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Politik

Franz Josef Strauß: Die Verkörperung von Bayern

 
In Bayern war er eine Lichtgestalt, im Rest der Republik für viele eine Provokation. Eine Legende ist Franz Josef Strauß bis heute.

In Bayern war er eine Lichtgestalt, im Rest der Republik für viele eine Provokation. Eine Legende ist Franz Josef Strauß bis heute.

Strauß war 29, als der Zweite Weltkrieg endete. Er starb zwei Jahre vor der Wiedervereinigung Deutschlands. Kaum ein Politiker war so eng mit dem alten Westdeutschland verbunden wie er.

Seine Wurzeln liegen in einer anderen Zeit. Franz Josef Strauß kommt am 6. September 1915 zur Welt. Seit einem Jahr tobt der Erste Weltkrieg.

Bayern hat noch einen König, Deutschland einen Kaiser. Der kleine Franz Josef Strauß heißt wie sein Vater. Der ist Metzger und stammt aus Mittelfranken. Mutter Walburga kommt aus dem niederbayerischen Kelheim.

Die Familie lebt in der Münchner Maxvorstadt, damals ein Arbeiterviertel. Der Vater ist Mitglied der Bayerischen Volkspartei. Franz, wie Strauß junior genannt wird, hat eine acht Jahre ältere Schwester, Maria (Bild).

Er ist ein ausgezeichneter Schüler. Er schafft es - für seine Herkunft ungewöhnlich - aufs Gymnasium und legt dort 1935 das bayernweit beste Abitur ab. "Er verläßt die Schule mit einem durchweg sehr erfreulichen Maß gediegener Kenntnisse", heißt es in seinem Zeugnis.

Ab 1936 studiert Strauß Deutsch, Geschichte, Altphilologie und Volkswirtschaft. Er will Gymnasiallehrer werden, Studienrat. Doch er muss sein Studium unterbrechen; ...

... wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen wird er eingezogen. Während eines Fronturlaubs im März/April 1940 legt Strauß das Erste Staatsexamen ab. Anschließend wird er an die Westfront geschickt.

Zwischen November 1940 und April 1941 wird Strauß erneut beurlaubt. Er macht sein Referendariat, ist Assistent am Altphilologischen und Althistorischen Seminar der Uni München und beginnt eine altphilologische Dissertation, die 1944 verbrennt.

Am 16. April 1941 wird Strauß erneut eingezogen. Er nimmt an dem am 22. Juni 1941 beginnenden Krieg gegen die Sowjetunion teil.

Strauß hat Glück im Unglück: Vor Stalingrad erleidet er so schwere Erfrierungen an den Füßen, dass er ausgeflogen wird. Im pommerschen Stolpmünde an der Ostsee wird er zum Ausbildungsoffizier ausgebildet.

1943 wird er an die Flakschule im oberbayerischen Altenstadt geschickt; heute steht dort die Franz-Josef-Strauß-Kaserne. Ende April 1945 wird Strauß hier von US-Soldaten festgenommen. Er wird ins nahe gelegene Schongau gebracht und fünf Wochen interniert.

Da er Englisch spricht und kein Nazi war, setzen die Amerikaner ihn als stellvertretenden Landrat ein. Das ist der Beginn seiner politischen Karriere. Strauß gründet den Schongauer Kreisverband der CSU.

Strauß wird Landrat, Abgeordneter im Frankfurter Wirtschaftsrat (eine Art Proto-Parlament der Bizone), CSU-Geschäftsführer, CSU-Generalsekretär, 1949 Mitglied des ersten Deutschen Bundestags (Bild).

Im Bundestag wird Strauß Chef der CSU-Landesgruppe und stellvertretender Fraktionsvorsitzender, in seiner Partei 1952 Stellvertreter von CSU-Chef Josef Müller (genannt "Ochsensepp", links im Bild).

Strauß hat große Ziele, seinen Schwerpunkt legt er auf die der Außen- und Sicherheitspolitik.

Nach der Wahl von 1953 geht es mit seiner Karriere steil nach oben: Strauß wird einer von vier Bundesministern "für besondere Aufgaben", 1955 Atomminister.

1957 heiratet Strauß Marianne Zwicknagl, die er auf einem Faschingsball in München kennengelernt hat.

Anders als Strauß kommt Marianne aus einer großbürgerlichen Familie. Ihr Vater besitzt einen Gutshof und eine Brauerei und ist deutscher Konsul in Innsbruck.

Marianne Zwicknagl hat studiert, unter anderem in Grenoble, Paris und London. Als Strauß sie kennenlernt, führt sie die Geschäfte der Brauerei ihres Vaters.

"Ich habe gut geheiratet, nicht sehr gut, aber gut", schreibt Strauß nach der Hochzeit einem Freund.

Die Ehe wird Höhen und Tiefen haben; ...

... Strauß gilt als "Lebemann", ...

... doch seine Frau hält zu ihm.

Als Marianne Strauß 1984 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt, ...

... ist Strauß "am Boden zerstört", wie seine Tochter Monika Hohlmeier später berichtet.

Seit 1957 ist Strauß Verteidigungsminister. Als solcher legt er Pläne für eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr vor, kann sich damit jedoch nicht durchsetzen.

Zwei Skandale des Jahres 1958 charakterisieren Strauß' Amtsverständnis. Der eine beginnt harmlos: Ein Verkehrspolizist zeigt Strauß' Fahrer an, weil dieser vor dem Palais Schaumburg (Bild), dem Sitz des Kanzleramts, falsch abgebogen war.

Der "Spiegel" berichtet ausführlich über die Angelegenheit: Strauß - der "Bajuware im Ministerrang" - kommt in dem Artikel nicht gut weg. Doch Strauß selbst gibt sich alle Mühe, schlecht dazustehen.

Er droht Hauptwachtmeister Siegfried Hahlbohm, er werde "dafür sorgen, daß Sie von der Kreuzung verschwinden", und erstattet Anzeige gegen den Beamten - erfolglos. Ein Ermittlungsverfahren gegen Hahlbohm wird eingestellt.

Weitaus folgenschwerer ist der Starfighter-Skandal: 1958 entscheidet Strauß, Starfighter des US-Konzerns Lockheed anzuschaffen. Der deutsche Lockheed-Repräsentant ist ein Freund des Ministers.

Strauß ordert 700 Maschinen, noch bevor der auf deutsche Bedürfnisse umgerüstete Prototyp getestet wird. Viele Starfighter stürzen ab, 1965 kommen 15 Starfighter-Piloten der Bundeswehr ums Leben.

In den Medien heißt der Starfighter bald "Witwenmacher". Bis 1991 sterben 116 Piloten bei Starfighter-Unfällen.

1962 stürzt Strauß über die "Spiegel"-Affäre. Herausgeber Rudolf Augstein ist dem Verteidigungsminister schon seit 1957 in inniger Feindschaft verbunden; ...

... Augstein hält Strauß für gefährlich, er will den CSU-Mann stoppen. Strauß wird zum Lieblingsziel für das "Sturmgeschütz der Demokratie".

Im Oktober 1962 erscheint im "Spiegel" ein Artikel über die NATO-Übung "Fallex 62", in dem beschrieben wird, "daß die Vorbereitungen der Bundesregierung für den Verteidigungsfall völlig ungenügend sind".

Es ist die Zeit der Kuba-Krise. Die Bundesanwaltschaft wirft dem "Spiegel" Landesverrat vor. Die Redaktion wird durchsucht, Rudolf Augstein (Bild) und der Autor des Artikels, Conrad Ahlers, werden verhaftet.

Strauß behauptet, er habe "nichts, im buchstäblichen Sinne nichts" mit der Sache zu tun. Eine Lüge. Er muss schließlich einräumen, persönlich für die Festnahme von Ahlers gesorgt zu haben. Die FDP droht, ihre Minister abzuziehen. Strauß muss gehen.

Doch die "Spiegel"-Affäre unterbricht Strauß' Karriere lediglich. Seit 1961 ist er Chef der CSU. Er wird dieses Amt bis zu seinem Tod behalten.

Nach Bildung der Großen Koalition im November 1966 unter Kanzler Kiesinger wird Strauß Finanzminister.

Die Zusammenarbeit mit dem sozialdemokratischen Wirtschaftsminister Karl Schiller (Bild) klappt gut; die Medien taufen die beiden schon äußerlich unterschiedlichen Männer nach zwei Figuren von Wilhelm Busch: "Plisch und Plum".

1969, als eine Koalition aus SPD und FDP die Regierung übernimmt, bleibt Strauß im Bundestag.

Er bekämpft die Ostpolitik von Bundeskanzler Willy Brandt, reist jedoch 1975 in die Volksrepublik China.

Im Bundestagswahlkampf 1976, den Helmut Kohl als Kanzlerkandidat der Union bestreitet, ist Strauß Schatten-Finanzminister.

Nach der Wahlniederlage verkündet Strauß in Wildbad Kreuth die Aufhebung der Fraktionsgemeinschaft mit der CDU.

Aus dieser Zeit ist bekannt, was Strauß von Kohl hält: "Der wird nie Kanzler werden. Der ist total unfähig, ihm fehlen alle charakterlichen, geistigen und politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles."

Doch Kohl bezwingt den Bayern. Er droht, einen CDU-Landesverband in Bayern zu gründen. Die CSU kehrt in die Fraktionsgemeinschaft zurück.

1978 kann Strauß von den harten Bonner Oppositionsbänken auf den Sitz des bayerischen Ministerpräsidenten nach München wechseln. Er wird Nachfolger von Alfons Goppel, der seit 1962 an der Spitze des Freistaates stand.

Im Vorfeld der Bundestagswahl von 1980 setzt Strauß sich gegen den niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht als Kanzlerkandidat der Union durch. Für Kohl eine hilfreiche Entscheidung, wie sich später zeigen wird.

Der von Generalsekretär Edmund Stoiber gemanagte Wahlkampf ...

... wird zu einem spektakulären Kulturkampf gegen Strauß ...

... und für Strauß zu einem Fiasko.

Strauß verliert. Er habe es geschafft, "das beschämende Wahlergebnis Rainer Barzels 1972 von 44,9 Prozent noch um 0,4 Prozentpunkte zu unterbieten", höhnt der "Spiegel".

Fortan bleibt Strauß in Bayern. Im Bonn der achtziger Jahre wirkt er zunehmend fremd, wie ein Relikt aus einer anderen Zeit.

1982, als Kohl zum Bundeskanzler wird, entscheidet sich der CSU-Chef gegen einen Posten im Bundeskabinett - obwohl er angekündigt hatte, im Falle einer Regierungsübernahme der Union nach Bonn zu gehen.

"Für mich ist's gar nicht mehr schön: Der Wehner kommt nicht mehr, der Schmidt will nicht mehr, was hab' ich da noch in Bonn verloren", sagt er im Oktober 1982.

Ausgerechnet Strauß fädelt im Mai 1983 mit dem DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski einen spektakulären Deal ein: Die Bundesregierung bürgt für einen Bankkredit von knapp einer Milliarde D-Mark an die DDR.

Strauß argumentiert, die Bürgschaft habe den Ostdeutschen genutzt. Tatsächlich baut die DDR in der Folge Selbstschussanlagen an der Grenze ab und genehmigt mehr Ausreiseanträge.

Von 8000 im Jahr 1983 steigt die Zahl der Ausreisen auf 35.000 im Jahr 1984.

Trotzdem ist der Kredit selbst für viele CSU-Mitglieder nicht nachvollziehbar. Auf Unverständnis stößt vor allem Strauß' fast freundschaftlicher Umgang mit der Staatsspitze in Ostberlin.

Berührungsängste mit Diktaturen sind Strauß generell fremd. 1984 nimmt er den südafrikanischen "Orden der Guten Hoffnung" entgegen. Das Bild zeigt ihn im selben Jahr in Bonn mit dem südafrikanischen Premier Pieter Willem Botha.

1977 trifft er den chilenischen Militärmachthaber Pinochet und besucht die umstrittene Colonia Dignidad, deren Leiter Paul Schäfer 2004 wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs verurteilt wird.

Besonders eng ist Strauß' Freundschaft mit General Eyadéma, dem Präsidenten von Togo. Strauß "delektiert sich an der sprichwörtlichen innenpolitischen Stabilität der rüden Einmanndiktatur seines schwarzen Freundes Eyadema", mokiert sich der "Spiegel" 1983.

Im Dezember 1987 fliegt die CSU-Spitze nach Moskau. Strauß selbst sitzt am Steuer der Cessna Citation. Trotz schweren Schneesturms bringt der Hobby-Pilot die Maschine sicher zur Landung.

Als Pilot tritt Strauß auch bei seinem letzten Skandal auf: 1988 drückt er in Bonn die Steuerbefreiung für Flugbenzin durch. Ein Skandal, der auch zahlreiche Abgeordnete der CSU empört.

Am 1. Oktober 1988 erleidet Strauß bei einer Hirschjagd nahe Regensburg einen Zusammenbruch. Er stirbt am 3. Oktober, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

In der CSU bleibt Strauß ein Mythos.

"Er hat in besonderer Weise die Verbindung von Tradition und Fortschritt vorangetrieben und auch selbst verkörpert", sagt Bayerns Landtagspräsident Alois Glück.

FJS polarisiert bis heute. Zu jedem Strauß gibt es ein Gegenbild. Strauß war Machtmensch und Familienmensch, ...

... ein Law-and-Order-Politiker, der Gesetze gering achtete, wenn dies dem "höheren Ziel" diente.

Helmut Kohl hat Strauß einmal recht treffend beschrieben. Strauß sei ein Mann der "lauten Töne" gewesen, aber "kein starker Mann".

Sein Problem sei gewesen, "dass er den Motor eines schweren Lasters hat, aber die Bremsen von einem Kleinwagen". Strauß habe zwar Intelligenz besessen, aber einen Mangel an Klugheit.

Strauß selbst sagte 1977 etwas ganz Ähnliches über sich: "Ich bin g'scheit und faul, daher zum Truppenführer geeignet." (Text: Hubertus Volmer)

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