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"Iraqi Freedom": Jagd nach Saddam Hussein: Die Mär vom schnellen Krieg

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Irak, im März 2013: Eine Autobombe in einem Schiiten-Viertel der Hauptstadt Bagdad richtet Verwüstungen an. (Foto: REUTERS)

Irak, im März 2013: Eine Autobombe in einem Schiiten-Viertel der Hauptstadt Bagdad richtet Verwüstungen an.

Irak, im März 2013: Eine Autobombe in einem Schiiten-Viertel der Hauptstadt Bagdad richtet Verwüstungen an.

Dutzende Menschen sterben, es gibt zahlreiche Verletzte.

Bilder, die - wie hier in Kirkuk wenige Tage zuvor - zur Normalität gehören im Irak. In einem Land, das vor genau 10 Jahren in einen Konflikt gestürzt wurde, ...

... der bis heute anhält.

Dabei ist der Krieg im Irak nach offizieller Lesart doch schon lange vorbei. "Mission accomplished", verkündet der damalige US-Präsident George W. Bush an Bord des Flugzeugträgers "USS Abraham Lincoln" am 1. Mai 2003.

Es ist ein PR-Coup, der heute von vielen kritisch gesehen wird: Im Kampfjet ist der Republikaner auf das Kriegsschiff geflogen, um für beendet zu erklären, was mit dem 11. September 2001 seinen Lauf nahm.

Terroristen attackieren New York, das World Trade Center stürzt ein, rund 3000 Menschen sterben. "Nicht ist mehr so, wie es einmal war", lautet ein bekanntes Diktum aus diesen Tagen.

Es gilt auch für die Außenpolitik. George W. Bush, bis dahin wenig geprüfter Präsident der USA, reagiert entschlossen, Kritiker würden sagen: überzogen.

Dass sich der Irak einer Resolution gegen die Terrorangriffe anschließt, nimmt die Bush-Administration dem Land übel. Der Irak ist in ihren Augen Hort der Al-Kaida. Washington erinnert sich an den Golfkrieg, den Diktator Saddam Hussein an der Macht überlebte. Das soll sich nun ändern, so die Haltung des Weißen Hauses. Der globale "war against terror" soll auch im Irak aufräumen.

Um die internationale Gemeinschaft auf die Seite der USA zu bringen, behauptet Außenminister Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat, Geheimdienstinformationen zufolge sei Saddam Hussein im Besitz von Massenvernichtungswaffen.

Er präsentiert detaillierte Karten und ...

... Aufklärungsfotos, die belegen sollen: Von dem irakischen Diktator Saddam Hussein geht eine Gefahr aus, die ein Einschreiten der Weltgemeinschaft nötig macht. Im Verlauf der späteren Invasion taucht keine der angegebenen Massenvernichtungswaffen auf.

Zudem führen die USA stets an, dass die Bevölkerung des Irak unter Menschenrechtsverletzungen des Regimes leide. Der Irakkrieg, der beginnen sollte, wird zum Befreiungskrieg erklärt und "Iraqi Freedom" getauft.

Die Überzeugungsarbeit scheitert in Teilen der Welt. "I am not convinced", erwidert der deutsche Außenminister Joschka Fischer US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nur drei Tage nach dem Plädoyer Powells bei der Münchener Sicherheitskonferenz. Rot-Grün will sich nicht an einer Invasion beteiligen.

Andere, wie etwa der britische Premier Tony Blair, stehen zum transatlantischen Verbündeten. Die USA versammelt die treuen Staaten in einer "Koalition der Willigen". 43 Länder sind in ihr vertreten - eine Anzahl, die das Folgende rechtfertigen soll: Den Angriff des Irak ohne gültiges Mandat der Vereinten Nationen.

Das Regime im Irak gibt sich unbeeindruckt.

Zwar rüstet sich Bagdad auf einen Angriff auf die Hauptstadt, doch offiziell ist von Furcht vor dem übermächtigen Gegner nichts zu vernehmen.

Dabei treffen schon die ersten Kriegstage das Regime ins Mark. Mit Luftangriffen nehmen die USA ab dem 20. März 2003 Ziele in der Hauptstadt ins Visier. Vor allem die vielen Paläste Husseins sollen Schaden nehmen - in der Hoffnung, den Diktator zur Aufgabe zu bewegen.

Die infernalischen Bilder aus dem nächtlichen Bagdad gehen um die Welt. Sie sollen die Macht und Entschlossenheit der USA verdeutlichen und sind Teil der sogenannten "Shock and Awe"-Kampagne (Schrecken und Ehrfurcht). Vom ersten Tag an soll den gegnerischen Truppen klargemacht werden, dass sie keine Chance haben.

Parallel dazu beginnt die internationale Koalition mit der Bodenoffensive.

Von Kuwait und Jordanien aus dringen Soldaten in den Irak ein.

Sie rücken rasch vor. Schon nach zwei Tagen haben sie etwa 200 Kilometer an Boden gewonnen. Nur vier Tage nach Beginn des Kriegs stehen die Truppen rund 100 Kilometer vor Bagdad.

Die irakischen Streitkräfte sind der modernen Kriegsmacht USA heillos unterlegen.

Einzig die schwierigen Umweltbedingungen machen den amerikanischen Wüstenkriegern zu schaffen.

Kleinere Kriegserfolge wie hier der Abschuss eines Apache-Helikopters werden vom Saddam-Regime in große Propagandasiege umgedichtet.

Doch die Bevölkerung merkt schnell, wer in dem Konflikt die Oberhand gewonnen hat. An Not zu leiden haben, wie immer im Krieg, vor allen die unbeteiligten Zivilisten.

Bilder wie dieses gehen um die Welt und zeigen den Irrsinn der Operation: Ein US-Soldat hält ein irakisches Mädchen in den Armen, dessen Familie im Kreuzfeuer der beiden Kriegsgegner ums Leben gekommen ist.

Die schwersten Gefechte gibt es um die Hauptstadt Bagdad. Doch auch das Machtzentrum Iraks fällt relativ schnell.

Innerhalb weniger Tage erreichen die US-Truppen das Stadtzentrum und nehmen Bagdad am 9. April 2003 ein. Ein befürchteter lang andauernder Häuserkampf bleibt aus.

In Bagdad reißen die Eroberer symbolträchtig das Bildnis Saddam Husseins vom Sockel. Noch rund drei Wochen setzen die Invasoren ihre Gefechte fort, bis sie am 1. Mai das komplette Staatsgebiet sowie die Lage insgesamt unter ihrer Kontrolle zu haben glauben - ein ungeheuerlicher Trugschluss, wie sich später erweisen soll.

Mit Sympathiebekundungen werden die Truppen empfangen. Doch das "Bay Bay Sadam" dieses Irakers ist noch verfrüht. Des Diktatoren selbst werden die Soldaten zunächst nicht habhaft.

Sie stoßen lediglich auf die Monumente der Macht Husseins - seine Anwesen und Paläste, ...

... die vom unfassbaren Reichtum des Herrschers zeugen. Hussein hatte 24 Jahre lang von den Rohstoffen des Landes profitiert. Sein 30-Millionen-Volk hielt er dagegen klein. Nach dem Ende seiner Herrschaft steht es vor den Trümmern einer einst stolzen Nation.

Im krassen Widerspruch zu diesen Bildern von Prunk und Protz stehen die Aufnahmen von der Festnahme Saddam Husseins. Er wird am 13. Dezember von US-Soldaten in einem Erdloch in der Nähe seiner Heimatstadt Tikrit gefunden.

Die Sieger des Irakkriegs präsentieren einen Besiegten, der von den Monaten im Untergrund gezeichnet ist. Er ist offiziell Kriegsgefangener, wird nach der Übergabe der Macht der irakischen Justiz ausgeliefert.

Ein viel beachteter Prozess gegen den einstigen Machthaber beginnt. Hussein will die Rechtmäßigkeit des Verfahrens nicht anerkennen: "Ich bin Saddam Hussein, der Präsident des Irak", sagt er.

Saddam-Anhänger und USA-Kritiker werfen dem Tribunal "Siegerjustiz" vor. Fakt ist: Die Jury befindet Hussein wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit für schuldig.

Seine Strafe: der Tod durch den Strang.

In der Welt löst der Krieg im Irak derweil eine Welle des Protests aus. Eine gesamteuropäische Antikriegsbewegung bildet sich, die sich im Besonderen auf die Person George W. Bush konzentriert.

Die Menschen werfen ihm Kriegstreiberei aus wirtschaftlichem Kalkül vor. Viele Menschen glauben: Ein Krieg gegen das Saddam-Regime ändert nichts an der Misere des Landes. Eine Demokratisierung des Irak könne von der Invasion nicht eingeleitet werden. Und: Die Behauptung eines schnellen militärischen Erfolgs bleibt eine Illusion.

Zumindest mit letzterer Aussagen dürften die Kriegsgegner recht behalten. Im Irak wird auch nach dem vermeintlichen Ende des Kriegs weiter getötet.

Immer wieder verüben Aufständische Anschläge. Es gibt während der sich anschließenden fast neunjährigen Besatzung weiter Gefechte.

Dass die USA der Lage nicht Herr werden, liegt auch daran, dass sich das Land parallel in einem zweiten Antiterrorkrieg verzettelt. Experten sind sicher: Hätte sich die Supermacht auf einen der beiden Kriegsschauplätze konzentriert, wäre die Lage im Irak respektive in Afghanistan besser. Die Entwicklung nach 2006, als die USA die Truppenstärke im Irak noch einmal massiv erhöhte, beweist das: Seither kommt es zu wesentlich weniger Toten.

Die Gesamtbilanz ist dennoch - nicht nur für die USA - schrecklich. Während im Zuge des Einmarsches bis Mai 2003 "nur" rund 2500 Mann auf beiden Seiten fallen, werden bis März 2012 über 15.000 Mann getötet.

Und bei dieser Zählung sind die vielen zivilen Opfer noch nicht einberechnet. Die Schätzungen gehen auseinander: von bis zu 200.000 Todesopfern ist die Rede. Hinzu kommen unzählige Verletzte, Vertriebene, Verstörte.

Gegen das unendliche menschliche Leid, das der Irakkrieg und die sich anschließende Zeit der politischen Instabilität bringen, verblassen die monetären Kosten. Doch auch die monströse Zahl von bis 2,2 Billionen US-Dollar sei genannt.

Wesentlich schwerer wiegt die moralische Schuld, die die Besatzer auf sich laden. Es kommt zu schier unvorstellbaren Auswüchsen.

In Abu Ghreib, einem Militärgefängnis im Irak, werden Gefangene gefoltert. Diesem Gefangenen sind Drähte an Händen und Penis befestigt worden. Ihm wurden Stromschläge angedroht, sollte er von der Kiste fallen, auf die er gestellt wurde.

Fotos von den Misshandlungen gelangen an die Öffentlichkeit. Die Aufnahmen zeigen US-Militärs, die vor toten Insassen posieren.

Zur Symbolfigur der Zustände in Abu Ghreib wird die Soldatin Lynndie England. Sie hält einen von Folter gezeichneten Gefangenen wie einen Hund an der Leine. Die Bilder lösen einen Aufruhr aus.

Kriegsgegner in der Heimat fühlen sich bestätigt.

Für die Iraker wird Abu Ghreib zum doppelten Symbol. Nach Ende der Diktatur Husseins stürmten es noch hunderte Iraker als Sinnbild des Terrors des Regimes. Nun, unter US-Herrschaft, strahlt es neuen Horror aus.

Im Irak werden mit der Zeit die Stimmen immer lauter, die einen Abzug der US-Streitkräfte fordern.

Im Jahr 2011 macht schließlich der Demokrat und Nachfolger von George W. Bush als US-Präsident, Barack Obama, eines seiner Wahlverprechen wahr.

Er zieht die letzten Truppen aus dem Irak ab.

Die USA überlassen das Land nach neun Jahren der Besatzung seinem Schicksal.

Sie hinterlassen einen Irak, in dem zwar alles anders, aber längst nicht alles gut ist. Zwar können die Menschen frei wählen ...

... und offiziell selbst für ihre Sicherheit sorgen.

Doch immer wieder das Land erschütternde Anschläge zeugen von der tiefen Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen einstigen Saddam-Anhängern und -Gegnern, zwischen Verfechtern der neuen demokratischen Ordnung und islamistischen Kräften.

Ministerpräsident Nuri al-Maliki, ein Schiite, bekommt die Probleme des Landes nicht in den Griff. Seine Regierung, ein erzwungenes Bündnis aus Schiiten und Sunniten, ist heillos zerstritten. Wichtige Gesetze bleiben aus, die Versorgung mit wichtigen Gütern funktioniert nicht. Hinzu kommen Gebietsstreitigkeiten im Norden des Landes und die ungeklärte Frage, wie die Einnahmen aus dem Energiesektor verteilt werden sollen.

Die Korruption ist ein allumfassendes Übel im Irak. Auch dem Ministerpräsidenten wird unterstellt, für seinen eigenen Vorteil zu handeln.

Nach einem Schlaganfall ist seit Dezember 2012 zudem Präsident Dschalal Talabani als institutionelles Gegengewicht ausgefallen. Maliki kann mit Hilfe des schiitischen Sicherheitsapparats schalten und walten.

In den vergangenen Monaten hat sich deswegen eine Protestbewegung gebildet, die sich im Wesentlichen aus Sunniten zusammensetzt und sich gegen die Regierung richtet.

Was wirkt wie der gesunde Ausdruck demokratischen Protests, ist mit Vorsicht zu genießen. Die Demonstranten lassen sich gerne fotografieren mit der rot-weiß-schwarzen Flagge mit drei grünen Sternen - der Flagge, die eigentlich mit dem Sturz Saddam Husseins abgeschafft wurde.

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