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Wenn Konflikte zu Kriegen werden: Die Krisenherde der Welt

 
Wenn Konflikte zu Kriegen werden: Die Krisenherde der Welt

Die Zahl der Kriege und gewaltsamen Konflikte auf der Erde ist 2009 zurückgegangen. Doch Grund zum Optimismus gibt es nicht.

2009 gibt es weltweit noch immer 31 "hochgewaltsame Konflikte". Nachzulesen im Konfliktbarometer des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung.

Zwölf Monate zuvor waren es noch 39. Sieben dieser Konflikte bezeichnen die Forscher als Krieg, zwei weniger als noch 2008.

Doch die "Zeit der Friedensengel" sei nicht angebrochen, sagt Lotta Mayer, Chefin der Heidelberger Konfliktforscher.

"Das Niveau bleibt hoch." Seit Jahren gebe es eine Zickzack-Bewegung zwischen 30 und 40 hochgewaltsamen Konflikten auf der Welt.

Schaut man auf die Konfliktkarte der Heidelberger Wissenschaftler, dann zieht sich ein zusammenhängendes Krisengebiet von der Westküste Afrikas über die Südsahara und die arabische Halbinsel bis weit nach Asien. Dunkel hervorgehoben sind die Länder, in denen nach Auffassung der Forscher Krieg herrscht.

Zu einem Krieg wird ein gewaltsamer Konflikt nach Definition des Heidelberger Instituts dann, wenn er "mit einer gewissen Kontinuität organisiert und systematisch Gewalt eingesetzt wird." Für die Einordnung entscheidend ist auch das Ausmaß der Zerstörung.

In Afghanistan herrschen demnach nicht "kriegsähnliche Zustände", wie es der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sagt, sondern laut den Heidelberger Konfliktforschern Krieg.

Auch deshalb, weil bei den Auseinandersetzungen zwischen Taliban und afghanischer Regierung die Zahl der Opfer sehr hoch ist.

Mehr als tausend Zivilisten sind in diesem Jahr beim Krieg in Afghanistan getötet worden.

Das Nachbarland Pakistan taucht gleich zweimal auf der "Kriegsliste" auf.

Wie in Afghanistan kämpfen dort Taliban gegen die Regierung. Im September verüben sie einen Anschlag auf den talibankritischen Religionsminister Hamid Saeed Kazmi.

Daneben gibt es in dem asiatischen Land auch gewaltsame Konflikte zwischen verschiedenen Milizen um die Macht in einzelnen Regionen.

Fast täglich verüben militante Gruppen Bombenanschläge. Allein 2009 verlieren dabei mehr als 5000 Menschen ihr Leben.

Auch die Offensive der israelischen Armee gegen die Hamas im Gazastreifen bezeichnet die Heidelberger Studie als Krieg.

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern beherrscht seit Jahrzehnten die Schlagzeilen.

Andere Gewaltherde auf der Welt sind dagegen fast in Vergessenheit geraten. Zu den sieben Kriegen, die die Heidelberger Forscher aufzählen, gehören auch Auseinandersetzungen in Somalia, Sri Lanka und dem Jemen.

Schon mehr als 20 Jahre kämpfen in Somalia verschiedene Kriegsherren, Clans und Milizen gegeneinander.

Seit 1991 gibt es in dem afrikanischen Land keine funktionierende Zentralregierung mehr. Anfang 2009 ist Sharif Sheikh Ahmed offiziell Präsident einer Übergangsregierung geworden.

Diese Regierung wird aber von vielen Gruppen abgelehnt und bekämpft. In etlichen Landesteilen herrschen lokale Clans und Milizen, zwischen denen ständig neue Konflikte aufflammen.

Die Konfliktlinien sind kaum zu durchschauen und überschneiden sich vielfach. Meistens geht es um knappes Wasser und Land.

Konflikte herrschen auch zwischen der Minderheit sesshafter Ackerbauern und der nomadisch lebenden Mehrheit.

Hinzu kommen Machtkämpfe zwischen Clanführern, Warlords und Geschäftsleuten, die nicht selten Privatmilizen unterhalten und jede Menge Waffen und Munition besitzen.

Anfang 2009 sind etwa 1,3 Millionen Menschen innerhalb Somalias auf der Flucht. Hunderttausende leben in Flüchtlingslagern in den Nachbarländern.

Mindestens 3,5 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Somalia wird durch den Golf von Aden von der arabischen Halbinsel und dem Jemen getrennt – auch dort herrscht seit Jahren Krieg, in dem immer wieder Zivilisten ins Kreuzfeuer der Kämpfe geraten.

Im Norden des Landes kämpft die Regierung gegen schiitische Huthi-Rebellen. Diese werfen der Führung des Landes vor, die Region völlig zu vernachlässigen.

Seit 2004 sind bei Gefechten mehrere tausend Menschen getötet worden.

Die Vereinten Nationen nennen eine Zahl von 150.000 Flüchtlingen im Land.

Im August beginnt die jemenitische Führung unter Präsident Ali Abdullah Salih eine neue Offensive gegen die Rebellen.

Bei einem Luftangriff auf ein Flüchtlingslager im September sterben mehr als 80 Menschen.

Einige Beobachter sehen in dem Konflikt einen "Stellvertreterkrieg". Der Iran sympathisiert mit den Rebellen im Norden des Landes. Saudi-Arabien dagegen unterstützt die jemenitische Regierung. Ein baldiges Ende der Kämpfe ist deshalb eher unwahrscheinlich.

Anders ist das bei dem Konflikt zwischen Tamilen und Regierungstruppen auf Sri Lanka. Der ist im Mai mit einer Großoffensive der Armee blutig beendet worden.

Nun gibt es Chancen, dass dieser Krieg im kommenden Jahr nicht mehr im Konfliktbarometer auftaucht. Die Menschen auf der Insel beginnen damit, ihre Häuser wieder aufzubauen.

Der Bürgerkrieg auf Sri Lanka dauerte mehr als 20 Jahre. Die Zahl der Todesopfer wird auf 80.000 bis 100.000 geschätzt.

Bei der Großoffensive der sri-lankischen Armee gegen die Tamilenbewegung LTTE kommen im Frühjahr tausende Zivilisten ums Leben.

Bis zu 200.000 Menschen müssen fliehen und können nur unzureichend versorgt werden.

Die sri-lankische Armee verbucht für sich große Geländegewinne.

Am 16. Mai 2009 erklärt Präsident Mahinda Rajapaksa die LTTE für besiegt und den Bürgerkrieg für beendet.

Nach Regierungsangaben werden Rebellenführer Velupillai Prabhakaran und die Führungsspitze der LTTE am 18. Mai 2009 erschossen.

Bis heute hält die sri-lankische Regierung trotz des Ende des Bürgerkriegs hunderttausende tamilische Flüchtlinge in Lagern fest, in denen es an Medikamenten und Nahrung mangelt.

Neben den sieben Kriegen weltweit nennen die Heidelberger Forscher noch 24 weitere sogenannte "hochgewaltsame Konflikte" – auf nahezu allen Kontinenten der Erde.

In Amerika steigt die Zahl der Krisen von zwei auf drei. Neben Auseinandersetzungen in Kolumbien und Peru zählen die Forscher nun auch den Drogenkrieg in Mexiko dazu.

Allein in den ersten sechs Monaten 2009 sterben dort bei Kämpfen zwischen verschiedenen Drogenkartellen 3200 Menschen.

Zumeist geht es um die Kontrolle der lukrativen Schmuggelrouten in die USA.

In Europa entspannt sich die Lage nach dem Rückzug der russischen Armee aus Georgien.

"Europa ist im internationalen Vergleich eine Insel der Seligen", sagt Lotta Mayer vom Heidelberg Institut für Konfliktforschung.

Das bedeutet aber nicht, dass es nicht auch dort Konflikte gibt. Angespannt bleibt die Situation vor allem in den Kaukasus-Republiken Tschetschenien und Inguschetien.

Dort kämpfen islamistische Separatisten für einen von Russland unabhängigen Staat.

Kreml-Chef Medwedew ruft Ende August dazu auf, die Rebellen in Tschetschenien und Inguschetien zu "jagen" und zu "vernichten".

Trotz des Rückgangs der Gesamtzahl kriegerischer Konflikte weltweit, warnt das Heidelberg-Institut vor zu großen Hoffnungen auf ein insgesamt friedlicheres Klima.

"Die derzeitigen hochgewaltsamen Auseinandersetzungen sind zumeist in regionale Konfliktsysteme eingebunden, in denen die Konflikte sich gegenseitig anheizen", sagen die Forscher.

"Daher ist die Deeskalation einzelner Konflikte möglicherweise von nur vorübergehender Dauer." Ende 2010 veröffentlichen die Heidelberger Wissenschaftler ihr nächstes Konfliktbarometer. (Text: Friedbert Baer)

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