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Rückholaktion des Atommülls: Die Asse ist eine Zeitbombe

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Als im Jahr 1967 die ersten Fässer mit Atommüll im ehemaligen Salzbergwerk Asse bei Wolfenbüttel eingelagert wurden, schrieb die Bundesrepublik damit Endlagergeschichte. (Foto: ASSOCIATED PRESS)

Als im Jahr 1967 die ersten Fässer mit Atommüll im ehemaligen Salzbergwerk Asse bei Wolfenbüttel eingelagert wurden, schrieb die Bundesrepublik damit Endlagergeschichte.

Als im Jahr 1967 die ersten Fässer mit Atommüll im ehemaligen Salzbergwerk Asse bei Wolfenbüttel eingelagert wurden, schrieb die Bundesrepublik damit Endlagergeschichte.

Kein anderes Land auf der Welt verfügte damals über eine vergleichbare Lagermöglichkeit.

Nun schickt sich Deutschland an, erneut den Vorreiter zu spielen: Erstmals soll ein komplettes Endlager rückabgewickelt werden. Und wieder ist die Asse der Schauplatz.

126.000 Fässer mit schwach- und mittelaktivem Müll sollen zurück ans Tageslicht geholt werden. So will es der Betreiber, das Bundesamt für Strahlenschutz.

Der Grund: Die Asse ist eine Zeitbombe.

Die Stabilität des riesigen Grubengebildes, das sich bis zu einer Tiefe von tausend Meter unter dem sanften Höhenzug eines Harzausläufers bei Wolfenbüttel erstreckt, ist akut gefährdet.

Wenn überhaupt, dann kann der Einsturz des ehemaligen Salzbergwerks durch aufwendige Baumaßnahmen unter Tage bestenfalls um einige Jahre über 2014 hinaus aufgeschoben werden. Zudem schließt das BfS ein unkontrollierbares Eindringen von Salzlauge in die Atomlagerstätte nicht aus.

Damit aber steigt die Gefahr, dass über die Flüssigkeit in wenigen hundert Jahren Radioaktivität in das Grundwasser und damit wieder in die Biosphäre gelangt.

Unter diesen Bedingungen den im Atomrecht geforderten Beweis der Langzeitsicherheit zu führen, ist absehbar unmöglich. Schließlich geht es dabei um eine Zeitschiene von Hunderttausenden von Jahren.

Vor diesem Hintergrund zog das Bundesamt mit der Entscheidung für die Rückholung die Notbremse. Bei dem Entschluss hatte BfS-Präsident Wolfram König die Rückendeckung des damaligen Bundesumweltministers Norbert Röttgen (CDU).

Auch sein Nachfolger Peter Altmaier steht zu der Entscheidung.

Auf das Bundesamt kommt damit eine Aufgabe zu, für die es kein Vorbild gibt. Die Fachleute gehen davon aus, dass die 126.000 Fässer mit schwach und mittelaktivem Müll, die in der Asse zwischen 1967 und 1978 eingelagert worden waren, zum Teil bereits durchgerostet sind.

Schon vor Jahren forderten Bergbauexperten daher, für den Fall der Rückholung eigens Maschinen für einen ferngesteuerten Einsatz unter Tage zu entwickeln. Anders sei nicht zu gewährleisten, dass die Strahlenbelastung der Bergleute bei der Bergung des Mülls unter den gesetzlichen Grenzwerten bleibt.

Die Bürgerinitiativen im Landkreis Wolfenbüttel favorisieren seit Jahren die Rückholung, wohl wissend, dass das nötige Zwischenlager und die große Zahl der Transporte auch die Strahlenbelastung im Umfeld erhöhen wird.

Die Gutachter, auf deren Expertise sich die Entscheidung des BfS stützt, gehen davon aus, dass es in allen Fällen gelingt, eine Überschreitung der Strahlengrenzwerte für Anwohner und Bergleute zu verhindern.

Dann der Schock: Rund um die Asse ist eine erhöhte Zahl an Leukämie-Erkrankungen festgestellt worden.

Ob die Fälle in Zusammenhang mit dem Lager stehen, ist jedoch unklar.

Für 800.000 Euro hatte die Bundesrepublik 1965 die Asse gekauft, die Sanierung wird jetzt Milliarden verschlingen, für die die Steuerzahler aufkommen müssen.

Monatelang versucht ein Untersuchungsausschuss des Landtages in Hannover zu klären, wie es überhaupt zur Einrichtung eines Forschungsendlagers in der Asse kommen konnte, das am Ende vor allem eine billige Entsorgungsmöglichkeit für Atomindustrie, Krankenhäuser oder Kernforschungszentren war.

Jürgen Rüttgers, Bundesforschungsminister von 1994 bis 1998, hat seine Erinnerungen an eventuelle Probleme mit dem Versuchsendlager verdrängt. "Die Vorgänge sind zwischen 12 und 16 Jahren her", betonte er vor dem Untersuchungsausschuss.

Ein halbes Jahr vorher sagte Ex-Bundesumweltminister Jürgen Trittin aus. Ihm sei radioaktives Salzwasser, welches in das Lager eindrang, verschwiegen worden. Ohnehin hätte die Asse nicht in seinem Zuständigkeitsbereich gelegen.

Vielmehr holte Trittin zum Rundumschlag aus und kritisierte das Festhalten der aktuellen Bundesregierung am Endlager in Gorleben.

Hand auf den Akten hat das Bundeskanzleramt.

Klar geworden ist im Untersuchungsausschuss zumindest, dass Politiker aller Parteien über Jahrzehnte hinweg die Dinge laufen ließen. Niemand wollte sich die Finger verbrennen.

Mit der Folge, dass jetzt dem Bundesamt wegen der drohenden Laugenzuflüsse und der Instabilität des Bergwerks die Zeit davonläuft. Verschiedene umfangreiche technische Maßnahmen wurden angeschoben.

"Wir müssen Zeit erkaufen", sagte König. Deshalb werden auch die Notfallmaßnahmen weiter voran getrieben. Säuft die Grube nämlich vor der Rückholung ab, soll sich der langfristige Schaden für Mensch und Umwelt wenigstens in Grenzen halten.

Mittlerweile zweifelt das Bundesamt an einer Rückholung, bevor das Bergwerk einstürzt oder unbetretbar werden könnte. Zur Erinnerung: Das Bundesamt hatte zuvor selbst die Bergung des Atommülls gefordert.

Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) spricht Weihnachten 2011 das Undenkbare aus: Weil an den Atommüll in der Asse nicht mehr heranzukommen ist, bringt er eine Versiegelung der Anlage ins Spiel.

Mit dem Antritt Altmaiers scheint nun neuer Schwung in die Angelegenheit zu kommen. Er pocht auf der raschen Prüfung, ob die Rückholung tatsächlich gelingen könnte oder nicht. Wenige Tage nach seiner Amtsübernahme erklärt das BfS die Genehmigungsvoraussetzungen für Probebohrungen für erfüllt.

Doch ein Wermutstropfen bleibt. Laut einem neuen Zeitplan kann die Rückholung der strahlenden Abfälle bis 2036 dauern. Wenn es bis dahin nicht schon zu spät ist.

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