Suche
hier klicken, um den Ort für die Startseite festzulegen
Berlin
17
SA 9° / 23°
SO 11° / 23°
Bilderserien

Pentagon vergibt "Jahrhundertauftrag": EADS unterliegt Boeing

 
Pentagon vergibt "Jahrhundertauftrag": EADS unterliegt Boeing

In Washington fällt eine milliardenschwere Entscheidung: Nach einem zehnjährigen Bieterwettstreit, in dem erst Boeing und dann der europäische Rivale Airbus den Auftrag erhielten und dann doch wieder abgeben mussten, darf sich die US-Luftwaffe auf ein neues Tankflugzeug freuen.

Am Tag der Entscheidung wird im Pentagon nicht lange gefackelt: Wenige Minuten nach dem Börsenschluss in New York erläutert Air-Force-Chef General Norton Schwartz noch einmal kurz, um was es geht, dann endlich lassen die Offiziellen die Bombe platzen ...

... Der sogenannte Jahrhundertauftrag zum Bau von Tankflugzeugen geht an Boeing. Das Pentagon ordert insgesamt 179 "NewGen Tanker". Der Auftragswert: 35 Mrd. Dollar.

Am Standort Everett, wo der US-Flugzeugbauer sein Hauptwerk betreibt, brechen Boeing-Mitarbeiter in Jubel aus. Angestellte und Ingenieure fahren einem fröhlichen Feierabend und einer Zukunft mit sicheren Arbeitsplätzen entgegen.

US-Kampfpiloten werden ihren Treibstoff auch künftig aus Boeing-Maschinen beziehen. Das Modell KC-46A "NewGen Tanker" des Airbus-Erzrivalen wird einen Teil der veralteten "Stratotanker" (hier im Bild mit ausgefahrenem Tankstutzen) ersetzen.

Für Boeing ist das mehr als nur ein Grund zum Feiern: In den Minuten nach dem Sieg über die Europäer klingen rund um die Boeing-Werke die Gläser. Allein im Bundesstaat Washington an der Westküste der USA sind mehr als 70.000 Mitarbeiter direkt von der Entscheidung betroffen, Familienangehörige nicht eingerechnet.

Entwurf und Planung der zum Teil hoch betagten KC-135 "Stratotanker" (hier der Pilot beim Einstieg) stammen aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Damals bestimmte noch Präsident Dwight D. Eisenhower den militärstrategischen Kurs der USA.

Mit dem Zuschlag für Boeing beendet das Pentagon die dritte Runde eines Ausschreibungsverfahrens, das ein wenig schmeichelhaftes Licht auf die US-Bürokratie wirft. Weder der General noch Luftwaffenkoordinator Donley (am Rednerpult), Verteidgungsstaatssekretär Lynn (2.v.r.) oder Pentagon-Chefeinkäufer Carter (r.) wirken sonderlich begeistert.

Die Entschiedung ist national wie internationel schwer umstritten: Zum Beispiel müssen sich Boeing-Grafiker die dynamische Betankung einer F-22 im Kurvenflug durch die geplante KC-46 noch am Bildschirm ausmalen, während der Airbus-Tanker bereits durch die Lüfte fliegt.

Innenpolitisch bewegen sich die Militärs auf vermintem Gelände: Die zwischenzeitliche Entscheidung für das europäische Modell hatte einen Sturm der Entrüstung entfacht und eine zum Teil patriotisch verbrämte Debatte zwischen Luftwaffenexperten und Standortpolitikern ausgelöst.

Bei dem Milliardenauftrag geht es für viele US-Amerikaner längst nicht mehr nur um das beste Flugzeug. An der Entscheidung hängt die Zukunft ganzer Regionen - und das in Zeiten rekordhoher Arbeitslosenzahlen.

Im Bundesstaat Washington spiegeln sich Triumphgefühle und Erleichterung in den Gesten der demokratischen Senatorinnen Maria Cantwell (links) und Patty Murray (Mitte). Auch der Kongressabgeordnete Jay Inslee, ebenfalls Demokrat, zeigt unverhohlene Freude.

In Alabama treten dagegen erstarrte Gesichter vor die Presse. Der Riss geht quer durch die Parteien: Der republikanische Gouverneur Robert Bentley war extra in die Stadt Mobile gereist. Dort, im hurrikangeplagten Süden, wollte die Airbus-Mutter EADS eigentlich ein neues Werk errichten und tausende Arbeitsplätze schaffen.

Für Boeing kommt der Großauftrag überaus gelegen: Das Modell KC46A basiert auf der Modellreihe 767, die in der zivilen Luftfahrt seit Jahren als Passagierjet um die Erde fliegt.

Der Rückgriff auf bewährte Technik ist wenig innovativ, spart aber Entwicklungskosten. Das Geschäft mit dem Pentagon verleiht dem US-Flugzeugbauer damit wieder kräftigen Rückenwind - und das zu einer Zeit, in der die Europäer an Boeing vorbeizuziehen drohten.

Boeing (ISIN US0970231058)

Der Konkurrenzkampf im Flugzeugbau nimmt keine Rücksicht: Am Boeing-Standort Everett blickt man mit nicht geringem Neid auf Neuheiten und Verkaufserfolge des multinationalen Mitbewerbers aus Europa.

EADS (ISIN NL0000235190)

Mit dem spektakulären Riesenjet A380 fliegt EADS nicht nur bei der Zahl der Vorbestellungen Boeing davon.

Potenzielle Exportschlager der Konkurrenz muss Boeing auch beim geplanten Großraumjet Airbus A350 und dem Militärtransporter A400M (Bild) fürchten.

Pentagon-Chefeinkäufer Ashton Carter sitzt mit dem Boeing-Zuschlag industriepolitisch zwischen allen Stühlen.

Denn was Boeing auf Jahrzehnte helfen mag, könnte sich negativ auf die Investitionsbereitschaft ausländischer Unternehmen auswirken. Auch deshalb muss die US-Regierung versuchen, jeden Eindruck eines unfairen Verfahrens oder einer Vorzugsbehandlung für Boeing zu vermeiden.

Als Sprecher der Nordamerika-Sparte tritt EADS-Manager David Oliver in Mobile, Alabama nach der Entscheidung betont emotionslos vor die Kameras. Vollständig verbergen kann er seine Enttäuschung nicht.

Schließlich weckt das Fliegen und beinahe alles, was damit zusammenhängt, bei vielen Menschen mehr als nur Faszination und Leidenschaft: ...

... Im Fall von Boeing und Airbus beendet eine trockene Verwaltungsentscheidung ...

... für tausende Arbeiter, Ingenieure, Manager, Bürokraten und Kommunalpolitiker ein zehn Jahre währendes Wechselbad extremer Gefühle. (Text: Martin Morcinek)

Bilderserie versenden
Empfänger
Ihre Informationen
Persönliche Mitteilung

Die Daten werden nur zum Versenden der Nachricht benutzt und nicht gespeichert.

Bitte überprüfen Sie Ihre Angaben.