Vor 100 Jahren, am 9. Januar 1908, wurde Simone de Beauvoir geboren. Als Schriftstellerin, Philosophin und Ikone der Frauenbewegung war sie ganz in ihrer Zeit verwurzelt. Und doch sind ihr Werk und Leben bis heute aktuell, ...Bild 1 von 55 ... auch wenn die Zeit viele ihrer Gedanken inzwischen eingeholt hat und Frauen ganz selbstverständlich eine Unabhängigkeit genießen, die sich Beauvoir, den Konventionen ihrer Zeit zum Trotz, erst erkämpfen musste. (Frauen in den 70er und 80er Jahren)Bild 2 von 55 "Mein wichtigstes Werk ist mein Leben", sagte die Existenzialistin.Bild 3 von 55 Es fällt ihr nicht immer leicht, ihre radikale Auffassung von menschlicher Freiheit zu verwirklichen und zu leben. Doch wer vor der Freiheit fliehe, verliere sich selbst. (Fußgängerbrücke "Passerelle Simone de Beauvoir")Bild 4 von 55 | Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb"Es besteht in mir ein immer schon vorhandenes monströses Verlangen nach Lärm, nach Kampf, nach Wildheit und vor allem nach Versinken", schreibt sie 40-jährig in ihren "Memoiren einer Tochter aus gutem Hause".Bild 5 von 55 "Ich will das Leben, das ganze Leben." Sie fühle sich voller Neugier, voll Gier glühender zu brennen als jede andere Flamme, so Beauvoir. (Pablo Picasso: Jardin de Paris, 1901)Bild 6 von 55 Als Kind einer großbürgerlichen Familie wachsen Simone Lucie Ernestine Marie Bertrand de Beauvoir und ihre Schwester im Pariser Künstlerviertel von Montparnasse auf. (Foto: Jacques Delson, 1909)Bild 7 von 55 Der Vater, ein Anwalt, gibt ihr das Interesse an Literatur, Theater und Politik mit auf den Weg. (Alexandre Steinlen: Farblithografie, 1899)Bild 8 von 55 Ihre Mutter, eine Bibliothekarin, erzieht ihre Kinder streng religiös. Später erinnert sich Beauvoir: "Als ich die Lust zur Sinnlichkeit entdeckte, habe ich an Gott zu glauben aufgehört. Denn er stahl mir die Erde."Bild 9 von 55 Sie macht ihr Abitur an einer katholischen Mädchenschule. In und bei Paris studierte sie Philologie und Mathematik, später Philosophie und Lehramt an der renommierten Pariser Sorbonne und der Eliteschule Ecole Normale Supérieure (ENS).Bild 10 von 55 Hier entsteht ihr Spitzname "Castor", französisch für Biber: Ihr Nachname erinnert die Kommilitonen an das englische "beaver" - ausgesprochen mit französischem Akzent. Mit 21 Jahren macht sie als neunte Frau an einer französischen Hochschule ihr Philosophiediplom.Bild 11 von 55 Als Jüngste unter Frankreichs Studierenden und als Zweitbeste ihres Jahrgangs erhält sie im Jahr 1929 ihre "agrégation", die Lehrerlaubnis. Jahrgangsbester ist übrigens Jean-Paul Sartre. (Pablo Picasso: Lesendes Mädchen, 1938)Bild 12 von 55 Den zweieinhalb Jahre älteren Kommilitonen Sartre lernt Beauvoir gegen Ende des Studiums kennen und lieben.Bild 13 von 55 "Er galt als Schürzenjäger, Säufer und schlechter Mensch", erinnert sie sich. (Jean-Paul Belmondo im Theaterstück "Kean" von Jean-Paul Sartre, 1952)Bild 14 von 55 Im gleichen Jahr stirbt ihre Schulfreundin Zaza, mit der sie eine enge Freundschaft verband.Bild 15 von 55 Auf einer Bank am Louvre schließen Beauvoir und Sartre 1929 ihren Pakt: einen Bund fürs Leben, zusammen und doch frei.Bild 16 von 55 Castor und Pollux - als unzertrennliche Sterne werden sie am Firmament der französischen Intellektuellen-Szene leuchten, so strahlend hell, dass sie weit über die Grenzen Frankreichs hinweg wahrgenommen werden.Bild 17 von 55 In ihren "Memoiren" schreibt Beauvoir 1948: "Sartre entsprach genau dem, was ich mir mit fünfzehn Jahren gewünscht und verheißen hatte."Bild 18 von 55 | Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb"Er war der Doppelgänger, in dem ich in einer Art von Verklärung alles wiederfand, von dem ich auch selbst besessen war. Mit ihm würde ich immer alles teilen können."Bild 19 von 55 | Foto: picture-alliance / dpaIhre Beziehung bricht mit bürgerlichen Konventionen wie Treue und Ehe. Ein Paar, das nicht zusammenlebt, sondern in getrennten Hotelzimmern wohnt, zwei Liebende, die sich siezen.Bild 20 von 55 Die Beziehung Beauvoir-Sartre wird zum Mythos. Sartre beschreibt sie als eine "absolut gleichberechtigte" und "notwendige Liebe" und hält es zugleich für unerlässlich, "dass wir auch die Zufallsliebe kennenlernen".Bild 21 von 55 "Zufallslieben" werden sie beide finden. Doch die selbstgewählte, freie Liebe zu leben, fällt Beauvoir keineswegs leicht. (Sartre auf Capri, 1951)Bild 22 von 55 Ihr erster Roman "Sie kam und blieb" (1943) erzählt von einer Dreiecksbeziehung, Eifersucht und Leidenschaft im intellektuellen Milieu der Pariser Bohème.Bild 23 von 55 Die fiktive Geschichte endet mit einem Mord. Im wahren Leben steht Beauvoir zu ihrem Pakt mit dem Philosophen. Sie führt selbst andere Beziehungen. Auch Liebesbeziehungen zu Frauen werden ihr nachgesagt.Bild 24 von 55 Gegenüber Alice Schwarzer äußert sich Beauvoir 1984 allerdings anders: "Ich hatte immer zwar wichtige Freundschaften mit Frauen, sehr zärtliche, manchmal auch körperlich zärtlich. Aber daraus ist nie eine erotische Leidenschaft geworden." (Emil Nolde: Zwei Frauen)Bild 25 von 55 Aus feministischer Sicht verharrt Beauvoir zeitlebens zu sehr im Schatten Sartres und hält ihm den Rücken frei, indem sie seine Philosophie mit vertritt und bis zu seinem Tod an seiner Seite steht.Bild 26 von 55 Anfang der 30er Jahre trennen sich die Wege des Paares: Sartre geht ins Ausland, nach Le Havre und Berlin. Beauvoir unterrichtet in Marseille. Zum ersten Mal verlässt die junge Frau ihr vertrautes Pariser Umfeld und ist finanziell und gesellschaftlich unabhängig.Bild 27 von 55 Als Sartre ihr Anfang der 30er Jahre während der räumlichen Trennung einen Heiratsantrag macht, lehnt Beauvoir ab. Sie hält die Ehe für "beschränkende Verbürgerlichung und institutionalisierte Einmischung des Staates in Privatangelegenheiten".Bild 28 von 55 In Paris haben sie weiterhin ihren Lebensmittelpunkt - wenn sie nicht gerade gemeinsam auf Reisen in Spanien und Marokko, Deutschland, Österreich oder der Tschechoslowakei unterwegs sind. Nach einer Lehrtätigkeit in Rouen kehrt Beauvoir 1936 nach Paris zurück.Bild 29 von 55 Als der Faschismus Mitte der 30er Jahre an Boden gewinnt, engagieren sich Beauvoir und Sartre zunehmend politisch.Bild 30 von 55 Als Frankreich Anfang September 1939 in den Krieg eintritt, wird Sartre eingezogen und kehrt, wenn auch vorzeitig, erst 1941 aus der Gefangenschaft zurück.Bild 31 von 55 Beauvoir bleibt in Paris, wo sie während der deutschen Besatzung namhafte Intellektuelle und Künstler kennenlernt.Bild 32 von 55 Sie trifft Alberto Giacometti, Pablo Picasso oder Jean Genet und ist mit Albert Camus (Bild) befreundet.Bild 33 von 55 Sie beteiligt sich am politischen Engagement und verkehrt als einzige Frau in Künstlerzirkeln, doch laut werden ihre Gedanken auf dem Papier. "Sie sehen die Welt nicht wie ein Mann", ermuntert Sartre sie, wie eine Frau zu denken. (Foto: 1965)Bild 34 von 55 Kurz nach dem Krieg erschüttert sie die französische, männlich dominierte Intellektuellenszene mit ihrem Werk "Das andere Geschlecht" (1949). Das Werk macht sie berühmt und entfaltet seine Wirkung bis heute.Bild 35 von 55 Es enthält intellektuellen Sprengstoff und bietet der späteren Frauenbewegung einen Referenzpunkt: "Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es", so ihr berühmter Satz. "Viele Frauen sagen lieber ein Fest ab, als dass sie schlecht gekleidet hingehen", provoziert sie.Bild 36 von 55 "Sie haben den französischen Mann lächerlich gemacht!", erinnert sich Beauvoir an die Entrüstung ihres Freundes Camus. Im vorherrschenden Frauenbild ihrer Zeit erkennt sie das schwache Geschlecht in ökonomischer und sozialer Abhängigkeit vom Ehemann.Bild 37 von 55 Mit der klaren Unterscheidung von biologischem Geschlecht und gesellschaftlich gemachten Geschlechterrollen tischt die Autorin der französischen Nachkriegsgesellschaft eine Analyse auf, die traditionelle Muster ins Rutschen bringt.Bild 38 von 55 Die deutsche Frauenrechtlerin Alice Schwarzer sieht in ihr ein Idol noch "vor der Existenz des neuen kollektiven Frauenkampfes", "die Verkörperung unserer Revolte". Dies habe nicht nur mit Beauvoirs "tiefgreifenden und weitgehenden theoretischen Analyse" zu tun, ...Bild 39 von 55 ... sondern auch mit ihren autobiographischen Romanen, in denen sie sich als Frau offenbarte, "die es wagt, zu existieren", so Schwarzer 1976. Der Eklat nach der Veröffentlichung von "Das andere Geschlecht" im Jahr 1949 ist groß.Bild 40 von 55 Beauvoir reist in die USA, wo sie den Schriftsteller Nelson Algren kennen und lieben lernt. Wenig später besucht er sie in Paris.Bild 41 von 55 Bis 1951 dauert die Beziehung, zahlreiche Briefe bleiben zurück. Sie nennt ihn "mein Gatte" und offenbart sich schriftlich von einer anderen, privaten Seite. Nach ihrem Tod veröffentlicht ihre enge Freundin und spätere Adoptivtochter Sylvie le Bon den Briefwechsel.Bild 42 von 55 1954 erscheint "Die Mandarins von Paris", eine Beschreibung des Zerfalls einer linksintellektuellen Elite im Pariser Künstlermilieu der Nachkriegszeit. Beauvoir wird für das Werk mit dem höchsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet.Bild 43 von 55 Beauvoir und Sartre werden auch im Ausland mit Preisen geehrt und reisen zu Vorträgen durch die ganze Welt. (Verleihung des "Tor Margana"-Preis in Italien, 1963)Bild 44 von 55 Zugleich sind beide politisch aktiv. Sie bringen sich in Diskussionen um den Algerienkonflikt ein und nehmen Teil am Russel-Tribunal, das in Stockholm die von den USA in Vietnam begangenen Kriegsverbrechen untersucht.Bild 45 von 55 Im Mai 1968 kommt es in Paris zu Unruhen. Bereits seit Monaten demonstrieren die Studierenden für bessere Studienbedingungen, aber auch gegen die Regierung und den Vietnamkrieg.Bild 46 von 55 Es kommt zum Generalstreik, der das Land wochenlang lahmlegt. Sartre spricht während der sogenannten Mai-Unruhen zu Studierenden in der Sorbonne.Bild 47 von 55 Beauvoir und Sartre reisen, unter anderem nach China und Kuba, ...Bild 48 von 55 | Foto: picture-alliance/ dpa... und setzen sich mit dem Kommunismus auseinander. 1970 werden die beiden kurzzeitig festgenommen, weil sie maoistische Flugblätter verteilen.Bild 49 von 55 Beauvoir setzt sich für die Straffreiheit von Abtreibungen ein und unterschreibt 1971 im Rahmen der Proteste die Erklärung "j'ai avorté" - ich habe abgetrieben. Im selben Jahr gibt es eine ähnliche Aktion in Deutschland.Bild 50 von 55 Ihr größter Protest gegen Unrecht und gesellschaftliche Zwänge findet sich jedoch in ihren Büchern. Hier verführt sie ihre Leserinnen, ihre Freiheit einzufordern und auch anzunehmen.Bild 51 von 55 | Foto: picture-alliance / dpaEssays, Romane und Schriften begleiten, kommentieren Beauvoirs Erlebnisse. Literarisch be- und verarbeitet sie den Krebstod ihrer Mutter.Bild 52 von 55 Literarisch hält sie eine "Zeremonie des Abschieds" als Sartre stirbt. Ihr Verhältnis hat sich mit den Jahren gelockert. Doch während des Begräbnisses im April 1980 bricht Beauvoir zusammen. "Sein Tod trennt uns, mein Tod wird uns nicht wiedervereinigen."Bild 53 von 55 Nach Sartres Tod ist sie weiter politisch und als Autorin aktiv, adoptiert die Philosophielehrerin und langjährige, doch weit jüngere Freundin Sylvie Le Bon. Am 14. April 1986 stirbt sie in Paris und wird neben Sartre auf dem Friedhof Montparnasse beerdigt.Bild 54 von 55 | Foto: picture-alliance/ dpa"Das Glück besteht darin, zu leben wie alle Welt und doch zu sein wie kein anderer." Sie hat gelebt wie kaum eine andere, hat Zeitgenossinnen und nachfolgende Generationen inspiriert und fasziniert. War sie auch glücklich? (Alle Bilder AP, dpa und Wikimedia)Bild 55 von 55 | Foto: picture-alliance/ dpa