das Cäsium auch in den Ovarien und den Eizellen der Frau einnistet. Weil sich diese nicht erneuern, sind sie zeitlebens geschädigt. Auch wenn sich beim Mann die Spermien erneuern, geben auch sie die Information der Schädigung bei der Befruchtung weiter. Entweder, es können gar keine Kinder mehr gezeugt werden, oder aber sie bekommen durch Vater und Mutter Fehlinformationen in der Zukunft. Das Ergebnis kann man sich gar nicht ausmalen. Die Verantwortlichen in Japan hätten schon längst Frauen und Kinder in den Süden des Landes bringen müssen. Weshalb sie das nicht taten, ist aus meiner Sicht völlig unverständlich. Es wird massig Leukämien geben. Diese Cäsiumwolke ist eine Katastrophe für die Japaner, und von allen anderen Radionukliden wissen wir noch gar nichts.

Gehört hat man auch von Jod und Strontium.

Damit ist das Radiojod gemeint, das ganz unterschiedlich auf die aktive Schilddrüse der Kinder wirkt. Weil die Kinder wachsen, nehmen deren Schilddrüsen viel mehr Radiojod auf als die der Erwachsenen. Erfahrungen aus Tschernobyl haben gezeigt, dass die Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle bei Kindern sprunghaft ansteigen wird. Darauf müssen sich die Japaner leider einstellen.

Und Strontium?

Das ist auch ein verteufeltes Radionuklid, das dem Calcium ähnlich ist. Der Körper kann nicht zwischen beiden unterscheiden. Wenn es angeboten wird, nimmt es der Mensch über die Nahrungskette auf. Es wird in die Knochen und Zähne eingebaut, strahlt dort und trifft auf das Knochenmark, wo die blutbildenden Organe sitzen: Die Stammzellen, aus denen die roten und weißen Blutkörperchen und die Thrombozyten entstehen. Diese Zellen werden durch das Strontium geschädigt, und zwar ein Leben lang, denn das Strontium bleibt, wo es ist und strahlt mit kurzer Beta-Strahlung.

Gibt es Angaben, wann ein Umfeld um einen geschädigten Reaktor herum wieder als gereinigt angesehen werden kann?

Es geschah am 26. April 1986, als Tschernobyl zur Geisterstadt wurde.
Es geschah am 26. April 1986, als Tschernobyl zur Geisterstadt wurde.(Foto: picture alliance / dpa)

Halbwertzeit heißt ja nur, dass die Hälfte der Strahlung weg ist. Man muss jede Halbwertzeit mit zehn multiplizieren, um eine Vorstellung zu haben, wann dieses Radioisotop weg ist aus der biologischen Umgebung. Das wären bei Strontium und Cäsium rund 400 Jahre. Das heißt, es  ist als Niedrigstrahlung vorhanden in allem, was biologisch irgendwie vorstellbar ist. Natürlich auch im Grundwasser.

Wie muss ich mir das Leben in den verseuchten Gebieten vorstellen?

Das Leben? Es wird vor allem gestorben. Es wird still gestorben. Hauptsächlich am Krebs. Es wird gestorben an allen Krankheiten, bei denen das Strontium eine Rolle spielt. So ist zum Beispiel der Herzmuskel befallen, dessen Energie nicht mehr funktioniert. Wir haben Untersuchungen aus Weißrussland, die belegen, dass bereits Kinder im Alter von zwei, drei, vier Jahren an akuter Herzschwäche sterben. Es muss gar nicht immer Krebs sein. Die Menschen sterben an Nierenversagen, Leberversagen und sämtlichen Blutbildproblematiken. Diese sind auch unter dem Begriff Tschernobyl-Aids bekannt - mit chancenlosem Ausgang.

Gibt es am Ende eine gesellschaftliche Akzeptanz, mit dem Unglück zu leben?

Ja, scheinbar ist es so. Ich fahre jetzt seit 20 Jahren in regelmäßigen Abständen in die Gegend um Tschernobyl, aber die Menschen wollen noch immer nicht über das Unglück und ihre Zukunft reden. Sie leben in Demut und mit dem Tod. Es gibt keine Familie, die nicht mit einem solchen Todesfall konfrontiert ist. Junge Menschen, auch ganz junge, haben Krankheiten, wie wir sie nur von Alten kennen. Dort gibt es junge Leute, die gehen aus dem Haus und fallen tot um. Gestorben an akuter Herzschwäche. Ein Schlaganfall mit 20, 25, 30 ist keine Seltenheit.   

Über Plutonium haben wir noch gar nicht gesprochen, das austreten könnte, wenn es explosionsartig doch noch zu einem Super-GAU kommt.

Wenn einer der Reaktoren tatsächlich explodieren sollte, dann kommt es zu einer Katastrophe, an die ich noch gar nicht denken möchte. Plutonium ist das größte Gift auf dieser Welt. Die Hälfte der Brennstäbe in diesen Reaktoren soll ja plutoniumhaltig sein. Auch wenn man nur ganz wenig von diesem Plutonium aufnimmt, entwickelt sich ein Lungen-Karzinom. Dagegen kann sich der Körper nicht wehren. Er ist dann auch nicht mehr heilbar. Hunderttausende könnte daran zu Grunde gehen.

Mit Dörte Siedentopf sprach Peter Poprawa

Quelle: n-tv.de