Helmut Schmidt: Kanzler der Krisen - Kanzler der Herzen
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"Die Verantwortung eines Politikers ist nicht abstrakt. ...Bild 1 von 76 ... Vielmehr ergibt sie sich immer wieder aufs Neue sehr konkret und oft bedrückend. ...Bild 2 von 76 ... Immer wieder muss der Politiker die Antwort auf die Frage finden: 'Was ist jetzt und hier meine Aufgabe und meine Pflicht?'"Bild 3 von 76 Diese selbst gewählte Frage wird er sich Zeit seines Politiker-Lebens sehr oft gestellt haben: Helmut Schmidt. Der Krisenkanzler.Bild 4 von 76 Die lebende Verkörperung politischen Pflichtgefühls.Bild 5 von 76 Bekennender Kettenraucher.Bild 6 von 76 "Kanzler der Herzen".Bild 7 von 76 So umstritten der ehemals "leitende Angestellte" des Staates während seiner Amtszeit als Bundeskanzler war - so beliebt ist er heute. Schmidt genießt den besten Ruf unter allen Altkanzlern und dem politischen Personal der Republik überhaupt.Bild 8 von 76 Dabei sagt er über sich selbst: "Berufspolitiker wurde ich mehr durch Zufall."Bild 9 von 76 Er habe nie ein bestimmtes Amt oder einen Posten im Laufe seiner Karriere angestrebt, erklärte er oft. Erst spät, in seinem Buch "Außer Dienst", räumt Schmidt im Rückblick ein, unbewusst vielleicht doch die Karriere geplant zu haben.Bild 10 von 76 Zwei Begriffe kennzeichnen Helmut Schmidts Lebensweg: Pflicht und Verantwortung.Bild 11 von 76 Die Pflicht dem öffentlichen Wohl zu dienen, der salus publica, wurde für ihn zur Richtschnur seiner Arbeit. Ein Pflichtgefühl, das ihm bei schwierigen Entscheidungen geholfen haben wird.Bild 12 von 76 Und das ihm vielleicht auch im schwersten Moment seines Lebens eine Hilfe war: Als er entschieden hat, das Leben eines Menschen dem Wohle des Staates zu opfern.Bild 13 von 76 Schmidt ist von Haus aus streng erzogen worden, sein Vater Gustav hat ihm Härte und Disziplin auch mit dem Rohrstock beigebracht. Geboren wird Schmidt am 23. Dezember 1918, kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs.Bild 14 von 76 Die patriotische Überzeugung lässt Schmidt nach seinem Abitur 1937 zum Soldaten werden. Die NS-Ideologie lehnt er zwar ab, doch um seine Offiziers-Karriere nicht zu gefährden, verschweigt er, dass sein Großvater ein Jude war.Bild 15 von 76 So kommt Helmut Schmidt 1941 als Offizier an die Ostfront, wo er die nach eigenen Worten "große Scheiße des Krieges" erlebt und für seinen Einsatz das Eiserne Kreuz 2. Klasse erhält.Bild 16 von 76 Bevor er zurück an die Front - dieses Mal im Westen - versetzt wird, heiratet der 23-Jährige 1942 seine ehemalige Klassenkameradin Hannelore "Loki" Gläser.Bild 17 von 76 Eine Ehe, die bis heute hält. Erfolgreich durch Toleranz und Respekt, wie Loki es ausdrückt.Bild 18 von 76 Eine Ehe, die schweren Belastungen standhalten muss - privaten und öffentlichen.Bild 19 von 76 So wird Schmidts 1944 geborener Sohn Helmut Walter nicht einmal ein Jahr alt. Susanne, geboren 1947, bleibt das einzige Kind des Paares.Bild 20 von 76 Sie habe ihren Vater als einen zwar fernen, aber liebevoll zugewandten Menschen "von rustikaler Zuneigung" erlebt, erklärt die Tochter gegenüber dem "Stern". Ihr Vater sei es auch gewesen, der sie aufgeklärt hat.Bild 21 von 76 Die Eltern Hannelore und Helmut haben sich bereits bei der Einschulung ins Gymnasium 1929 kennengelernt.Bild 22 von 76 "Mein Mann Helmut und ich, wir waren niemals verliebt in dem Sinne. Verliebtsein ist wie ein Feuer aus Reisig und Stroh. Dreck und Not und Kummer, wie unsere Generation sie erlebt hat, verbinden mehr", hat Loki einmal ihre Ehe erklärt.Bild 23 von 76 Dreck und Not und Kummer des Krieges haben Helmut Schmidt nachhaltig geprägt, auch sein Verhältnis zur Religion: Weil Gott Auschwitz zugelassen hat, hat Schmidt das Vertrauen in ihn verloren.Bild 24 von 76 Für den jungen Kriegsheimkehrer nimmt das öffentliche Wohl den obersten Stellenwert ein. Schmidt tritt im Mai 1946 in die SPD ein, studiert Volkswirtschaftlehre und wird 1947 Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes.Bild 25 von 76 "Jedes Parteibuch-Beamtentum war und ist mir ein Greuel", sagt Schmidt. Trotzdem arbeitet er ab 1949 für den späteren Bundeswirtschaftminister Karl Schiller in der Hamburger Senatsbehörde für Wirtschaft und Verkehr.Bild 26 von 76 1953 zieht er das erste Mal für die SPD in den Deutschen Bundestag ein.Bild 27 von 76 Dort arbeitet sich der pflichtbewusste Politiker mit dem strengen Seitenscheitel weiter nach oben, 1957 wird er in den Fraktionsvorstand der Sozialdemokraten gewählt.Bild 28 von 76 Nach den ersten Schritten in die Bundespolitik kehrt Schmidt 1961 als Innensenator nach Hamburg zurück. Gerade einmal zwei Monate im Amt, wartet im Februar 1962 die erste große Krise auf den Politiker:Bild 29 von 76 Hamburg wird von einer katastrophalen Sturmflut heimgesucht, es schlägt die Stunde des Krisenmanagers. Schmidt nimmt die Koordination der Rettungsmaßnahmen persönlich in die Hand. Er hilft schnell und ohne Rücksicht auf die Verfassung.Bild 30 von 76 Schmidt nutzt seine Kontakte aus der Bundespolitik zu NATO und Sicherheitskräften, fordert Soldaten der Bundeswehr sowie der Royal Air Force an. Schmidts schnelles und beherztes Handeln beeindruckt, der Mythos des Krisenhelden ist geboren, ?Bild 31 von 76 ? "weil er es durch seine Präsenz schaffte, in der Stunde der Not meiner Familie ein ganz wichtiges Gefühl zu vermitteln: Vertrauen", lobte die in Hamburg geborene Bundeskanzlerin Angela Merkel die Rolle des ehemaligen Innensenators.Bild 32 von 76 1965 kehrt Schmidt in den Bundestag zurück und leitet ab 1967 die SPD-Fraktion in der ersten Großen Koalition. Aus der Zusammenarbeit mit seinem Unionskollegen Rainer Barzel (Foto) wird eine Freundschaft geboren, die bis zum Tode Barzels 2006 hält.Bild 33 von 76 Im Bundestag erwirbt sich "Schmidt Schnauze" hohes Ansehen als Redner. Als 1969 die Große Koalition zerbricht und Schmidt Verteidigungsminister in der sozial-liberalen Koalition wird, ...Bild 34 von 76 ... stehen an der SPD-Spitze drei Männer, deren Verhältnis für beinahe mystische Spekulationen sorgt:Bild 35 von 76 Bundeskanzler Willy Brandt, Fraktionschef Herbert Wehner und Verteidigungsminister Helmut Schmidt (von rechts).Bild 36 von 76 Wehner hat Schmidt bereits Ende der 40er Jahre in Hamburg kennengelernt. Er schätzt den Fraktionschef als strengen Moralisten, der ihm später in seiner Zeit als Bundeskanzler bei wichtigen Entscheidungen den Rücken freihalten wird.Bild 37 von 76 Das Verhältnis zwischen dem oft autoritär wirkenden Schmidt und dem eher führungsschwachen Brandt ist komplizierter. Zu unterschiedlich sind die beiden Politiker, sei es in Fragen der Ost-West-Konfrontation oder der außerparlamentarischen Opposition.Bild 38 von 76 Trotz des schwierigen und in den 80er Jahren abgekühlten Verhältnisses ist Schmidt sich nach Brandts Tod 1992 "bewusst, einen Freund verloren zu haben".Bild 39 von 76 Schmidt wird unter Bundeskanzler Brandt 1972 Finanzminister. Als dieser wegen der Affäre um den Stasi-Spitzel Günter Guillaume (Mitte) zurücktritt - für Schmidt ein "völlig unzureichender " Grund - wird der Finanzminister zu seinem Nachfolger bestimmt.Bild 40 von 76 Schmidt ist "vor allem besorgt, dem Amt und seiner Verantwortung nicht gewachsen zu sein": Am 16. Mai 1974 wird er zum Bundeskanzler gewählt. Für eine Übergangsfrist von zwei Jahren, dachte er. Ingesamt acht sind daraus geworden.Bild 41 von 76 Schmidts Amtzeit beginnt mit der größten Wirtschaftskrise seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Ölembargo der OPEC-Staaten 1973 steigt die Massenarbeitslosigkeit auf über eine Million Menschen und Deutschland kämpft mit Stagnation und Inflation.Bild 42 von 76 Es wird "nicht wieder so sein" wie zuvor, stellt Schmidt fest und beweist im Angesicht der Krise erneut seine Qualitäten als Polit-Manager. Zusammen mit dem französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing ruft er den Weltwirtschaftsgipfel ins Leben.Bild 43 von 76 Außerdem legen die beiden den Grundstein für das Europäische Währungssystem, das eine gemeinsame Währungseinheit begründet und aus dem schließlich der Euro hervorgehen wird.Bild 44 von 76 Überhaupt sorgt die erst politische und schließlich auch persönliche Freundschaft zwischen Schmidt und Giscard d'Estaing für eine Blütezeit europäischer Politik und deutsch-französischer Zusammenarbeit.Bild 45 von 76 Schmidt bezeichnet die insgesamt siebenjährige Zusammenarbeit mit dem französischen Präsidenten gar als "die glücklichste, weil ganz und gar befriedigende Zeit meines Lebens als Politiker".Bild 46 von 76 Doch bleibt die Weltwirtschafkrise nicht die größte Herausforderung in seiner Zeit als Bundeskanzler. Nach seiner Wiederwahl 1976 überrollen ihn ein Jahr später Ereignisse, die als "Deutscher Herbst" in die Geschichte eingehen und sein Leben für immer verändern werden.Bild 47 von 76 Der Terrorismus der Zweiten Generation der "Roten Armee Fraktion" (RAF) stellt den demokratischen deutschen Rechtstaat vor seine bis dahin größte Herausforderung. Und Schmidt muss als Bundeskanzler dem Terror eine Antwort geben.Bild 48 von 76 Am 5. September 1977 entführen RAF-Mitglieder den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Ihre Forderung: Der Staat soll elf inhaftierte RAF'ler freilassen, darunter Andreas Baader und Gudrun Ensslin.Bild 49 von 76 Bereits zwei Jahre zuvor hatte die "Bewegung 2. Juni" den CDU-Abgeordneten Peter Lorenz entführt, um Gefangene freizupressen. Damals hatte Schmidt einen Tausch mitgetragen.Bild 50 von 76 Diesen "Fehler" will der Bundeskanzler bei Schleyer nicht wiederholen: Der Staat soll nicht erpressbar sein. "Quälende Zweifel und Ängste" treiben Schmidt während der Entführung.Bild 51 von 76 Er habe in diesem Fall keine Hilfe durch das Grundgesetz, die Bibel oder sonst etwas erfahren, allein "Vernunft und Moral" hätte ihn geleitet, erklärt Schmidt später. "Für mich bleibt das Gewissen die oberste Instanz."Bild 52 von 76 Der Druck auf den Regierungschef wird noch größer, als im Oktober Palästinenser aus Solidarität mit der RAF die Lufthansa-Maschine "Landshut" mit 87 Menschen an Bord entführen.Bild 53 von 76 Schmidt muss bei seinen Entscheidungen bis an die Grenzen des Rechtstaates gehen. Dabei ist ihm als Ratgeber sein Parteifreund Hans-Jochen Vogel eine wichtige Stütze, dem er "herausragende charakterliche Qualitäten und Fähigkeiten" bescheinigt.Bild 54 von 76 Gegenüber der RAF bleibt Schmidt hart und lässt schließlich die "Landshut" in Mogadischu stürmen. Für den Fall eines blutigen Ausgangs hat er seinen Rücktritt vorbereitet. Doch die Befreiung glückt, ?Bild 55 von 76 ? der Preis dafür ist jedoch hoch: Die RAF ermordet Schleyer, Schmidt wird die Mitschuld an seinem Tod sein Leben lang begleiten. Aber: "Weiß der Kuckuck was sonst aus Deutschland geworden wäre", rechtfertigt er später seine Entscheidung.Bild 56 von 76 Doch der Bundeskanzler kann auch andere Seiten zeigen. Schmidt spielt Orgel und Klavier, vor allem Bach.Bild 57 von 76 Er hat es sogar zu eigenen Plattenaufnahmen sowie einem Konzert mit dem Pianisten und Dirigenten Justus Frantz gebracht.Bild 58 von 76 Die Schmidt'sche Härte bei politischen Entscheidungen bringt dem Kanzler viele Gegner ein. Nicht nur bei der außerparlamentarischen Opposition der 70er Jahre. Auch die eigene Partei fremdelt zunehmend mit dem Regierungschef.Bild 59 von 76 Dazu trägt neben seiner Wirtschaftspolitik, dem harten Kurs gegenüber den Terroristen und seiner Art, die Regierung zu führen, vor allem der so genannte NATO-Doppelbeschluss bei, den Schmidt nur mit einer Rücktrittsdrohung in der SPD durchsetzen kann.Bild 60 von 76 Der Beschluss ist eine Reaktion auf die sowjetischen SS-20-Raketen, die aus Sicht des deutschen Bundeskanzlers eine Bedrohung für Westeuropa darstellen. Schmidt konnte sich Ende der 70er Jahre schließlich mit seiner Sorge bei den USA durchsetzen, ?Bild 61 von 76 ? 1979 bietet die NATO dem Warschauer Pakt Verhandlungen über die Abrüstung atomarer Mittelstreckenraketen an. Falls dieses Angebot scheitern sollte, sollen atomare US-Raketen auf deutschem Boden stationiert werden.Bild 62 von 76 Die Verhandlungen scheitern, 1983 werden die Raketen in Deutschland stationiert. Dass die Sowjetunion 1987 schließlich doch dem Abbau von Mittelstreckenraketen zustimmt, werten die Befürworter der Stationierung bis heute als Erfolg des NATO-Doppelbeschlusses.Bild 63 von 76 Helmut Schmidt geht es zu Beginn der 80er Jahre politisch und persönlich nicht besonders gut. 1981 werden seine Ohnmachtsanfälle und Herzstillstände als "Adams-Stokes-Syndrom" diagnostiziert, der Bundeskanzler bekommt im Oktober einen Herzschrittmacher.Bild 64 von 76 Neben seiner eigenen Partei äußert auch der Koalitionspartner FDP zunehmend Unmut, der besonders von Otto Graf Lambsdorff geschürt wird.Bild 65 von 76 Als Schmidt schließlich seinem Außenminister Hans-Dietrich Genscher mitteilt, dass er die FDP-Minister entlassen will, kommt der ihm mit einer öffentlichen Austrittserklärung zuvor.Bild 66 von 76 Es kommt zum Bruch der Koalition, die FDP wechselt die Lager und dient sich der Union als Partner an. Am 1. Oktober 1982 beendet Helmut Kohl mit einem konstruktiven Misstrauensvotum die Amtszeit von Bundeskanzler Helmut Schmidt.Bild 67 von 76 Der entschließt sich, nicht noch einmal als Spitzenkandidat anzutreten. Als "Glücksfall" wertet er das 1983 folgende Angebot des Verlegers Gerd Bucerius, Mitherausgeber der "Zeit" zu werden.Bild 68 von 76 Als dieser muss er mit ansehen, wie sich die SPD vom NATO-Doppelbeschluss verabschiedet. Während der folgenden Abstimmung im Bundestag faltet Schmidt (vielleicht aus Frust) einen Papierflieger, auf den er "Pershing II" geschrieben hat.Bild 69 von 76 Schmidt begleitet nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 1987 die Politik als publizistischer Autor und Ratgeber. Als solcher setzt er sich auch weiterhin für die ihm wichtigen Ziele und Überzeugungen ein.Bild 70 von 76 1997 etwa unterzeichnet er als Mitinitiator als einer der Ersten die "Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten", die die Pflicht zur Mitmenschlichkeit formuliert und ein Gegengewicht zu den Menschenrechten bieten soll.Bild 71 von 76 In der SPD bleibt der Altkanzler ein gefragter Mann, Gerhard Schröder beruft sich 1998 nach seiner Wahl zum Bundeskanzler auf Schmidts Erbe und sucht des Öfteren seinen Rat.Bild 72 von 76 Neuerdings sucht nicht nur Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier seine Nähe.Bild 73 von 76 Auch Finanzminister Peer Steinbrück trifft Schmidt regelmäßig, sie spielen Schach zusammen. "Er ist ein Vorbild für mich", erklärt Steinbrück, der nach Schmidts Worten die Partien immer gewinnt.Bild 74 von 76 In seinem Buch "Außer Dienst" hat Schmidt 2008 seine politischen Lebenserfahrungen aufgeschrieben. Eine wichtige Lehre dabei lautet: "Zuhören ist eine Tugend, die jedem Politiker dringend zu wünschen ist".Bild 75 von 76 Na dann: Alles Gute zu Ihrem 90., Herr Schmidt! (Text: Till Schwarze, Bilder: dpa, AP)Bild 76 von 76
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