Die Apokalypse beginnt daheimPanic rules in "The Last Days"

Eine rätselhafte Epidemie bricht aus. Die Menschen haben Angst, ins Freie zu gehen. Verlassen sie geschlossene Räume, sterben sie an schierer Panik. Es herrscht Ausnahmezustand. Und genau jetzt muss Marc seine große Liebe Julia finden - sie ist schwanger.
Wie geht die Welt unter? Laut, mit einem Krachen. Ein Weltkrieg vielleicht. Erdbeben, Vulkanausbrüche, andere Naturkatastrophen. Oder leise? Durch eine Seuche, die die Menschheit dahinrafft. Bakterien, Viren, eine um sich greifende Epidemie, etwas noch nie Dagewesenes, Unvorstellbares? "The Last Days" wählt die leise, stille Variante.
Marc (Quim Gutierrez) ist Programmierer in Barcelona. Er führt ein glückliches Privatleben, liebt seine wunderschöne Freundin Julia (Marta Etura) über alles. Nur bei der Arbeit könnte es etwas besser laufen. Seine Firma hat Enrique (Jose Coronado) engagiert. Der soll als Außenstehender das Unternehmen durchleuchten und nach Einsparmöglichkeiten suchen. In der Belegschaft verbreitet allein seine Anwesenheit Angst und Schrecken. Hinter vorgehaltener Hand wird er "Terminator" genannt. Mutige scherzen, er sei "wie ein Ameisenficker - gekommen, um ihnen allen auf den Sack zu gehen".
Marc kann darüber nicht lachen. Seine Freundin will seit Langem ein Kind von ihm. Aber für Marc gab es bisher nie den richtigen Zeitpunkt. Entweder war die Wohnung zu klein, der Job zu unsicher oder irgendeine andere Ausrede musste herhalten, wie: "Ein Kind in diese dem Untergang geweihte Welt setzen?" Marc ahnt nicht, wie recht er mit dieser Aussage hat …
Wenn die Panik regiert
Der "Terminator" feuert einen Mitarbeiter in Marcs Firma. Er soll sich seit Wochen nicht mehr aus seinem Büro gewagt, die Nächte dort verbracht und Vorräte gehortet haben. Das Sicherheitspersonal muss ihn gewaltsam aus dem Gebäude zerren. Er klammert sich an der Eingangstür fest, doch die Sicherheitsleute schaffen es, ihn nach draußen zu befördern. Dort bricht der Mann zusammen. Es sieht so aus, als ob er einen epileptischen Anfall hat. Marc sieht das Ganze, rennt raus und holt ihn eigenhändig wieder in die Eingangshalle. Der Mann stirbt in seinen Armen.
In Radio und Fernsehen wird mittlerweile über diverse solcher Fälle berichtet - weltweit: Die Menschen haben Angst, nach draußen zu gehen, ins Freie. Sie verschanzen sich zu Hause in ihren Wohnungen, bleiben an ihren Arbeitsplätzen. Alle rätseln, wieso das so ist. Bakterien? Viren? Ein außerirdisches Phänomen? Eine Epidemie, angestoßen durch einen Vulkanausbruch? Wissenschaftler, Medien und Politiker diskutieren, während das "Phänomen" sich in den USA, Kanada, Südkorea, Deutschland und Marcs Heimatland Spanien verbreitet. "Panik" wird es genannt, die Angst vor dem Freien, eine Form der Agoraphobie.
Auch Marc bekommt es mit der Angst zu tun. Nach einem Streit mit Julia, die ihm gerade offenbaren wollte, dass sie schwanger ist, fährt er wütend mit der U-Bahn zur Arbeit. Die Bahn ist fast menschenleer. Ein Mann im Anzug schaut Marc durch eine Gasmaske an. An der Arbeit angekommen, versucht Marc, dessen Ärger bereits verflogen ist, Julia anzurufen. Doch die will nicht mit ihm sprechen. Ihre Freundin Andrea ist da, wimmelt Mark am Telefon ab. Danach hat sein Handy keinen Empfang mehr. Er will sofort zurück, zu Julia, ihr erklären, dass ihm alles leid tut. Doch er kommt nur bis zum Ausgang des Gebäudes. Als er einen Schritt ins Freie macht, schnürt sich sein Hals zusammen. Die Panik hat auch ihn infiziert. Er ist an seinem Arbeitsplatz gefangen - ohne zu wissen, wie es Julia geht.
Marc schließt sich einer Gruppe an, die versucht, durch den Keller des Gebäudes in die U-Bahnschächte vorzudringen. Auch Enrique ist dabei. Mark bekommt mit, wie der "Terminator" ein GPS-Gerät stiehlt. Marc stellt ihn zur Rede und nach einem kurzen, aber heftigen Disput entschließen sich die beiden zusammenzuarbeiten: Gemeinsam wollen sie erst durch die U-Bahnschächte und die Kanalisation zu Marcs Wohnung, um Julia zu finden, dann zu einem bekannten Krankenhaus, wo Enriques Vater nach einer Embolie auf der Intensivstation liegt. Mit dem GPS-Gerät und einer einzigen funktionierenden Taschenlampe machen sie sich auf den Weg ins Ungewisse.
Es menschelt
Wenn die letzten Tage der Menschheit so aussehen wie im gleichnamigen Film des spanischen Regisseur-Brüderpaars Alex und David Pastor, will man sie nicht erleben - aber vor dem Großbildfernseher anschauen. Hätte Hollywood diesen Stoff auf die Leinwand gebracht, die Filmfiguren wären sich spätestens nach zehn Minuten gegenseitig an die Gurgel gegangen. Blut wäre in Strömen geflossen. Doch "Los Ultimos Dias "("The Last Days") nähert sich dem Thema von einer ganz anderen Seite: Er lässt es menscheln.
Da wären zum einen Marc und Julia, ein Traumpaar in der heutigen Zeit. Klar, hier und da kämpfen sie mit dem einen oder anderen Problem, aber auseinanderdividieren lassen sie sich nicht, dafür ist ihre Liebe zu stark. Zum anderen sind da Marc und Enrique. Zwei völlig verschiedene Männer. Der eine ein netter Typ, mit dem man auch mal ein Bierchen trinken gehen würde. Der andere gibt das knallharte Arschloch. Freunde werden die beiden nie!
Denkste. In den dunklen Gängen der Kanalisation und verbunden in ihrer Suche nach den Menschen, die sie über alles lieben, nähern sich Marc und Enrique an, lernen sich kennen. Enrique wollte Marc nach dem ersten Gespräch in der Firma rauswerfen, wie er ihm bei einem lockeren Gespräch an einem Feuer gesteht. Zuvor haben sie gemeinsam einen Bären getötet, der aus dem Zoo entlaufen war und sie mitten in einem Salon einer Innenstadtvilla angegriffen hatte. Beide lachen darüber. Ein kleiner Lichtblick.
Am Ende bleibt die Hoffnung
Marcs Freundin ist nicht in ihrer gemeinsamen Wohnung, Enriques Vater nicht mehr im Krankenhaus. Doch während Marc noch Hoffnung hat, seine große Liebe wiederzufinden - vielleicht ist sie an ihrem Arbeitsplatz in der Mall? -, wird Enrique seinen Vater nie wieder sehen: Das Krankenhaus ist nur noch ein Haufen aus Schutt und Asche, es ist abgebrannt. Der Vater, im fünften Stock ans Bett gefesselt, ist tot. Enriques Überlebenswillen ist dahin, Marc ist von nun an auf sich allein gestellt.
"The Last Days" hat ein Happy End. So viel muss verraten werden. Er erinnert deshalb stark an "Perfect Sense", der auch trotz all des leisen Grauens und der ausweglos erscheinenden Situation am Ende doch noch einen Funken Hoffnung übrigließ. Bei "The Last Days" ist es allerdings nicht nur ein Funken, es ist ein regelrechtes Großfeuer.
Das Filmende bleibt daher im Gedächtnis, es wühlt auf, rührt wirklich zu Tränen. Nach all dem gezeigten menschlichen Leid davor, der Ohnmacht der Menschen, dem Verfall der Gesellschaft, diesen kleinen wohlgesetzten Nadelstichen, ist das eine Genugtuung. Am Ende von "The Last Days" bleibt dem Zuschauer sprichwörtlich die Luft weg - und man hofft, dass die Apokalypse schnell und laut kommt!