Outing ist out"Und das ist gut so!"
Ob jemand schwul, lesbisch oder sonstwas ist, ist doch eigentlich egal, findet Ole von Beust. Wie er denken viele - und wenn sich jemand "outen" möchte, dann bitte freiwillig, auf keinen Fall durch eine "Petze"!
Inge Meysel war in jenem Interview nicht gerade dezent. "Eigentlich habe ich nur schwule Freunde. Ich verreise zum Beispiel gerne mit Wilhelm Wieben", sagte die Schauspielerin dem "Stern". Der "Tagesschau"-Sprecher nahm das Outing gelassen. Aber nicht jedem ist es recht, wenn die Privatsphäre einfach an die Öffentlichkeit gezerrt wird.
Reicht nicht für einen Skandal!
Und wie im Fall des jetzt geschassten Hamburger Innensenators Ronald Schill kann die Behauptung gerade dem schaden, der sie äußert. Schill hatte dem Bürgermeister Ole von Beust ein Verhältnis mit dem Justizsenator und damit eine Verquickung von Amt und privater Beziehung angehängt. Ob schwul oder lesbisch: Das taugt zwar noch für viele Schlagzeilen - wie zum Beispiel nach dem berühmten "Ich bin schwul, und das ist auch gut so" von Berlins Regierungschef Klaus Wowereit - aber für einen Skandal reicht es nicht mehr.
Es hat sich viel getan!
Das war beileibe nicht immer so. 1984 wurde der Vier-Sterne-General Günter Kießling wegen angeblicher Homosexualität entlassen. Diese machte ihn nach Ansicht des damaligen Verteidigungsministers Manfred Wörner erpressbar. Er bestritt die Vorwürfe energisch und wurde später rehabilitiert. Seitdem hat sich viel getan; solche Anwürfe werden heute anders wahrgenommen.
Kein Zwangsouting!
Schill hat sich mit seinen Äußerungen ins politische Abseits begeben, wie der Lesben- und Schwulenverband Deutschland meint. Er habe "so getan, als sei Homosexualität etwas Schlimmes", womit man Politiker erpressen könne, sagt Sprecher Klaus Jetz. Er empfiehlt Schwulen und Lesben, offen mit ihrer Sexualität umzugehen. Von einem Zwangsouting hält er aber nichts, dabei werde die Privatsphäre verletzt. "Wir lehnen das ab."
Absolut homo?
Seit Rosa von Praunheims denkwürdigem Fernsehauftritt 1992 ist das plakative Veröffentlichen oder Spekulieren über die sexuelle Orientierung auch in Deutschland unter dem Begriff "Outing" bekannt. Der Komiker Hape Kerkeling und der Moderator Alfred Biolek gehörten damals zu den Opfern des schwulen Regisseurs. Die aggressive Kampagne löste großen Wirbel und Ablehnung aus, auch wenn sie eigentlich um mehr Toleranz werben wollte. Das Outing hatte seinen Ursprung in den USA, wo Schwulengruppen auf Plakatwänden Stars wie Jodie Foster und John Travolta als "absolutely queer" (total lesbisch/schwul) bezeichneten.
"Dem hat es genutzt!"
In Deutschland machten in den vergangenen Jahren mehrere Prominente mit ihrer Homosexualität Schlagzeilen - mehr oder weniger freiwillig. Bei Sänger Patrick Lindner wurde es öffentlich, dass er schwul ist, als er mit seinem Freund ein Kind adoptierte. Bei "Tatort"-Kommissarin Ulrike Folkerts war es längst bekannt, dass sie lesbisch ist, gleichwohl bescherte es ihr noch einmal Schlagzeilen, was sie im Vorwort eines Coming-Out-Buches schrieb. In der Politik machte Klaus Wowereit vor, wie man mit einem öffentlichen Bekenntnis allen Angriffen den Wind aus den Segeln nimmt. "Dem hat es mehr als genutzt", meint Stefan Mielchen, Chefredakteur des Hamburger Schwulenmagazins "Hinnerk". Er spricht von einem "Popularitätsschub ". Und: "Das Klima im Lande ist so entspannt, dass ein Outing nicht mehr schadet".
Besser bi als nie?
Eine Ausnahme sei das Umfeld der Kirche. Er hätte sich bei Beust mehr Souveränität bei dem Thema gewünscht, zugleich sei Schills Verhalten "unter aller Kanone". Ole von Beust selbst denkt wohl wie viele. "Ich finde, was jemand privat macht, ob er nun schwul ist oder heterosexuell oder bi oder was auch immer, was jemand im Bett macht und privat macht, ist seine Privatangelegenheit", sagte er dem Hörfunksender NDR 90,3 auf die Frage, was es ihm bedeute, dass seine angebliche Homosexualität jetzt bundesweit ein Thema geworden sei. "Und wenn Herr Schill sich durch ein solches Gerede selber zum Gespött macht, ist das sein Problem und um Gottes Willen nicht meines."
Von Caroline Bock, dpa