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"Entartete Kunst" 1937: Wie die Nazis die Moderne begruben

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Es war eine der meistbesuchten Ausstellungen für moderne Kunst ihrer Zeit. (Foto: Beim Vorlesen, Erich Heckel)

Es war eine der meistbesuchten Ausstellungen für moderne Kunst ihrer Zeit.

Es war eine der meistbesuchten Ausstellungen für moderne Kunst ihrer Zeit.

Doch den Machern der Schau ging es nicht darum, die Bilder der besten zeitgenössischen Künstler zu zeigen.

Sie wollten die Kunstwerke als "entartet" verunglimpfen.

Am 19. Juli 1937 startete in den Münchner Hofgartenarkaden die Ausstellung "Entartete Kunst" mit mehr als 600 beschlagnahmten Kunstwerken aus rund 30 deutschen Museen.

Initiator der Schau war Propagandaminister Joseph Goebbels (M.). Denn nur darum ging es: um Propaganda.

Die Gemälde seien "von Judencliquen preisgekrönt, von Literaten gepriesen", hieß es in einem Handzettel zur Ausstellung.

Einige Kunstwerke wurden schief aufgehängt, um sie lächerlich zu machen.

Es war nicht die erste Ausstellung dieser Art, selbst der Titel war nicht neu. Neu waren die Größe und der propagandistische Aufwand, der 1937 betrieben wurde.

Die Ausstellung begann mit christlichen Motiven, die - so der Tenor der Ausstellung - von den modernen Künstlern missbraucht worden seien.

Darunter auch die "Kreuzabnahme" von Max Beckmann aus dem Jahr 1917. Im Gegensatz zu vielen anderen Bildern und Plastiken überstand das Gemälde das "Dritte Reich". Heute ist es im New Yorker Museum of Modern Art zu sehen.

Im weiteren Verlauf der Ausstellung wurden Aktgemälde gezeigt. Diesen Bildern wurde die "Verhöhnung der deutschen Frau" vorgeworfen.

Noch Jahrzehnte nach der NS-Zeit werden Bilder der "entarteten Kunst" an die Nachfahren ihrer ursprünglichen Besitzer zurückgegeben - so etwa dieses Gemälde von Otto Mueller, das 1999 von der Kunsthalle Emden an die Erbin des Kunstsammlers Ismar Littmann, Ruth Haller, übergeben wurde.

Ernst Ludwig Kirchner missfiel den Nazis nicht nur wegen seiner Aktbilder.

Auch der verstümmelte Soldat in Kirchners "Selbstbildnis" von 1915 passte nicht zum heroischen Kampf, zu dem die Nazis den Ersten Weltkrieg machen wollten.

Insgesamt wurden in München 32 Werke Kirchners gezeigt. Im folgenden Jahr nahm Kirchner sich in seinem Schweizer Exil das Leben.

Den Künstler Christian Rohlfs wollte der Bürgermeister seiner Heimatstadt, ein Nationalsozialist namens Heinrich Vetter, nicht als "entartet" gelten lassen.

Vetter musste sich von Goebbels belehren lassen. "Mit Vetter Thema entartete Kunst", schrieb Goebbels in sein Tagebuch. "Er wollte Rohlfs in Schutz nehmen. Aber ich heile ihn."

Allerdings war auch Goebbels selbst mit einer Entscheidung nicht einverstanden. In seiner Wohnung hingen einige Bilder von Emil Nolde, den er als Prototyp des "nordischen" Künstlers verstanden wissen wollte. Am Ende musste er sich Hitlers Kunstdiktat beugen.

Zahlreiche Bilder von Nolde wurden in der Münchner Ausstellung gezeigt - obwohl der Expressionist 1934 in die NSDAP-Nordschleswig eingetreten war.

"Entartet" war auch Erich Heckel, der sich ebenfalls - wie auch Ernst Barlach - nur drei Jahre zuvor zum "Führer" bekannt hatte.

Paul Klee war in München mit 17 Werken vertreten.

Klee hatte schon früh eine realistische Einschätzung der Lage in Deutschland. Im Herbst 1933 sagte er, in Europa rieche es "bedenklich nach Leichen".

Nach der Münchner Ausstellung wurden zahlreiche Werke Klees in Deutschland beschlagnahmt und ins Ausland verkauft. Dadurch wurde eine verstärkte Klee-Rezeption in den USA angeregt.

Klee ging 1933 in die Schweiz. Dort starb er 1940.

Wie Klee war Max Beckmann seit 1933 in Deutschland geächtet. Kurz nach Eröffnung der Münchner Ausstellung ging er in die Niederlande, ...

... die im Mai 1940 bekanntlich von Deutschland überfallen wurden. Beckmann versuchte vergeblich, in die USA auszureisen. Den Krieg verbrachte er in Amsterdam.

Der Österreicher Oskar Kokoschka war für die Nazis nicht nur "entartet", er war der "Entartetste unter den Entarteten" und "Hitlers Kunstfeind Nr. 1".

Auch die Stadtansichten von Lyonel Feininger wurden in München gezeigt. Feininger, der in den USA zur Welt gekommen war, war bereits im Juni 1937 von Berlin nach New York gezogen.

Eine ganze Wand im sechsten Raum der Münchner Propagandaschau war Lovis Corinth gewidmet. Neben "Ecce Homo" ...

... stand vor allem "Das trojanische Pferd" im Mittelpunkt.

Corinth lebte nicht mehr: Der Künstler war bereits 1925 gestorben.

Im selben Raum wie Corinth hingen Bilder von Franz Marc, der ebenfalls längst tot war.

Er war im März 1916 bei Verdun gefallen.

Marc war keineswegs der einzige ehemalige Frontkämpfer unter den "entarteten" Künstlern. Doch sein Tod im Ersten Weltkrieg war für den Deutschen Offiziersbund ein Argument, dafür zu sorgen, dass "Der Turm der blauen Pferde" aus der Ausstellung entfernt wurde.

Wenig später landete das Bild an der Wand von Hermann Göring. Insgesamt beschlagnahmte Hitlers Stellvertreter 13 Gemälde "entarteter Kunst" für seine Privatgalerie.

Wie viele Besucher sich die Ausstellung "Entartete Kunst" in München ansahen, um noch einmal, wenn auch in einem feindlichen Umfeld, moderne Kunst zu sehen, ist heute nicht mehr zu ermitteln.

Die meisten Besucher dürften die Ablehnung der Nazis geteilt haben; moderne Kunst war in der Zeit der Weimarer Republik zwar zum festen Bestandteil der öffentlichen Kultur geworden. Das heißt jedoch nicht, dass sie auch die Wertschätzung der breiten Öffentlichkeit genoss.

So verwundert es auch nicht, dass parallel zur "entarteten Kunst" in München "reine deutsche Kunst" gezeigt wurde: Plastiken von Arno Breker oder Genremalerei, die dem 19. Jahrhundert entsprungen schien.

Zahlreiche "entartete Kunstwerke" der Ausstellung von 1937 wurden später zerstört oder gelten bis heute als verschollen. Von einigen überlebten Schwarz-Weiß-Aufnahmen, von anderen gibt es nicht einmal Fotos.

Die Ausstellung "Entartete Kunst" war nur ein Teil im Bestreben der Nationalsozialisten, Deutschland als Kulturnation zu vernichten. Andere Beispiele sind die Bücherverbrennungen von 1933 ...

... und die im Mai 1938 eröffnete Ausstellung "Entartete Musik".

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