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"Die Platten sind Legende"Big Beat Vol. 1&2 (Amiga)

19.04.2006, 13:44 Uhr

Bands wie die Sputniks ließen sich von den Shadows inspirieren. Ihr fabulöser "Gitarren-Twist" zum Beispiel ist eine kongeniale Antwort auf den "Shadoogie" der Engländer um Meister Hank Marvin.

von Manfred Bleskin

Warum die Platten damals in den Mittsechzigern "Big Beat" hießen, weiß der Fuchs. Vielleicht, weil eine Band aus der damals tschechoslowakischen Hauptstadt Prag namens Olympic Big Beat dabei war. Vielleicht, weil den Namensgebern bei "Amiga" am Reichtagsufer in der einstigen DDR-Kapitale nichts anderes einfiel als ein Name, der etwas völlig Neues sein sollte in jener Szene, die man weltweit immer noch unter Rock'n'Roll subsumierte. Aber Rock'n'Roll war gleichbedeutend mit "Nieten in Nietenhosen", aus dem Westen und mithin schlecht. Sei's drum. Big Beat eben.

Die Platten sind Legende und kosten, wenn man sie noch in einem der Grabbelläden zwischen Berlins Friedrich- und Reinhardtstraße in Vinyl findet, ein kleines Vermögen. Bis jetzt. Denn mit dem Erscheinen der beiden CDs wird eine Lücke geschlossen in dem, was wir einmal die "Aufarbeitung der DDR-Musikgeschichte" nennen wollen. Was ist in den vergangenen Jahren nicht alles an Rock aus dem kleineren deutschen Staat erschienen: Karat, Puhdys, Renft, Beatkisten-Sampler. Die Tische biegen sich. Doch die Bands auf den vorliegenden Scheiben sind der Ursprung; vielfach gingen die Rocktruppen aus eben jenen Beatgruppen hervor. Manchmal gingen sie auch unter.

Bands wie die Sputniks ließen sich von den Shadows inspirieren. Ihr fabulöser "Gitarren-Twist" zum Beispiel ist eine kongeniale Antwort auf den "Shadoogie" der Engländer um Meister Hank Marvin. Schade, dass bei den Bonustracks auf die damals nur auf Single erschienene Sputniks-Version des Shadow-Schmusers "Theme For Young Lovers" verzichtet wurde. Der geneigte Hörer hätte festgestellt, dass die Berliner den Newcastlern kaum nachstehen.

Apropos Bonustracks, und damit wir das Meckern gleich an dieser Stelle hinter uns bringen: Was da an zusätzlichen Titeln von Truppen wie den Alexanders, den Berolinas und diversen Tanzorchestern zu hören ist, hätte vielleicht auf einer "Easy Listening"-LP Platz, mit Beatmusik hat das aber rein gar nichts zu tun. Eine Ausnahme bildet allein die Adaption des Säbeltanzes aus dem Ballett "Gajaneh" von Aram Chatschaturjan durch die Dresdner Theo-Schumann-Combo, lange bevor sich Dave Edmunds und Love Sculpture daran versuchten und damit international bekannt wurden.

Die Theo-Schumann-Combo bezog sich in ihrer Musik übrigens wie das Franke-Echo-Quintett auf den US-Gitarristen Duane Eddy, der sein unverwechselbares Tremolo-Twanging häufig von einem Tenorsaxophon begleiten ließ. Dabei erreichten Theo und seine Mitspieler bei weitem nicht die röhrende Wildheit der Mannen um Dieter Franke. Wer das östlich der Elbe als "Blaulicht-Melodie" bekannt gewordene "Peter Gunn" aus der Feder von Henry Mancini in der Frankeschen Version hört und mit der Vorlage von Master Eddy vergleicht, wird überrascht sein. Positiv überrascht.

Dies gilt auch für die Olympic-Big-Beat-Version der Titelmelodie aus dem Film "Exodus", gegen die die Variante der britischen Tornados wie Wackelpudding wirkt.

Enttäuschend hingegen wie schon vor vier Jahrzehnten die Butlers, aus der später die legendenumwobene Klaus-Renft-Combo hervorging. Das Spiel mit zwei Leadgitarren, das sich die Jenenser von der US-Gruppe The Ventures abgeguckt hatte, wirkt unverändert zitterig, unvollkommen. Aber was soll's. Auch die Butlers gehörten zu einer Bewegung, die damals die Jugend in der DDR begeisterte. Sehr zum Missfallen der Oberen, deren Alleroberster 1965 meinte, man solle Schluss machen "mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja?" Doch auch das folgende Verbot des "Je-Je-Je" durch das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember desselben Jahres konnte nicht verhindern, dass Anfang der 70er eine inhaltlich und musikalisch blühende DDR-Rockkultur entstand.

Walter Ulbrichts Version des Schlachtrufs der Beat-Ära ist Geschichte. Das sind Big Beat 1 und 2 auch. Aber sie hören sich unendlich besser an. Nun endlich auch kratzerfrei auf Compact Disc.