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Alles sehen, nichts begreifen: Gerhard Richter wird 80

 
Alles sehen, nichts begreifen: Gerhard Richter wird 80

Mit einem verwunderten "Was will uns der Künstler damit sagen?" kann man Kunstschaffende aller Richtungen auf die Palme bringen.

Der Maler Gerhard Richter pariert die Frage mit einem lakonischen: "Gar nichts".

Ganz so einfach scheint es dann aber doch nicht zu sein. Immerhin hat Richter das geschafft, was anderen erst nach ihrem Tod vergönnt war: Er gilt schon zu Lebzeiten als der "Picasso des 21. Jahrhunderts", …

… führt regelmäßig die Ranglisten der wichtigsten Künstler der Gegenwart an …

… und seine Bilder gehören weltweit zu den teuersten Kunstwerken, Sammler zahlen Rekordpreise. Die "Kerze" beispielsweise ...

... wechselte bei einer Christie's-Auktion im Herbst 2011 für fast zwölf Millionen Euro den Besitzer.

Am 9. Februar 2012 feiert damit ein Künstler seinen 80. Geburtstag, der sich seinen Platz in der Kunstgeschichte längst gesichert hat, …

… unter anderem als derjenige, der die Malerei zu neuem Leben erweckte.

Der in Dresden geborene Richter flüchtete 1961 in den Westen und begann seine Karriere in den 60er Jahren, zu einer Zeit also, in der die Malerei sich selbst in Frage stellte. Die Wahl der Motive schien ausgeschöpft zu sein …

… und wenn es um realistische Darstellung ging, war die Fotografie dem gemalten Bild deutlich überlegen.

Richter aber lässt sich davon nicht beirren. Er malt zwar auch realistische Landschaften und Seestücke, …

… entwickelt aber vor allem seine ganz eigene Sicht auf die Dinge und erforscht mit künstlerischen Mitteln die Wirklichkeit.

Denn die durch Fotos vermittelte Wirklichkeit ist trügerisch, wie Richter feststellt: "Alles sehen, nichts begreifen."

Für seine Werke malt er unter anderem Fotos aus Magazinen, Zeitschriften und Fotoalben ab ...

... und spielt dabei bewusst mit der Wahrnehmung des Betrachters, indem er die Umrisse teilweise verschwimmen lässt und das Realistische der Vorlage manchmal fast bis zur Unkenntlichkeit verfremdet.

Das Prinzip der Unschärfe wird zu einem zentralen Stilmittel, das sich durch das gesamte Werk Richters hindurchzieht.

Ein berühmtes Beispiel, das unter Kunstkennern als eines der schönsten Bilder Richters gilt, ist "Ema – Akt auf der Treppe" von 1966, das seine erste Frau Marianne Eufinger zeigt.

Auf den ersten Blick wirken Richters Motive oft banal. Die Geschichten hinter den Bildern aber sind es nicht.

So zeigt das Werk im Hintergrund beispielsweise Helga Matura mit ihrem Verlobten. Die Edel-Prostituierte wurde in Frankfurt auf furchtbare Art umgebracht.

Zu Richters bekanntesten Bildern zählt "Tante Marianne". Zu sehen ist Marianne Schönfelder zusammen mit ihrem damals vier Monate alten Neffen, dem Künstler selber. Das Bild wirkt wie ein beliebiges Foto aus dem Familienalbum, birgt aber eine Tragödie. Marianne wurde während des Nationalsozialismus erst zwangssterilisiert und dann als eines von 250.000 Euthanasie-Opfern ermordet.

Als Richter später Ema Eufinger heiratete, wusste er nicht, dass deren Vater Heinrich zu den Tätern gehörte und als Arzt und SS-Obersturmbannführer verantwortlich für Zwangssterilisationen war. Richter porträtierte seinen Schwiegervater sogar auf dem Bild "Familie am Meer" - wahrscheinlich zu einem Zeitpunkt, als ihm die grausamen Zusammenhänge noch unbekannt waren.

Eines von Richters umstrittensten Werken ist der Gemäldezyklus "18. Oktober 1977". Die 15 Bilder zeigen Szenen aus der Nacht, in der Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe tot im Gefängnis Stuttgart-Stammheim aufgefunden wurden und sind überwiegend von Presse- und Polizeifotos abgemalt.

In der Kritik ist der Zyklus vor allem deshalb, weil Richter nur die Täter der RAF, nicht aber ihre Opfer darstellt.

Richter selbst versteht seine Bilder als dokumentarisch-distanziert. Er wolle weder verurteilen noch entschuldigen und dem Betrachter die Deutung überlassen.

Bei seinen Werken, die neben gegenständlicher auch abstrakte Kunst umfassen, bringt Richter gerne den Zufall mit ins Spiel, …

… zum einen, indem er mit dem Rakel (Abstreicher) die Struktur eines Bildes zerstört und damit unkontrollierbare Momente schafft, …

… zum anderen überlässt er dem Zufallsgenerator die Entscheidung, wie beispielsweise bei der Verteilung der Farbflächen des Kölner Domfensters.

Und was dabei manchmal so einfach und nach wenig Arbeit aussieht, ist hart erkämpft. Der Perfektionist Richter verbringt viel Zeit mit jedem Werk, verändert und verbessert, …

… wie der Ende 2011 in den Kinos gezeigte Dokumentarfilm "Gerhard Richter – Painting" verdeutlicht.

Der Film zeigt Richter bei der Arbeit an einer abstrakten Bilderserie in seinem Atelier in Köln-Hahnwald und verfolgt den gesamten Darstellungsprozess von der weißen Leinwand bis hin zur Ausstellung in der Galerie.

Über seine Arbeiten hat Richter selbst einmal gesagt: "Ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtung, ich habe kein Programm, keinen Stil, kein Anliegen. (…) Ich mag das Unbestimmte und Uferlose und die fortwährende Unsicherheit."

Nach diesem Motto experimentiert er seit nunmehr fast fünf Jahrzehnten und erforscht die Grenzen der Malerei.

Welche Pläne Richter für die Zukunft hat, darüber möchte er allerdings nicht sprechen: "Darauf gebe ich keine Antwort".

Aber er verrät, dass ihm die Arbeit immer noch wichtig ist. Nach wie vor gehe er täglich ins Atelier. "Was soll ich denn machen, es ist das Zuverlässigste und Schönste, was wir haben, außer der Familie". (Richter zusammen mit seiner dritten Ehefrau, der Malerin Sabine Moritz)

Ob und womit er die Kunstwelt noch begeistern wird, bleibt also vorerst sein Geheimnis. Wer Teile aus dem bisherigen umfangreichen Werk des Jubilars sehen möchte, hat dazu in der Neuen Nationalgalerie in Berlin Gelegenheit.

Unter dem Titel "Gerhard Richter Panorama" ist dort vom 12. Februar bis zum 13. Mai eine große Retrospektive mit 150 Gemälden aus allen Schaffensperiode Richters zu sehen, darunter einige der bekanntesten Bilder sowie selten gezeigte Werke.

Zeitgleich findet als Ergänzung in dem privaten Berliner Ausstellungshaus me Collectors Room die Schau "Gerhard Richter Editionen" statt. Zu sehen sind 200 Druckgrafiken, Fotoarbeiten, Künstlerbücher und Plakate.

Und in Dresden gewährt das Gerhard-Richter-Archiv bis zum 22. April einen Einblick in den sogenannten "Atlas" des Künstlers, seinen Fundus an Ideen, den er seit 1962 stetig erweitert ...

... und der aus 783 Tafeln mit mehr als 15.000 Fotografien, Zeitungsausschnitten, Skizzen, Farbtafeln und Entwürfen besteht. (Text: Katja Sembritzki, mit dpa)

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