Bilderserie
Mittwoch, 24. Juni 2015

Deutschland kann so entspannt sein: Reichstagsverhüllung brachte Sommermärchen

Bild 1 von 41
Mehr als 100.000 Quadratmeter Stoff, ... (Foto: ASSOCIATED PRESS)

Mehr als 100.000 Quadratmeter Stoff, ...

Mehr als 100.000 Quadratmeter Stoff, ...

... über 15 Kilometer blaues Seil - die Verhüllung des Berliner Reichstags ...

... war eines der spektakulärsten Projekte des Künstlerpaares Christo und Jeanne-Claude.

Am 24. Juni 1995 war der letzte Handgriff getan.

In den folgenden zwei Wochen ließen sich mehr als fünf Millionen Menschen von dem silbern schimmernden, ...

... schwerelos wirkenden Koloss auf der Reichstagswiese verzaubern - ein Objekt wie von einem anderen Stern.

Noch heute, 20 Jahre später, haben viele Besucher den Anblick in Erinnerung.

Christo feierte kürzlich, am 13. Juni 2015, seinen 80. Geburtstag, seine Frau Jeanne-Claude ist 2009 gestorben - ihr "Weltkunstwerk" wird bleiben.

"Die Aktion hat im Ausland das Bild eines anderen Deutschland vermittelt - eines friedlichen und kulturell offenen Landes", sagt die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU).

Damals war Süssmuth eine treibende Kraft für das Projekt - das Unterstützung gut gebrauchen konnte, denn es gab viele Gegner.

Angefangen hatte alles mit einer Ansichtskarte des Reichstags, die Christo 1971 von dem in Deutschland lebenden US-Journalisten Michael S. Cullen bekam.

Christo, nach seiner "Verhüllten Küste" in Australien und einem Vorhangprojekt in den Rocky Mountains ("Valley Curtain", im Bild) bereits ein Weltstar, ...

... war von dem damals wenig genutzten Gebäude an der Westseite der Mauer sofort begeistert. (Bild von 1970)

"Bitte besorgen Sie uns die nötigen Genehmigungen", schrieb er zurück. Es sollte ein 24 Jahre dauernder Kampf werden - von 1971 bis 1995.

Wie bei Christo-Projekten üblich, gab es Unverständnis und Widerstand. Ein Argument dagegen war vor allem, der Westen könne angesichts der Teilung ein so symbolträchtiges Gebäude wie den Reichstag nicht einfach "verschwinden" lassen.

Drei Bundestagspräsidenten lehnten ab. Erst mit der Wiedervereinigung 1990 öffnete sich ein neues Fenster.

"Wir packen den Reichstag ein und nach einigen Wochen den Bundestag aus", sagte der CDU-Abgeordnete Friedbert Pflüger 1991 mit Blick auf den gerade beschlossenen Regierungsumzug von Bonn nach Berlin.

Doch quer durch die Parteien gab es Gegner - allen voran der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (2.v.r.), der vor "Kunstexperimenten" am wichtigsten politischen Bauwerk Deutschlands warnte.

"So etwas tut man schlicht und einfach nicht", stimmte ihm der SPD-Abgeordnete Eike Ebert zu. 1994 gab es nach einer erhitzten Debatte im Bundestag trotzdem eine klare Mehrheit: 292 zu 223 Stimmen.

90 Berufskletterer und 120 ausgebildete Monteure brauchten sieben Tage, ...

... um das eigens hergestellte, aluminiumbeschichtete Gewebe bahnenweise an dem Neorenaissancebau aus der Kaiserzeit herabzulassen, ...

... zu verschnüren ...

... und mit 1000 Tonnen schweren Bodengewichten zu sichern.

Und gleich vom Morgen des 24. Juni an waren die Betrachter von dem Riesendiamanten fasziniert.

Vierzehn Tage lang herrschte Ausnahmezustand in Berlin.

Bei strahlendem Sommerwetter verwandelte sich die Wiese vor dem Reichstag ...

... (die dann irgendwann keine Wiese mehr war) in ein riesiges Volksfest - bunt, heiter und friedlich. Manche Menschen ließen sich selber einwickeln, Musiker, Jongleure und andere Künstler traten auf.

Wildfremde Menschen genossen gemeinsam, wie der Silberberg je nach Licht und Tageszeit ...

... immer neu und anders aussah.

Ein Hauptstadtgefühl entstand in Berlin.

Und das Ausland staunte. Ein solche Heiterkeit habe man den Deutschen gar nicht mehr zugetraut, schrieb die "New York Times".

Nach zwei Wochen war alles vorbei. Trotz des gigantischen Erfolgs ...

... ließen sich Christo und Jeanne-Claude nicht überreden, ihr zeitgebundenes Werk zu verlängern. "Die Vergänglichkeit ist Teil des Projekts, ein besonders wichtiger sogar", erklärte Christo.

Der Stoff wurde wieder abgenommen und kam zu einer Recyclingfirma. Die Verhüllung wurde übrigens wie alle anderen Projekte von Christo und Jeanne-Claude ausschließlich aus eigenen Mitteln finanziert, durch den Verkauf von Studien, Zeichnungen, Collagen, Modellen und Lithografien. Sie nehmen keinerlei Fördermittel aus öffentlicher oder privater Hand an. Und Eintritt kosten ihre Kunstwerke auch nicht.

Am Reichstag begann unmittelbar danach der Umbau - nach den Plänen ...

... des britischen Architekten Norman Foster (l., mit Bundestagspräsident Wolfgang Thierse bei der symbolischen Schlüsselübergabe im April 1999) wurde das Haus in einen zeitgemäßen Parlamentsbau verwandelt.

Vier Jahre nach dem Christo-Projekt trat hier erstmals der Bundestag zusammen.

Zum 20. Jahrestag der Verhüllung in diesem Jahr wird der "Wrapped Reichstag" in einer Ausstellung dauerhaft zu sehen sein.

Lars Windhorst (l.), Unternehmer und Kunstmäzen, hatte Christos Sammlung von Fotos, Materialien und Entwürfen zu dem Projekt gekauft. Er stellt sie dem Bundestag zunächst auf 20 Jahre als Leihgabe zur Verfügung.

Die geplante Dauerausstellung wird von Christo selber gestaltet. Von Ende September 2015 an sollen im Reichstag mehrere hundert Entwürfe, Pläne, Modelle, Konstruktionen, Fotos, Materialproben und Kollagen zu dem Projekt präsentiert werden, ...

... kündigte Christo zusammen mit Bundestagspräsident Norbert Lammert (r.) an. Lammert sprach von einem "gigantischen Konvolut" von 380 Teilen. Wirklich öffentlich ist die Ausstellung allerdings nicht. Nur spezielle Besuchergruppen können an Führungen durch die Kunstsammlung des Bundestags teilnehmen. (abe/dpa)

weitere Bilderserien